Was ist eine gute Weltanschauung?

Ein Versuch.

Was ist eine gute Weltanschauung?
Immer schön auf dem Boden bleiben. «Himmelsleiter» an der Wand des Klosters Sucevita, photographiert von Gustav Neuschwander / ETH-Bibliothek Zürich / Dia_298-05560 / CC BY-SA 4.0.

Der ursprüngliche Titel dieses Essays1 lautete: Was ist eine gute Religion? Da aber Religion offensichtlich ein polarisierendes Reizwort ist und ich als Philosoph nicht den Eindruck erwecken möchte, ein religiöses Bekenntnis abzugeben, habe ich den umfassenderen Begriff «Weltanschauung» gewählt. Zu Weltanschauungen gehören alle irgendwie synthetischen, also mehrere Elemente unter einer Leitidee zu einem Ganzen verbindenden Stellungnahmen zur Welt. Dazu dürfen wir den Marxismus, den Nationalsozialismus und zahlreiche andere Ismen zählen, ausserdem Philosophien im engeren Sinne, etwa der heute dominierende philosophische Materialismus und Naturalismus und der ethische Utilitarismus, aber auch Religionen. Da Weltanschauungen wie der Marxismus und Nationalsozialismus vorwiegend dem letzten Jahrhundert angehören und Philosophien im engeren Sinne nur einen kleinen Kreis von Menschen interessieren, ist ein Blick auf die religiösen Weltanschauungen lohnend. Sie betreffen weiterhin Millionen von Menschen direkt, in Europa insbesondere die abrahamitischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam.

I.

Religion hat es, zumindest aus der Aussenperspektive, zuerst mit dem Nichtevidenten zu tun. Schon der Sophist Protagoras (5. Jh. v. Chr.) sprach von der «Nichtwahrnehmbarkeit», «Undeutlichkeit» oder «Unoffenbarkeit» der Götter: «Über die Götter allerdings habe ich keine Möglichkeit zu wissen, weder dass sie sind noch dass sie nicht sind, noch wie sie etwa an Gestalt sind; denn vieles gibt es, was das Wissen hindert: die Nichtwahrnehmbarkeit und dass das Leben des Menschen kurz ist.» Religion zeigt also den Umgang mit etwas, das nicht unmittelbar sinnlich wahrnehmbar ist. Zwar wird diese Undeutlichkeit aus der Innenansicht des Religiösen gerne bestritten. So schreibt Paulus: «Denn das Unsichtbare an ihm wird von der Schöpfung der Welt her an seinen Werken im geistigen Erfassen ersehen, damit sie keine Entschuldigung haben, deshalb, weil sie Gott zwar kannten, ihm aber doch nicht als Gott Ehre oder Dank erwiesen, […]»2 Der Zugang zu Gott ist aber auch hier nicht unmittelbar, sondern bleibt mittelbar, insofern sein unsichtbares Wesen an den Werken zu sehen ist. Die Unsichtbarkeit Gottes ist damit von vorneherein zugestanden.

Ein zweites Charakteristikum der Religion widerstreitet jedoch der Undeutlichkeit und Verhüllung: Religion zeigt sich in Interaktion und Kommunikation, und zwar einerseits zwischen Menschen, andererseits aber auch zwischen Menschen und übermenschlichen Wesen. Religion ist insofern «kulturell geprägte Interaktion mit kulturell postulierten übermenschlichen Wesen».3 Häufig werden diese übermenschlichen Wesen dazu benutzt, um durchaus menschliche Interessen wahrzunehmen. Paradox pointiert liesse sich sagen, dass Religion ein sehr deutlicher Umgang mit Undeutlichem ist.

Der Religion eignet drittens im Unterschied zu anderen sozialen Tätigkeiten ein besonderer Ernst. Der protestantische Theologe Paul Tillich (1886 – 1965) sprach von einem «ultimate concern»,4 also von etwas, was uns letztlich, d.h. auch unbedingt, angeht. Hierin unterscheidet sich Religion in signifikanter Weise von anderen Formen der Kommunikation, vor allem vom Spiel und von der Kunst, die zwar auch mit Ernst betrieben werden mögen, aber vielleicht nicht mit diesem grössten Ernst wie die Religion, für deren Ausübung Menschen schwere Nachteile in Kauf zu nehmen bereit waren, bis zur Aufopferung des eigenen Lebens. Allerdings sind bekanntlich im Namen der Religion auch schwere Verbrechen begangen worden, wie nicht nur die Kreuzzüge, sondern auch jüngst wieder Selbstmordattentate und Terroranschläge beweisen.

