«Die Schweiz ist technokratischer, als es viele Schweizer wahrhaben wollen»
Parag Khanna, photographiert von Peter Boer / Visum.

«Die Schweiz ist technokratischer, als es viele Schweizer wahrhaben wollen»

Die US-amerikanische Demokratie sei kaputt, sagt der Politikwissenschafter Parag Khanna. Er schlägt als Alternative eine «direkte Technokratie» vor. Eines seiner Vorbilder: die Schweiz.

Herr Khanna, Ihr jüngstes Buch trägt den Titel «Jenseits von Demokratie». Haben Sie die Absicht, sich Feinde zu machen?
(Lacht) Nein. Ich habe das Manuskript des Buches vor zwei Jahren abgeschlossen, es ist also weder durch die Brexit-Abstimmung noch durch die Wahl von Donald Trump beeinflusst. Das Buch ist auch nicht parteipolitisch oder ideologisch motiviert, sondern allein von der Frage geleitet, wie Regierungen mit den veränderten Bedingungen unserer heutigen Welt umgehen – und welche Institutionen unter diesen Bedingungen die besten Resultate erzielen.

Direkt am Anfang behaupten Sie, dass die US-amerikanische Demokratie kaputt sei – das war sie also bereits vor der Wahl von Donald Trump. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?
Ich habe diverse Indikatoren verglichen, etwa Infrastruktur, Lebensqualität, Effektivität der Regierung oder Innovationskraft – und festgestellt, dass die USA fast überall schlechter abschneiden als andere westliche Demokratien. Der intellektuelle Tenor lautet noch immer, dass Amerika mächtig sei und dass andere Länder zu uns hinaufschauten, und natürlich spricht man gerne von der Bedeutung Amerikas für westliche Ideen. Aber all das ist aus meiner Sicht irrelevant. Mich interessieren allein die Resultate, und die legen nahe: Es ist schlicht und einfach eine Tatsache, dass die amerikanische Politik in extrem vielen Bereichen anderen Ländern hinterherhinkt.

Und schuld daran ist das politische System, nicht die gewählten Politiker?
Vergegenwärtigen wir uns: das politische System der USA ist eine präsidentielle Republik. Die exekutive Gewalt besteht aus einer einzigen, indirekt gewählten Person. Das ist wenig sinnvoll. Es wäre besser, ein Gremium mit kollektiver Verantwortung zu haben, wie dies etwa die Schweiz, Singapur oder China kennen.

Nun rühren Sie aber sehr verschiedene Systeme zusammen…
…die trotz allem eines gemeinsam haben: In ihren Gremien fliessen stets unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Fachwissen aus diversen Bereichen in eine Entscheidung ein. Sie sind damit besser geeignet, mit der Komplexität heutiger Herausforderungen fertig zu werden. Aber nicht nur die Exekutive, auch die Legislative müsste überdacht werden. Im Demokratieindex, den der «Economist» jedes Jahr veröffentlicht, rangieren 20 Länder vor den USA – ausnahmslos parlamentarische Demokratien mit Mehrparteiensystem. Hätten die USA mehr als zwei Parteien, wäre die Bevölkerung besser repräsentiert und der Druck auf die Regierung, gute Arbeit zu leisten, stiege. Stattdessen verbringen Republikaner und Demokraten im Kongress ihre Zeit damit, sich gegenseitig zu bekriegen und zu sabotieren; man ist jahrelang damit beschäftigt, Reformen der vorigen Regierung zurückzunehmen, Weiterentwicklungen hingegen kommen kaum noch zum Zug.

Als «Vorbilder» dienen in Ihrem Buch vornehmlich die Schweiz und Singapur. Warum gerade diese beiden Länder?
Die Schweiz und Singapur stehen in fast allen relevanten Länderrankings an oberster Stelle. Beide weisen Elemente eines Modells auf, das ich als «direkte Technokratie» bezeichnen würde. Damit meine ich eine technokratische Verwaltung, die utilitaristisch und meritokratisch funktioniert – und effizient auf die Bedürfnisse der Bevölkerung reagiert. Die Schweiz ist sehr demokratisch organisiert, während Singapur sich durch eine hocheffiziente Technokratie auszeichnet. Aber auch die Schweiz ist technokratischer, als es viele Schweizer wahrhaben wollen. Das Gesundheitswesen weist eine hohe Qualität auf, zugleich sind die Kosten im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt halb so hoch wie in den USA. Die öffentliche Infrastruktur ist ausgebaut und in sehr gutem Zustand. Zugleich ist Singapur demokratischer, als man in Europa glaubt.

Inwiefern? Singapur hat de facto eine Einparteienlandschaft – und wo man keine Wahl hat, gibt es auch keine demokratische Mitbestimmung.
Ja, die Politik wird von einer Partei dominiert. Doch bei den Wahlen vor fünf Jahren legte die Oppositionspartei im Parlament massiv zu. Die Regierung reagierte darauf, nahm viele Forderungen der Opposition auf und gewann vier Jahre später wieder deutlich. Ausserdem verlässt sich die Verwaltung auf zahlreiche Feedback-Mechanismen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung aufnehmen zu…