Alle Wissenschaft ist vorläufig – und doch wertvoller als Aberglaube
Erkenntnis und Fortschritt basieren auf institutionalisiertem Misstrauen. Die Wissenschaft ist keine Wahrheitsinstanz, sondern eine Institution, in welcher der Konkurrenzgeist lebt.
Ihrem ursprünglichen Anspruch nach sollte die Wissenschaft der Versuchung widerstehen, Behauptungen vorschnell für wahr zu erklären. Erst was nach den Regeln der Disziplin sorgfältig geprüft wurde, verdient Geltung – und erst dann sollten wir dazu ermutigt werden, unser Handeln nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten.
Ist «Wissenschaft» also die Wahrheitsinstanz, an der wir uns vorbehaltlos orientieren sollen? So einfach ist die Antwort nicht. Denn erstens stellt sich die Frage, wofür «die Wissenschaft» überhaupt zuständig ist. Und zweitens, ob die Felder dieser Zuständigkeit überall dieselbe Stabilität wissenschaftlicher Erkenntnisse zulassen.
Folgenschwere Unterscheidung
Das Besondere der menschlichen Vernunft liegt in ihrer Fähigkeit, präzise und explizit zu fragen. Seit Aristoteles unterscheidet man zwei grosse Grundformen. Entweder fragen wir: «Was ist der Fall?» Oder wir stellen die Frage: «Was soll man tun?» Die erste eröffnet den Bereich der theoretischen, die zweite jenen der praktischen Vernunft.
Diese Unterscheidung ist folgenschwer. Sie bedeutet, dass sich die praktische Frage letztlich nicht auf theoretische Antworten reduzieren lässt. Denn die letzten Entscheidungen über die Ziele unseres Handelns liegen in der menschlichen Freiheit. Ob wir uns allein um das eigene oder um das gruppenspezifische Wohl kümmern oder – womöglich auf dessen Kosten – auch um das Wohl anderer, lässt sich nicht auf Gesetze egozentrischer Vorteilsmaximierung zurückführen. Es ist und bleibt ein Akt individueller Freiheit, der sich nicht durch wissenschaftlich erfassbare Kausalitäten berechnen lässt.
«Die letzten Entscheidungen über die Ziele unseres Handelns liegen in der menschlichen Freiheit.»
Die Domäne der Wissenschaft, verstanden als institutionalisiertes Misstrauen, liegt daher nicht im Bereich der praktischen Fragen. Sie besteht vielmehr darin, möglichst präzise zu klären, was der Fall ist: Ob X oder Nicht-X vorliegt; ob sich eine aus dem Gesetz G abgeleitete Prognose bewahrheitet; ob sich ein konkretes Phänomen (a) tatsächlich und wiederholt durch das behauptete A-Konzept erfassen lässt.
«Institutionalisiertes Misstrauen» bezeichnet das wissenschaftliche Prüfverfahren im Bereich theoretischer Fragen. Am Beispiel der Naturwissenschaft lässt sich diese Methode auf grundlegender Ebene leicht erklären. Es geht um die sorgfältige empirische Bestätigung einer als gültig angenommenen Gesetzeshypothese, die verlässliche Aussagen über das Verhalten einzelner Dinge und ihre Zusammenhänge verspricht. Galileis Fallgesetze, die er (angeblich) am Turm von Pisa demonstrierte, liefern dafür ein anschauliches Beispiel.
Genau betrachtet ist die sogenannte «Verifikation» regelgeleiteter Prognosen hochkomplex und je nach Forschungsfeld unterschiedlich ausgestaltet. Im Kern geht es jedoch darum, die Übereinstimmung zwischen einem Einzelereignis und der vorausgesetzten Erwartung nachzuweisen. Gelingt dies, ist die Vielfalt des Geschehens im Hier und Jetzt zumindest teilweise auf die ihm zugrunde liegende Gesetzmässigkeit durchsichtig gemacht.
Der Philosoph Robert Spaemann hat einmal auf die Nachteile dieser Methode aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, dass die moderne Wissenschaft die Natur im Grunde zum blossen Material menschlicher Herrschaft mache: «Naturgesetze erheben nicht den Anspruch, das ‹Wesen› natürlicher Prozesse zu erfassen, sondern sie sind die Regeln, welchen diese Prozesse folgen, wenn der Mensch sie aus ihren natürlichen Prozessen herauslöst und sie als Beispiel seiner künstlichen, ideal-physikalisch-mathematischen Modelle interpretiert.»
Anders gesagt: Der Preis für die Erfolge der wissenschaftlichen Methode ist eine Verkürzung dessen, wie wir die Natur betrachten und erfahren, nämlich allein als Gesamtheit messbarer, im Experiment wiederholbarer Grössen. Ob Natur und Leben nicht umfassender sind als alles Messbare, das ist keine naturwissenschaftliche Frage mehr.