Zusammenfassend liesse sich die Formel prägen: Religion ist ein deutlicher und häufig öffentlicher Umgang mit einer undeutlichen Realität, die gleichwohl von letztem Anspruch und letzter Bedeutung ist. Das heisst auch: Lächerlichkeit und Verspottung verträgt Religion nicht. Religion ist also etwas, was dem Leben erst einen letzten Sinn gibt. Religion gibt die Antwort auf den Sinn des Lebens oder die Zweckursache des Lebens: die sogenannte «Ursache der Ursachen».5

Nun ist die so charakterisierte Religion etwas eigentümlich Menschliches, das auch die höchstentwickelten Tiere – die Menschenaffen, d.h. Bonobos, Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans – nicht haben. Der Gegenstand dieses ultimate concern ist ebenfalls ein Gegenstand der Metaphysik. Metaphysik können wir hier mit Aristoteles als «gesuchte Wissenschaft»6 von dem, was jenseits der Physik ist, d.h. als die gesuchte Wissenschaft vom Un- oder Übersinnlichen, verstehen. Aristoteles nennt sie auch «Weisheit»,7 «Erste Philosophie»,8 gelegentlich auch «Theologie».9 Es liesse sich also sagen, dass Religion die Vulgata, Volksausgabe oder populäre Fassung der philosophischen Metaphysik ist. Letztere stellt Fragen nach dem Woher, dem Was und dem Wohin.

Die ehrliche Antwort auf diese Fragen, insbesondere auf die Fragen nach dem Woher und dem Wohin, ist wohl: Wir sind zwar alle zusammen da, aber wir wissen nicht, woher wir kommen und wohin wir gehen. Hier unterscheidet sich der Agnostiker vom Religiösen: letzterer glaubt, eine Antwort auf diese Fragen zu haben. Sie lautet: wir kommen aus einer letzten Wirklichkeit, wir sind in gewissem Sinne jetzt schon mit dieser letzten Wirklichkeit verbunden, und als alternde Menschen gehen wir auf sie zu. Der Agnostiker dagegen schweigt dazu. Was bedeutet aber «gut» im Zusammenhang mit einer wie auch immer gearteten Weltanschauung, sei sie nun religiös oder agnostisch?

 

II.

Wenn wir von guter Weltanschauung sprechen, so kann damit eine instrumentelle oder eine absolute Bedeutung von «gut» gemeint sein. Eine absolute Bedeutung ist auch eine intrinsische oder innere. Das bedeutete: eine gute Religion muss vernünftig sein, um gut zu sein. Freilich ist auch das Wort «vernünftig» alles andere als eindeutig. Holen wir dazu etwas weiter aus: Weltanschauungen lassen sich auch, um einen Terminus von John Rawls (1921 – 2002) zu verwenden, als «umfassende Lehren» oder «comprehensive doctrines» bezeichnen. Eine «comprehensive doctrine» oder eine «comprehensive view», so Rawls, «schliesst Auffassungen dessen ein, was in einem Leben wertvoll ist, Ideale des persönlichen Charakters wie auch von persönlichen und gesellschaftlichen Verbindungen».10 Sie wiederum kann teilweise umfassend oder vollumfassend sein. Teilweise umfassend wären heute verbreitete «comprehensive views» oder Weltanschauungen wie der Liberalismus und Feminismus. Wenn eine «comprehensive view» oder Weltanschauung vollumfassend ist, kann sie uns zusätzlich auch die Fragen nach dem Woher und dem Wozu des Lebens beantworten.

