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Natalie Alkiviadou, zvg.

Widerspruch statt Zensur – mit Gegenrede digitalen Hass bekämpfen

Hassrede im Internet durch das Löschen von ​Inhalten und Ausschliessen von Personen zu​bekämpfen, ist ineffektiv. Besser und liberaler ist es, Hass direkt zu konfrontieren.

 

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Als Maria Júlia Coutinho zur ersten schwarzen Wettermoderatorin der führenden nationalen Nachrichtensendung Brasiliens wurde, wurde sie in den sozialen Medien mit Hass eingedeckt. Als Reaktion darauf startete die NGO Criola die Kampagne «Mirrors ofRacism», die rassistische Online-Kommentare wortgetreu auf Plakatwände projizierte. Indem anonyme digitale Beschimpfungen in den physischen öffentlichen Raum verlagert wurden, machte die Aktion die sozialen Folgen von Online-Rassismus sichtbar und unausweichlich. Ergänzt wurde die Initiative durch Videos, die in den sozialen Medien rege geteilt wurden und Reaktionen aus der Bevölkerung dokumentierten, darunter Anerkennung, Unbehagen und Entschuldigungen.

Hassrede umfasst ein breites Spektrum von Äusserungen, die einzeln oder in Kombination auftreten können und sich auf Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht, Gender, Ethnizität oder Religion beziehen. Was diese Formen verbindet, ist nicht ihr jeweiliges Ziel, sondern der Einsatz von Sprache als Instrument der Macht und des Ausschlusses. Vor diesem Hintergrund hat sich Gegenrede als eigenständige Reaktionsform herausgebildet.

Gegenrede lässt sich verstehen als «jede direkte Antwort auf hasserfüllte oder schädliche Rede, die darauf abzielt, deren Wirkung zu untergraben». Eine direkte Antwort kann im Eins-zu-eins-Gespräch unmittelbar an die ursprüngliche sprechende Person gerichtet sein. In anderen Fällen reagieren Gegenrednerinnen und Gegenredner direkt auf den Inhalt, nicht jedoch auf die Person, die ihn veröffentlicht hatetwa, indem ein hasserfüllter Beitrag in einem anderen Forum zitiert und kommentiert wird.

«Indem anonyme digitale Beschimpfungen in den physischen öffentlichen Raum verlagert wurden, machte die Aktion die sozialen Folgen von Online-Rassismus sichtbar und unausweichlich.»

Gegenrede zielt darauf ab, die Wirkung oder Überzeugungskraft schädlicher Äusserungen mit nichtzwingenden Mitteln zu mindern. Das Spektrum reicht von faktenbasierter Widerlegung und moralischer Kritik bis zu Humor, Satire und Solidaritätsbekundungen. Ob individuell oder kollektiv, spontan oder strategisch: Ihr Kennzeichen ist Überzeugung statt Bestrafung. In diesem Sinn ist Gegenrede nicht bloss eine Taktik, sondern Ausdruck demokratischer Auseinandersetzung. Sie privilegiert Pluralismus, Widerspruch und moralisches Engagement gegenüber Schweigen oder Unterdrückung. Damit verkörpert Gegenrede ein liberales Freiheitsverständnis, das auf einem robusten und inklusiven Diskurs basiert. Sie bietet eine strategische Alternative zur fortschreitenden Ausweitung der Regulierung von Hassrede.

Den Ton der Diskussion umlenken

Ein prominentes Beispiel organisierter Gegenrede ist die schwedische Initiative #jagärhär, die später international als #iamhere ausgebaut wurde. Das Kollektiv mobilisiert Zehntausende Teilnehmende in mehreren Ländern, um in Online-Kommentarspalten einzugreifen, die von rassistischer, fremdenfeindlicher oder anderweitig hasserfüllter Rede dominiert sind. Anstatt die ursprünglichen Sprecherinnen und Sprecher konfrontativ anzugehen, verfassen die Mitglieder gemeinsam ruhige, faktenbasierte und unterstützende Antworten, die den Ton der Diskussion umlenken. Durch die Verstärkung alternativer Narrative und positiver Interaktion können #iamhere-Interventionen hasserfüllte Kommentare verdrängen. Die kollektive Teilnahme senkt zudem die Hürden für bürgerschaftliches Engagement, weil sie Rückhalt bietet.

In Indien initiierte die Journalistin und Aktivistin Gurmehar Kaur eine Social-Media-Kampagne, die sich mit Ironie und persönlichem Zeugnis gegen Militarismus und Hass richtete. Ihr weithin verbreitetes Bild mit dem Schild «Pakistan did not kill my dad, war killed him» löste massive Beschimpfungen, aber auch breite Unterstützung aus. Die Kampagne stiess eine weitergehende Debatte über Militarisierung, geschlechtsspezifische Belästigung und digitalen Nationalismus an. Kaurs Intervention zeigt das Potenzial persönlicher Erzählungen als Gegenrede.

