Herkunft wird überschätzt
Lukas Bärfuss: Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben. Hamburg: Rowohlt, 2022.

Herkunft wird überschätzt

Lukas Bärfuss: Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben.
Hamburg: Rowohlt, 2022.

In aktueller Literatur wird viel autobiografisiert. Es wird zurückgeblickt, noch und nöcher von den Eltern und Urahnen erzählt. Beinah wäre auch «Vaters Kiste» von Lukas Bärfuss ein ermüdendes Familienalbum geworden. Aber eben nur fast! Denn dafür ist es viel zu intelligent durchkomponiert. Es beginnt mit der zufälligen Entdeckung des titelgebenden Behältnisses, in dem sich allerlei Erinnerungsstücke an den eigenen Vater finden. Nachdem letzterer das Leben eines Dauerschuldners geführt hat, erweist sich das Andenken an ihn als belastet. «Und ein Widerwille gegen die Herkunft befiel mich», betont der Ich-Erzähler und stellt zugleich klar: «nicht gegen meine eigene, nein, gegen die Idee der Herkunft als solcher, diese Obsession, sich über seine Vorfahren zu definieren.» Mit diesem Satz gleitet der Büchner-Preisträger von der Anekdote zum Essay.

Problematisiert wird in diesem unser Verständnis einer linear und genealogisch gewachsenen Welt. Man denke zunächst an den Familienstammbaum, aber ebenso an die Genese des Kapitalismus, in dem der Autor eine fragwürdige ökonomische Übersetzung der Evolutionstheorie sieht: «Man hat, so scheint es, von Darwin viel gelernt, doch was er deskriptiv verstand, hat man normativ ins Werk gesetzt.» Aus dessen vermeintlicher Analyse, die in der Konkurrenz das Prinzip des Fortschritts ausmacht, wurde ein Narrativ.

Doch stimmt dieses letztlich die Figur der Herkunft verabsolutierende Gedankengebäude überhaupt? Anders als die Interpreten des Naturforschers argumentiert Bärfuss mit einem Zitat des Intellektuellen Thomas Carlyle: «Jedes einzelne Ereignis ist der Nachkomme nicht von einem, sondern von allen anderen Ereignissen, die vorher oder gleichzeitig stattfanden, und wird sich seinerseits mit allen anderen verbinden, um neue zu gebären: es ist ein […] ewig arbeitendes Chaos des Seins, in dem sich eine Form nach der anderen aus zahllosen Elementen herausbildet.» Anders gesagt: Wir müssen Individualität und Freiheit neu denken lernen, und dazu gibt dieses kleine Werk eine fantastische Anleitung.

Herfried Münkler (Humboldt Universität, Berlin) Foto: Stephan Röhl, http://www.stephan-roehl.de
«In einer schnelllebigen Zeit,
in der ‹Eine Meinung haben› allzu leicht mit ‹Ein Argument vorbringen› verwechselt wird,
ist eine Zeitschrift wie der MONAT unverzichtbar, die sich dem gründlichen Bedenken und Durchdenken von Möglichkeiten und Perspektiven politischen Handels verpflichtet fühlt.»
Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft,
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