Teilweise und vollumfassende Lehren überhaupt können allerdings vernünftig oder unvernünftig sein. Vernünftig ist aber nicht schon dasselbe wie rational. Ein Verhalten mag rational, muss aber deswegen noch nicht vernünftig sein. So mag es rational sein, Seen leerzufischen, aber es ist nicht vernünftig; ebenso mag es rational sein, möglichst rasch viel Geld zu machen, aber ist es immer vernünftig? Rationalität ist also der möglichst geschickte Einsatz von Mitteln zu einem bestimmten Zweck oder zur Effizienzsteigerung der Mittel; Vernünftigkeit bezieht aber auch den Zweck in den Radius der Vernunft ein. Vernünftigkeit hat also eine moralische Konnotation, die blosse Zweckmittelrationalität noch nicht hat.

So können wir als Erstes sagen: Eine gute Religion muss nicht nur rational, sondern auch vernünftig sein, d.h. sie muss nicht nur für mich gut sein, sondern auch die Interessen anderer Menschen miteinbeziehen. Da sich die Weltreligionen, insbesondere aber das Christentum und auch der Islam, grundsätzlich an alle Menschen richten, können wir sagen: Eine gute Religion im Sinne einer «vernünftigen» darf keine Menschen töten, krankmachen oder aufgrund eines zufälligen Merkmals – wie des Geschlechts, der Rasse, einer Behinderung oder sexuellen Orientierung – ausschliessen oder diskriminieren. Eine Religion also, die Menschen aufgrund eines Merkmales, für das sie nichts können, ausschliesst, widerspricht der menschlichen Vernunft oder Vernünftigkeit, so wie ich sie soeben dargelegt habe.

Daraus ergibt sich eine zweite Anforderung an eine gute, d.h. vernünftige, Religion. Zur menschlichen Vernunftfähigkeit gehört die Fähigkeit, Gründe geben und empfangen zu können. Gründe sind nicht dasselbe wie Ursachen. Ursachen sind etwas Physisches oder Psychisches, Gründe dagegen sind, wie ich sagen würde, etwas Semantisches. Sie gehören einer anderen Welt neben derjenigen der physischen und psychischen Tatsachen, nämlich der semantischen, an. Gründe zu geben und zu empfangen macht uns unabhängig von einer sozialen Autorität und abhängig von einer epistemischen, deren Urheber ich – der Begründende – selber bin. Wenn nun eine Religion vernünftig ist, so muss ich sie mit Erreichen des Erwachsenenalters mit Gründen selber wählen oder, wenn ich bereits in ihr aufgewachsen bin, mit Gründen aus ihr austreten können. Ich darf nicht durch Ursachen, d.h. physische oder psychische Gewalt, gezwungen werden, in ihr zu bleiben. Da Religionen auch Glücks- oder Heilsversprechen enthalten, darf ich auch nicht zu meinem Glück gezwungen werden. Das heisst also: Jedermann darf sich zu jedem religiösen Glauben – aber auch zum Atheismus und Agnostizismus – bekennen und den entsprechenden Gottesdienst oder auch keinen Gottesdienst ausüben oder besuchen, ohne irgendwelche rechtlichen oder politischen Nachteile zu erfahren, selbstverständlich innerhalb der Schranken der öffentlichen Ordnung und ohne damit andere Grundrechte zu verletzen. Eine gute, d.h. vernünftige, Religion muss also Religionsfreiheit gestatten, soweit die Ausübung der Religionsfreiheit nicht die staatlich geregelte Ordnung stört.

Zuletzt muss eine gute, d.h. auch vernünftige, Religion die gut bestätigten Resultate zumindest der Natur- und Geisteswissenschaften anerkennen. Sie muss z.B. die Resultate der Darwinʼschen Theorie respektieren, aber sie auch mit ihren eigenen Schöpfungsgeschichten in Einklang bringen können, etwa indem sie diese allegorisch deutet. Eine Religion also, die den Kreationismus oder Neokreationismus lehrt, kann keine gute Religion sein. Ebenso muss sie die in einem langen Prozess etablierten Resultate der philologischen Forschung würdigen.11

III.

