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Zusammen ist man weniger allein

Um gegen Grossmächte zu bestehen, müssen kleine und mittlere Staaten stärker zusammenarbeiten. Die Schweiz könnte dabei eine Führungsrolle übernehmen.

Zusammen ist man weniger allein
Die Zölle der US-Regierung, unter anderem auf Pharmazeutika, betreffen viele Staaten. Diese koordinieren sich aber zu wenig. Bild: Unsplash.

Als Donald Trump kürzlich neue Importzölle verhängte, traf dies zahlreiche Handelspartner gleichzeitig. Doch statt gemeinsam zu reagieren, versuchte jedes Land zunächst, seinen eigenen Schaden zu begrenzen.

Die Episode illustriert ein grundlegendes Problem unserer Zeit: In einer Welt, in der Grossmächte ihr wirtschaftliches Gewicht zunehmend als Druckmittel einsetzen, laufen kleine und mittlere Staaten Gefahr, allein unterzugehen. Wenn sie ihre Antworten nicht koordinieren, geraten sie nacheinander unter Druck oder werden in einen Machtblock absorbiert. Für die Schweiz ist das keine theoretische Frage. Zölle und politischer Druck auf Handelsbeziehungen betreffen das exportabhängige Land unmittelbar. Die Schweiz sollte ihre Souveränität nicht nur verteidigen, sondern aktiv zur Grundlage einer Zusammenarbeit kleiner und mittlerer Staaten machen.

Aufteilung der Welt in Machtblöcke

Die Spannungen nehmen zu. Russland führt Krieg in der Ukraine. China erhöht den Druck auf Taiwan. Die USA verhängen einseitig Zölle. Gleichzeitig vertieft die EU ihre Integration und bindet Partner enger an ihren Rechtsrahmen. Für kleine Staaten wächst damit der Druck, sich einem Machtblock anzuschliessen. Auch die Schweiz steht vor solchen Entscheiden.

Grossmächte können Ländern, die nicht in der Lage sind, sich zu koordinieren, ihren Willen aufzwingen. Donald Trump würde davon abgehalten, seine Zölle einseitig zu erhöhen, wenn er befürchten müsste, dass der Rest der Welt sich zu einer gemeinsamen Gegenreaktion koordinieren kann. Doch er weiss, dass er Länder bilateral behandeln kann, indem er jedem von ihnen eine günstigere Behandlung in Aussicht stellt als den anderen. Und bei diesem Spiel geben fast alle Staaten nach.

Viele Länder stehen vor dem gleichen Problem: Sie wollen handeln, investieren und wachsen – ohne in geopolitische Abhängigkeit zu geraten. Hier liegt eine Chance.

Die Schweiz ist wirtschaftlich stark, aber politisch klein. Ihr Wohlstand beruht auf offenen Märkten und verlässlichen Rahmenbedingungen. Gerät sie in die Abhängigkeit eines Machtblocks, verliert sie Handlungsspielraum. Am Ende geraten Souveränität und direkte Demokratie unter Druck.

Doch die Alternative zu einem Machtblock ist nicht die Isolation. Es gibt einen dritten Weg. Statt sich einem Block anzuschliessen, könnte die Schweiz eine aktivere Rolle übernehmen. Viele Länder stehen vor dem gleichen Problem: Sie wollen handeln, investieren und wachsen – ohne in geopolitische Abhängigkeit zu geraten. Hier liegt eine Chance.

Handelsbeziehungen diversifizieren

Kleine und mittlere Staaten sollten ihre wirtschaftlichen Beziehungen untereinander ausbauen, um weniger abhängig von Grossmächten zu sein. Je breiter die Verflechtungen, desto geringer die Erpressbarkeit.

Zugleich sollten sie sich darauf verständigen, den Handel untereinander nicht zu politisieren. Staatliche Eingriffe – zum Beispiel Sanktionen – sollten auf klar definierte Ausnahmefälle beschränkt bleiben. Diese Verpflichtungen wären verbindlich. Eine grössere Handelssicherheit zwischen diesen Ländern würde private Akteure dazu anregen, ihren Handel entsprechend umzulenken.

Es ist wahrscheinlich, dass die Grossmächte nicht bereit sind, sich in der Nutzung staatlicher Eingriffe (zum Beispiel wirtschaftlicher Sanktionen) einzuschränken, und daher nicht an diesem Gremium von Staaten teilnehmen dürften. Dies schliesst vermutlich auch die EU‑Staaten aus, weil ihre Handelspolitik von der EU-Kommission geführt wird, die solche Verpflichtungen wohl ebenfalls nicht akzeptieren würde. Aber die meisten anderen Länder könnten teilnehmen.

Koordiniertes Vorgehen

Heute sieht man, wie einzelne Länder nachgeben, wenn sie bilateral mit einer Grossmacht verhandeln. Isoliert ist ihre Verhandlungsposition schwach. Gemeinsam könnten kleine und mittlere Staaten mehr Gewicht entfalten, wenn sie ihre Positionen abstimmen.

Es geht dabei nicht um die Schaffung eines neuen politischen Blocks. Auch eine starre Allianz wäre nicht nötig. Denkbar wäre vielmehr ein institutionalisierter – aber bewusst schlank gehaltener – Rahmen, in dem kleine und mittlere Staaten ihre wirtschaftspolitischen Antworten koordinieren, Informationen austauschen und bei einseitigem Druck konsultativ vorgehen.

Gemeinsam könnten kleine und mittlere Staaten mehr Gewicht entfalten, wenn sie ihre Positionen abstimmen.

Ein solcher Rahmen könnte in der Praxis relativ einfach funktionieren. Wenn eine Grossmacht einseitig wirtschaftlichen Druck ausübt – etwa durch Strafzölle, wie sie die USA unter Donald Trump gegenüber verschiedenen Handelspartnern verhängt haben –, könnten betroffene Staaten einander rasch konsultieren und ihr weiteres Vorgehen abstimmen. Statt einzeln zu reagieren und nacheinander unter Druck zu geraten, könnten sie beispielsweise gemeinsame Gegenmassnahmen beschliessen oder koordinierte Verhandlungen führen. Zusammen hätten sie ein grösseres wirtschaftliches Gewicht.

Wichtig wäre dabei die Flexibilität. Nicht alle Staaten müssten sich an jeder Reaktion beteiligen. Vielmehr könnten sich jeweils jene Länder zusammenschliessen, die im konkreten Fall betroffen sind oder ein gemeinsames Interesse haben. Die Regeln und Instrumente würden daher von Fall zu Fall festgelegt.

Die Schweiz muss glaubwürdig sein

Die Schweiz könnte zum Katalysator einer solchen Koordination werden. Sie ist neutral, verfolgt keine geopolitischen Ambitionen, verfügt über grosse Erfahrung in internationalen Verhandlungen und beherbergt zahlreiche internationale Organisationen. Voraussetzung ist allerdings Glaubwürdigkeit. Wer selbst schrittweise Souveränität abgibt, kann andere kaum von eigenständiger Kooperation überzeugen.

Indem die Schweiz ihre Souveränität klar behauptet und gleichzeitig eine koordinierte Zusammenarbeit kleiner Staaten anstösst, kann sie einen dritten Weg aufzeigen: Statt Teil eines Machtblocks kann sie Initiatorin eines stabilisierenden Rahmens für souveräne Länder sein.

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