Sie wollen kommen

Millionen von Menschen planen ihre Ausreise aus afrikanischen Ländern. Viele sehen ihre Chance in Europa. Sie sind auf der Suche nach Arbeit, Wohlstand und Komfort. Hat eine der grössten Wanderungsbewegungen der Menschheitsgeschichte erst begonnen?

Sie wollen kommen
Juni 2014, 25 Kilometer nördlich der libyschen Küste, photographiert von Massimo Sestini / Dukas.

Im Februar 1946 empfiehlt die UNO-Vollversammlung, dass ein Flüchtling gegen seine begründeten Einwände nicht in sein Heimatland zurückgeschickt werden dürfe.1 In dieser Geburtsstunde des internationalen Rechts auf Asyl leben auf der Welt 2,4 Milliarden Menschen. Ende 2015 werden es fünf Milliarden mehr sein. Das ist – für einmal passt das Wort – eine Herausforderung.

An Demographie dachte im Jahre 1946 niemand. Man kümmerte sich um die Entwurzelten des Zweiten Weltkriegs, die nicht in kommunistische Hände fallen wollten. Dass eines Tages viele hundert Millionen oder gar Milliarden von zu Hause nur noch weg wollen – und das ganz ohne Waffengetümmel –, lag jenseits aller Vorstellungskraft. Prognosen über 7,4 Milliarden Erdbewohner 2015 und mindestens 9,6 Milliarden mit Wohlstandsanspruch im Jahre 2050 wären als Machwerke durchgeknallter Professoren beiseitegelegt worden.

So ändert sich die Welt – allerdings nicht unbedingt der Blick auf sie. Die alte Welt hat immer noch Mühe, diese Dimensionen zu begreifen, weil sie in Europa selbst nicht greifbar sind. So gab es 1914 im Gebiet von Österreich, Deutschland und der Schweiz 80 Millionen Einwohner. 2014 sind es mit 95 Millionen nicht wesentlich mehr. Ohne Migranten wären es mit 75 Millionen sogar weniger. Lateinamerika hingegen hatte 1914 rund 75 Millionen Einwohner. 2014 sind es 615 Millionen. Hätte man sich im Gebiet von Österreich, Deutschland und der Schweiz ebenfalls um 820 Prozent vermehrt, hätten unsere Nachbarn es nicht mit 95, sondern mit 656 Millionen Deutschsprachigen zu tun.

Doch Europas unruhiger Südkontinent heisst nicht Lateinamerika, sondern Afrika. Dort wuchs die Bevölkerung zwischen 1914 und heute von 115 Millionen Menschen auf 1,1 Milliarden (35 pro Quadratkilometer gegen 115 in der EU). Rund 18 Millionen Tote aus Bürgerkriegen, grenzüberschreitenden Angriffen und Genoziden seit den 1950er Jahren haben immer wieder Resolutionen und gelegentlich auch Interventionen bewirkt. Der explosiven Wucht von so viel juveniler Kraft konnten diese jedoch nichts anhaben – die Bevölkerung in Afrika wächst rasant.

Den Kampf gegen die Kolonialmächte nahmen zu Beginn der 1960er Jahre rund 280 Millionen Afrikaner auf. Aber schon 2050 werden 2,4 Milliarden auf dem (auch dann noch dünn besiedelten) Kontinent denselben Komfort begehren wie ihre bereits nach Nordamerika oder Westeuropa entkommenen Verwandten. Da Kinder die Zukunft sind, ist nirgendwo mehr Zukunft als südlich des Mittelmeers: 25 Prozent des Nachwuchses unter 18 Jahren weltweit – das sind 540 Millionen – leben heute in Afrika. 37 Prozent bzw. eine Milliarde sollen es 2050 sein.2

2009 ermittelte das Beratungsunternehmen Gallup, dass 38 Prozent aller Afrikaner ihren Kontinent verlassen wollten.3 Bleibt das so, würden 2050 über 900 Millionen die Ausreise planen. Gegenüber rund 515 Millionen Menschen in der EU – plus Schweiz und Norwegen – wäre das die Basis für die grösste Wanderungsbewegung der Menschheitsgeschichte. Ein Brasilien mal vier müsste dann für Europas Karnevalsverrückte kein Traum mehr sein.

Der beliebte Einwand, dass diese 515 Millionen doch vornehmlich aus Wirtschaftsflüchtlingen bestünden und deshalb auf den Schutz der Asylgesetze keinen Anspruch hätten, könnte sich bald einmal als Irrtum erweisen. Denn in den meisten Subsahara-Ländern liegen die Kriegsindexmarken zwischen 4 und 6, sie sind also ein sehr heisses Pflaster. Auf hundert 55- bis 59-Jährige, die sich der Rente nähern, folgen dort 400 bis 600 Männer im Alter von 15 bis 19 Jahren, die den Kampf um eine Karriere unter schwierigen Bedingungen aufnehmen müssen – und denen dazu viele Mittel recht sind. Zum Vergleich: in der Schweiz und Österreich folgen nur 80 und in Deutschland sogar nur 70. Ab einem Kriegsindex von 3 ist die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Auseinandersetzungen gross, und sobald das Töten beginnt, werden aus Armutsflüchtlingen Kriegsflüchtlinge, die niemand in ihre Heimat zurückschicken darf.

Aufzuhalten ist der Zugang nach Europa auf legalem Wege also kaum bzw. nur…