Das Postulat der Vernünftigkeit, das ich an eine gute religiöse Weltanschauung stelle, ordnet die abrahamitischen Religionen, die im Zeitraum von etwa 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. entstanden sind, in den Kontext der Neuzeit ein. Die Neuzeit und die ihr folgende Aufklärung lassen sich u.a. durch das Aufkommen der Naturwissenschaften, der historisch-kritischen Theologie und nicht zuletzt durch die Erklärung der Menschenrechte charakterisieren, wie sie 1789 durch die französische Nationalversammlung gefordert wurden. Gleichwohl ist mit diesen Minimalanforderungen eine gute religiöse Weltanschauung noch nicht erschöpft. Eine gute Weltanschauung muss schliesslich nicht nur intrinsisch gut und d.h. vernünftig sein. Sie muss instrumentell, also auch für mich selber gut sein – zur Erfüllung meines Lebenssinnes. Wann ist eine Religion aber für mich selber gut?

Wahrscheinlich, wenn sie das letzte Gute, eben den Sinn des Lebens und damit auch den meines eigenen, mir zu verdeutlichen vermag. Hier muss auf ein Faktum aufmerksam gemacht werden, das sich trotz aller Fortschritte der Wissenschaften uns heute noch aufdrängt: Es gibt keine wissenschaftlich verbindlichen Antworten auf die letzten Fragen wie «D’où venons-nous?» oder «Où allons-nous?» oder «Was kommt nach meinem Tode?».12 Insbesondere gibt es keine wissenschaftlich verbindliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn oder Zweck des Lebens; sogar der Sinn der Frage nach dem Sinn ist in der Philosophie umstritten, nämlich ob dieser Sinn externalistisch oder internalistisch zu verstehen sei, d.h. ob er vorgegeben sei oder von mir konstruiert werde. Hier gilt wohl immer noch, dass es einen vernünftigen, d.h. auf Gründen beruhenden, Dissens gibt.

Es scheint sogar ein empirisches Gesetz zu sein, dass Menschen zu Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich dieser letzten Fragen gelangen. John Rawls ging so weit zu behaupten, dass ein andauernder, von allen geteilter Konsens hinsichtlich einer umfassenden, religiösen, philosophischen oder moralischen Lehre nur durch repressiven Gebrauch der Staatsgewalt aufrechterhalten werden kann.13 Rawls nennt dies «the fact of oppression».14 Zwar ist dieses «fact of oppression» «nur» eine empirisch gut bestätigte Tatsache, d.h. eine Tatsache, die in der Zukunft widerlegt werden kann. Es bleibt jedoch schwer vorstellbar, dass sich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten eine Weltanschauung oder Religion, geschweige denn eine metaphysische Theorie auf der ganzen Welt, oder auch nur in Europa oder der Schweiz, durchsetzen wird. Empirisch gesehen, finden wir einen Pluralismus von religiösen Weltanschauungen vor. Empirisch gesehen, haben wir das «Faktum» eines (vernünftigen) «Pluralismus». Der Grund dafür ist neben dem erwähnten Faktum eines vernünftigen Dissenses, dass religiöse Weltanschauungen es sehr wohl auch mit Lebensformen und Kult zu tun haben, und diese lassen sich nicht einfach fusionieren. So z.B. ergibt bereits eine Verschmelzung des römisch-katholischen mit dem byzantinischen Messritus, die ja beide christlich sind, eine Kakophonie, noch grösser wäre der Missklang, wenn aus demselben Gotteshaus die Kirchenglocken und der Ruf des Muezzin ertönen würden, wiewohl es sehr wohl Gebetsstätten für alle Konfessionen gibt – ein Gedanke, der bereits im Alten Testament geäussert wurde: «Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.»15 Die verschiedenen Religionen mögen vielleicht Spiegel sein, in denen sich das objektiv Gute oder die «Idee des Guten» oder der letzte Sinn spiegelt. Sie ergeben sozusagen aus ihrer zeitlichen, räumlichen und kulturellen Beschränktheit einen Ausblick aufs Absolute. Wie aber lassen sich nun diese verschiedenen Spiegel bewerten?