Wirkung auf die «bewegliche Mitte»

Die Wirksamkeit von Gegenrede lässt sich auf mehreren Ebenen beurteilen. Eine Frage ist, ob sie die ursprünglichen Urheber hasserfüllter Äusserungen beeinflussen kann. Eine zweite Dimension, die in der Literatur zunehmend betont wird, betrifft ihre Wirkung auf ein breiteres Publikum, insbesondere auf Beobachter, die häufig als «bewegliche Mitte»beschrieben werden. Zudem ist Gegenrede für die von Hassrede Betroffenen bedeutsam, da sie Solidarität vermittelt, ihre Würde bestätigt und signalisiert, dass schädliche Äusserungen umstritten sind und nicht sozial gebilligt werden. Darüber hinaus deuten Studien darauf hin, dass die Beteiligung an Gegenrede auch für die Gegenredenden selbst ermächtigend sein kann.

Interventionen, die darauf abzielen, die Ansichten oder das Verhalten einzelner Hassredner zu verändern, zeigen hingegen nur begrenzten Erfolg. Eine Studie zu Reaktionen auf Anti-Roma-Kommentare in der Slowakei stellte fest, dass Gegenrede das Verhalten oder die Intensität der ursprünglichen Verfasser nicht signifikant veränderte. Sie erhöhte jedoch den Anteil der Pro-Roma-Aussagen in den Kommentarsträngen und förderte weitere Gegenrede durch Unbeteiligte, was auf einen breiteren diskursiven Effekt hindeutet. Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2022 analysierte auf Twitter (heute X) über 130 000 Stichproben und kam zu dem Ergebnis, dass organisierte Hassrede zwar Online-Diskurse prägen kann, Gegenrede jedoch deren Verbreitung und Sichtbarkeit begrenzen kann.

Die Wirksamkeit von Gegenrede hängt von mehreren Faktoren ab, darunter Tonfall, Kontext, Publikum sowie die wahrgenommene Identität und Glaubwürdigkeit der Gegenredner. Beobachter reagieren positiver auf Interventionsformen, die die Person in den Mittelpunkt stellen und empathisch wirken, als auf anklagende oder konfrontative Antworten. Faktenbasierte Reaktionen fördern besonnenere Diskussionen. Gruppenbasierte Gegenredeerweist sich zudem als wirksamer als vereinzelte Interventionen, insbesondere wenn die Gegenredner in der Überzahl sind.

Gleichwohl stösst Gegenrede an strukturelle Grenzen. Sie ist arbeitsintensiv, emotional belastend und kann Gegenredende, insbesondere Angehörige betroffener Gruppen, weiteren Anfeindungen aussetzen.

Zensur mit fraglicher Erfolgsbilanz

Die Herausforderung, Hassrede in demokratischen Gesellschaften zu adressieren, hat sich im digitalen Umfeld verschärft. Kommunikation wird dort von Reichweite und Geschwindigkeit, intransparenten Algorithmen, privaten Moderationsstandards und wachsendem regulatorischem Druck geprägt. Die dominierende Antwort sind ausgeweitete Löschpflichten, die von Plattformen unter vagen rechtlichen Massstäben durchgesetzt werden. Diese sind mit erheblichen Kosten verbunden: etwa mit der Unterdrückung rechtmässiger Rede, mit der übermässigen Entfernung aus Risikovermeidung, mit dem unverhältnismässigen Verstummenmarginalisierter Stimmen, mit Gegenreaktionen wie der Abwanderung auf weniger etablierte Plattformen und mit der Bildung von Echokammern sowie dem Export restriktiver Modelle in autoritäre oder hybride Regime. Entscheidend ist zudem, dass diese Massnahmen auf begrenzter empirischer Evidenz beruhen und auf einer ungeklärten Definitionsunsicherheit von Hassrede selbst aufbauen.

«Die dominierende Antwort sind ausgeweitete Löschpflichten, die von Plattformen unter vagen rechtlichen Massstäben durchgesetzt werden. Diese sind mit erheblichen Kosten verbunden.»

Vor diesem Hintergrund ist Gegenrede die verhältnismässige, demokratische Antwort: Sie konfrontiert Hass mit Dialog, Empathie und gemeinsamem bürgerschaftlichem Handeln, ohne Zwang und ohne Macht an Staat oder Plattformen abzugeben. Auch wenn Gegenrede nicht universell wirksam ist, kann sie öffentliche Debatten substanziell prägen und bleibt dabei demokratischen Werten treuer als das pauschale Entfernen von Inhalten oder derAusschluss von Nutzern von Plattformen. Gegenrede sollte nicht nur als ethische Antwort, sondern als praktische Form demokratischen Widerstands verstanden werden.

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