Erkenntnis bewährt sich – ist aber nicht ewig wahr
Das «institutionalisierte Misstrauen» der modernen Naturwissenschaft ist jedenfalls mit der Tatsache verknüpft, dass sich die Wissenschaft einer perspektivischen, prinzipiell limitierten Weltsicht verdankt. Diese führt zu enormem Wissenszuwachs und zu den bekannten Fortschritten besonders im technischen Bereich.
Dass es im Wissenschaftsbetrieb gleichwohl Betrug gibt oder Ergebnisse vorschnell als bewiesen verkündet werden, ist unstrittig. Aber es ist nicht allein die Berufsethik der in der Scientific Community Arbeitenden, die dafür sorgt, dass solche Dinge korrigiert werden. Das «institutionalisierte Misstrauen» befeuert auch den Konkurrenzgeist innerhalb der Community. Jedes neue und besondere Forschungsergebnis muss sich vielfach kritisch wiederholen und durchleuchten lassen, bevor es den Status gefestigter, rationaler Plausibilität gewinnt. Und selbst dieser Status mahnt alle wissenschaftlich Tätigen, nichts für ewig wahr zu halten – was zugleich erlaubt, dem zu folgen, was sich bewährt hat.
Wissenschaft hält nichts für gültig, was der wissenschaftspraktischen Diskussion nicht standgehalten hat. Das ist eine Tatsache, die gleichermassen zur Natur- wie zur Geisteswissenschaft gehört. Obwohl die Erkenntnisrelativität und Perspektivenbindung in der Geisteswissenschaft sehr viel einfacher zu bemerken ist als in den Naturwissenschaften, geht es auch bei ihr um nichts anderes als um die rationale Akzeptabilität ihrer Ergebnisse. Die Differenz zwischen den zwei Wissenschaftssorten liegt nicht in der Sorgfalt, mit der die Beweisschritte vollzogen und abgesichert werden, sondern in der viel offensichtlicheren Relativität der speziellen, geisteswissenschaftlichen Untersuchungsposition.
«Wissenschaft hält nichts für gültig, was der wissenschaftspraktischen Diskussion nicht standgehalten hat.»
So erscheint – zum Beispiel – in der geschichtswissenschaftlichen Darstellung das Bild des Reformators Luther unterschiedlich, je nachdem, ob es aus evangelischer, katholischer oder primär religionskritischer Sicht betrachtet wird. Grundlegend für die Brauchbarkeit der jeweiligen Ergebnisse ist zuallererst aber (nicht anders als in der Naturwissenschaft), wie objektiv belastbar die dabei verwendeten historischen Belege (Dokumente, Quellen, Archive) sind.
Auf die angedeuteten, tiefen Unterschiede zwischen Wissenschaftstypen ist nicht weiter einzugehen. Zentral für alle Typen sind jedoch zwei Dinge: Erstens, dass jede Wissenschaft eine bestimmte Blickrichtung hat. Sie erfasst also nur einen definierten Ausschnitt des jeweils Gegebenen. Zweitens, dass die Wissenschaft das, was ihr begegnet, systematisch auf seine Verlässlichkeit prüft, um es dann als «rational plausibel» und gut abgesichert anzuerkennen – und zugleich immer als prinzipiell vorläufig.
Kein Freipass für «alternative Fakten»
Alle wissenschaftliche Erkenntnis ist vorläufig und relativ. Das ist aber kein Freipass für «alternative Fakten» oder einen radikalen Skeptizismus, der am Ende nicht mehr unterscheiden kann zwischen Wissenschaft, Esoterik und Aberglaube.
Viele, welche die Verlässlichkeit der Wissenschaft in Zweifel ziehen, machen einen logischen Fehler. Aus der allgemein bekannten Tatsache, dass jede Erkenntnis des Menschen relativ ist, ziehen sie den Schluss, dass der wissenschaftliche Zugang zur Welt genauso relativ ist wie jeder andere, subjektive Zugang – so, als seien wissenschaftliche und unwissenschaftliche Methoden mehr oder weniger gleich zuverlässig. Doch wer die Möglichkeit betont, dass es neben der Wissenschaft auch andere Weltbezüge gibt, hat damit noch gar nichts gegen die Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Aussagen vorgebracht. Er erinnert nur daran, dass man die Welt unterschiedlich sehen kann. Er sagt, was man immer schon weiss: dass die Summe unserer Erfahrungen grösser ist als der Bereich des wissenschaftlich Erfassten.
Der Poet beschreibt das Fliessen eines Flusses anders als die Gelehrte der ingenieurwissenschaftlichen Strömungskunde. Das zuzugeben, ist kein Grund, an der Autorität der Wissenschaft zu zweifeln. Wer sich beim Vorhaben, ein Flusskraftwerk zu bauen, an den Poeten hält, ist selber schuld, wenn er ins Wasser fällt und ertrinkt. Um das zu wissen, ist aber in der Tat keine Wissenschaft nötig. Dazu reichen der gesunde Menschenverstand und die Freiheit, ihm zu folgen.