Ein Ranking der Religionen ist aber so schwierig, wie es schwierig ist, verschiedene Metaphysiken oder sogar menschliche
Lebensformen zu bewerten und in eine Rangordnung zu bringen. Es sind zu viele Faktoren und Interessen, die zu berücksichtigen wären, um z.B. nur schon zwinglianische oder römisch-katholische Aussagen zur Person von Jesus Christus und dem «letzten Abendmahl» – geschweige denn jüdische oder sogar muslimische –, verschiedene Jenseitsvorstellungen oder auch nur schon Bestattungsrituale in eine verbindliche Rangordnung zu bringen. Schwerlich gibt es auch einen unparteiischen Beobachter und Richter. Wer immer eine Religion innerhalb der vernünftigen Religionen kritisiert, müsste zudem sagen können, was für eine bessere Alternative er anzubieten hätte, und wird dabei sehr schnell auf ganz praktische «Umsetzungsschwierigkeiten» stossen.

Schluss

Eine gute Weltanschauung oder Religion muss nicht nur vernünftig sein, sondern auch froh machen, da sie uns den Sinn des Lebens zeigt. Doch was uns letztlich froh oder wenigstens manchmal froh macht, das ist wohl nur temporär, lokal, provinziell und individuell, eben perspektivisch, zu bestimmen, wie sich denn auch die menschliche Suche nach dem wirklich und nicht nur scheinbar Guten16 oder dem wirklichen Sinn zwar auch in Gemeinschaft, aber doch individuell vollzieht.

Oder vereinfacht gesagt: Eine gute Antwort auf die letzten Fragen muss wohl jeder für sich finden. Für meine Person läse sich das in etwa so: Woher kommen wir? 1899 hat sich mein Urgrossvater mütterlicherseits entschlossen, aus Grossdietwil im Luzerner Hinterland nach Luzern zu ziehen; 1932 gründete sein Sohn, mein Grossvater, an der Hirschmattstrasse 28 ein Lebensmittelgeschäft, das Safranhus; ungefähr zur gleichen Zeit las ein Deutscher, mein Vater, eine Schrift: «Kleine Reise nach Luzern». Am 8. Dezember 1942 machte er erstmals diese Reise: Nach 55 Monaten Dachau wurde er am 24. Oktober 1942 aus dem Konzentrationslager in das Infanterieersatzbataillon 19, III. Kp. der deutschen Wehrmacht (zwecks Minensuche in Nordafrika) überstellt: «Montag, den 23.11.42, anlässlich einer Filmvorführung, welche im Verband des Bat. durchgeführt wurde, welche aber in der Stadt Héricourt stattfand, habe ich mich in der Dunkelheit von der Truppe entfernt und habe die Nacht in den Wäldern verbracht.»17 Nach einer weiteren Nacht in den Wäldern überschritt er am 25. November 1942 zwischen 18.00 und 19.00 Uhr illegal die Schweizer Grenze. In Boncourt wurde er vom Zollposten angehalten und ins Bezirksgefängnis von Porrentruy verbracht. Als Grund für seine Flucht gab er an: «Antinationalsozialist, ich wollte nicht für ein Land kämpfen, das meine Weltanschauung bekämpft.» Am 8. Dezember 1942 wurde er vom Bezirksgefängnis Porrentruy in ein Luzerner Gefängnis zur Einvernahme «spediert». In Luzern blieb er bis zum 18. Januar 1943. Einvernommen wurde er von einem Dr. H. v. Segesser (1908 – 1983), der an die Polizeiabteilung des Eidg. Justiz- und Polizeidepartementes schreibt: «Unsere Einvernahme ist abgeschlossen und der Mann steht Ihnen wieder zur Verfügung. / Der E. [Einvernommene] macht einen intelligenten und seriösen Eindruck. Er fügte sich stets bereitwilligst allen unseren Verfügungen. Er ist genügsam und bescheiden und trägt sein Los mit vorbildlicher Haltung.»18 Auf diesen Bericht hin wurde seine Ausschaffung wie folgt beurteilt: «Seine Ausschaffung ist zurzeit nicht tunlich.»19 «Walter Ferber wird bis auf weiteres interniert.»20 Nach Kriegsende zog mein Vater wieder nach Deutschland und heiratete dort meine Mutter, eine Luzernerin, die ihm dorthin gefolgt war. 1953 zogen meine Eltern Walter und Elisabeth Ferber-Ambühl von Deutschland wieder nach Luzern; 1955/56 ging ich dort in den Kindergarten.

