Wirtschaftsbooms sterben nicht an Altersschwäche – sie werden ermordet
In seinem Buch «Recession» attackiert der frühere Trump-Berater Tyler Goodspeed eines der ältesten Narrative der Ökonomie.
Thomas Manns «Buddenbrooks» schildern den Untergang einer Kaufmannsdynastie, deren Niedergang bereits in deren Aufstieg angelegt war. Diese Vorstellung einer Entwicklung, die den Keim ihres eigenen Scheiterns in sich trägt, hält der amerikanische Ökonom Tyler Goodspeed für einen Irrtum. In seinem neuen Buch «Recession» argumentiert der frühere Trump-Berater und heutige ExxonMobil-Chefökonom, dass Konjunkturaufschwünge einander ähneln mögen, Rezessionen jedoch jeweils ihre eigene Ursache haben. In Anlehnung an Tolstois berühmten Satz aus «Anna Karenina» – «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich» – argumentiert Goodspeed: Nicht der Boom selbst trage den Keim seines Untergangs in sich – vielmehr seien es äussere Schocks, die ihn zu Fall brächten.
Damit begehrt Goodspeed gegen eines der ältesten Narrative der Ökonomie auf: dass auf jeden Boom unweigerlich der Absturz folge. Der klassische Konjunkturzyklus – Aufschwung, Boom, Abschwung, Rezession – sei weniger ökonomisches Gesetz als intellektuelle Gewohnheit. Dabei verweist er auf ein Diktum des früheren Fed-Präsidenten Ben Bernanke, der über Konjunkturaufschwünge sagte: «Economic expansions don’t die of old age. They get murdered.»
Nicht innere Widersprüche des Wachstums seien der Grund für Rezessionen, sondern äussere Schocks: Kriege, steigende Energiepreise, politische Fehlentscheidungen, Finanzkrisen oder Naturkatastrophen. Rezessionen erscheinen bei Goodspeed nicht als Schumpeter’sche «kreative Zerstörung», sondern als schmerzhafte Unterbrechungen eines grundsätzlich intakten Wachstums. Daraus leitet der Autor auch wirtschaftspolitische Konsequenzen ab: Staaten und Zentralbanken sollten Rezessionen nicht als notwendige Bereinigung missverstehen, sondern primär als schädliche Störungen, deren Folgen möglichst begrenzt werden müssten.
Die Stärke des Buches liegt in seiner historischen Tiefe. Goodspeed analysiert Jahrhunderte angloamerikanischer Wirtschaftsgeschichte und zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich die Ursachen grosser Abschwünge tatsächlich sind. Mal ist es ein Bankenkollaps, mal eine Naturkatastrophe, mal eine politische Fehlsteuerung – fast nie jedoch der unausweichliche Kollaps einer «überhitzten» Wirtschaft.
«Goodspeed analysiert Jahrhunderte angloamerikanischer Wirtschaftsgeschichte und zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich die Ursachen grosser Abschwünge tatsächlich sind»
Nicht jede Zuspitzung überzeugt restlos. Der Autor neigt dazu, strukturelle Fehlentwicklungen vorschnell als blosse Begleiterscheinungen externer Schocks zu relativieren. Das schmälert den Wert des Buches jedoch kaum: Es bietet eine Reihe anschaulicher historischer Beispiele und vertritt seine provokative These mit beachtlicher Konsequenz.
«Recession» ist eine kluge und anregende Intervention in eine oft unterkomplex geführte Debatte. Goodspeed erinnert daran, dass wirtschaftliche Expansionen nicht notwendigerweise die Saat ihres eigenen Untergangs in sich tragen. Mitunter genügt ein äusserer Schock, um selbst den robustesten Aufschwung jäh zu beenden.
Tyler Goodspeed: Recession: The Real Reasons Economies Shrink and What to Do About It.
New York: Basic Venture, 2026.