Also vielleicht doch eher: Woher kommen wir? Aus dem Kindergarten! Und: Wer oder was sind wir? Menschen unter Umständen, aber in jedem Fall Freunde Luzerns. Und wohin gehen wir? Zum Apéro und dann in eine hoffentlich – auch weltanschaulich – gute Zukunft.


 

1 Der vorliegende Text ist eine für diese Zeitschrift redaktionell bearbeitete und aktualisierte Version der Abschiedsvorlesung, die in «Studia Philosophica», 75 (2016), S. 205–217 erschienen ist.
2 Röm. 1, 20–21, Übersetzung von Walter Burkert und der Zürcher Bibel.
3 Melford E. Spiro: Religion: Problems of Definition and Explanation. In: Anthropological Approaches to the Study of Religion. Hrsg. von Michael Banton. London: Tavistock, 1971.
4 Paul Tillich: Theology of Culture. Hrsg. von Robert C. Kimball. Oxford: Oxford University Press, 1959.
5 Summa Theologiae I, quaestio 5, a. 2 ad 1: «Ad primum ergo dicendum quod Dionysius determinat de divinis nominibus secundum quod important circa Deum habitudinem causae, nominamus enim Deum, ut ipse dicit, ex creaturis, sicut causam ex effectibus. Bonum autem, cum habeat rationem appetibilis, importat habitudinem causae finalis, cuius causalitas prima est, quia agens non agit nisi propter finem, et ab agente materia movetur ad formam, unde dicitur quod finis est causa causarum. Et sic, in causando, bonum est prius quam ens, sicut finis quam forma, et hac ratione, inter nomina significantia causalitatem divinam, prius ponitur bonum quam ens. […]».
6 Vgl. Metaph., 1. Buch, 2. Abschnitt, 982a4; 2. Buch, 1. Abschnitt, 995a24; 3. Buch, 1. Abschnitt, 995a14.
7 Metaph., 1. Buch, 1. Abschnitt, 982a2; Metaph., 1. Buch, 2. Abschnitt, 982a6; Metaph., 2. Buch, 2. Abschnitt, 996b9.
8 Metaph., 6. Buch, 1. Abschnitt, 1026a24, 1026a30.
9 Ebd. 1026a19.
10 John Rawls: Political Liberalism. New York: Columbia University Press, 1993. Zitiert nach: Political Liberalism, with a new introduction and the «Reply to Habermas». New York: Columbia University Press, 1996.
11 Sie muss z.B. anerkennen, dass die Bücher des Pentateuch (1. bis 5. Buch Mose) nicht eine historisch fixierbare Person, nämlich Moses, als den inspirierten Verfasser haben, sondern mehrere. Sie darf also nicht, wie es die Kirchenväter Augustinus und Thomas von Aquin getan haben – und es bis heute fundamentalistische Leser tun –, diese Texte sozusagen als das unmittelbare Wort Gottes auffassen. Analoges gilt vom Koran.
12 Vgl. dazu weiterführend: Anton Hügli: Über die Aktualität der Religionsphilo-sophie von Karl Jaspers. Die Transzendenz ist allen gleich fern. In: NZZ, 19.12.2015.
13 Vgl. Rawls: Political Liberalism. «A continuing shared understanding on one comprehensive religious, philosophical, or moral doctrine can be maintained only by the oppressive use of state power.» / «With unreasonable doctrines, and with religions that emphasize the idea of constitutional authority, we may think the text correct; and we may mistakenly think there are exceptions for other comprehensive views. The point of the text is: there are no exceptions.»
14 Ebd, S. 37.
15 Jesaja 56, 6–7.
16 Vgl. Platon, Resp. 505d1.
17 Abhörungsprotokoll der Heerespolizei der Schweizerischen Armee, Det. Porrentruy vom 26.11.1942. Ich danke Frau Christine Lauener, Schweizerisches Bundesarchiv, dafür, dass Sie mir diese Dokumente zur Verfügung gestellt und die Publikationserlaubnis erteilt hat.
18 N. S. 1 /Ter. Kdo. 8, No. 2024, vom 15.1.43 mit handschriftlichem Verweis auf N. 6516.
19 Verfügung: Ref. Nr. N. 6516 WS des Chefs der Polizeitabteilung des Eidg. Justiz- und Polizeidepartementes vom 22. Januar 1943.
20 Ebd.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»