Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos

SP und Islam: Fesseln im Namen der Emanzipation?

Ausgerechnet die Partei, die den Neoliberalismus in der Wirtschaftspolitik bekämpft, übernimmt seine Logik im Feminismus: die Privatisierung struktureller Ungleichheit zur freien Wahl

SP und Islam: Fesseln im Namen der Emanzipation?
An ihrem Parteitag am Samstag in Biel hat die SP bei der Frage des Kopftuchs an Schulen eine 180-Grad-Wende vollzogen. Bild: sp-ps.ch

 

Vergangenen Samstag hat die SP Schweiz an ihrem Parteitag in Biel das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in ihrem Positionspapier wieder gestrichen. 2010 hatte sie noch festgehalten: «Die von vielen Musliminnen und Muslimen befürwortete Pflicht der Frau, ein Kopftuch zu tragen, ist aus Sicht der SP frauenfeindlich und entspricht nicht (mehr) unseren Wertvorstellungen.»

Ein Kniefall vor identitätspolitischem Druck, der die eigenen Grundwerte der Laizität und Geschlechtergleichstellung verrät. SP Politiker wie Nationalrat Benoît Gaillard (VD) wehrten sich vergeblich – die emotionale Dynamik des Parteitags überrollte die sachliche Argumentation.

Doch bevor wir die Widersprüche dieser Entscheidung sezieren, müssen wir klären: Was genau wird hier normalisiert?

Hijab ist nicht «Kopftuch»

Die deutsche Übersetzung «Kopftuch» für «Hijab» ist nicht völlig falsch, aber verharmlosend. Sie neutralisiert die ideologische Aufladung und entzieht dem Begriff seine Bedeutung.

Auf Arabisch bedeutet «Hijab» wörtlich: verschleiern, verbergen, kaschieren – oder verbieten. Die Wurzel «h-j-b» trägt die Konnotation einer Barriere, einer Trennung zwischen dem, was gesehen werden darf, und dem, was verborgen bleiben muss. Es geht nicht um ein Stück Stoff. Es geht um die Pflicht, die Haare der Frau vor Männern zu kaschieren – ausschliesslich vor Männern.

Eine Frau, die den Hijab trägt, verhüllt sich nicht überall. Unter Frauen besteht keine Pflicht, die Haare zu bedecken. Der Hijab richtet sich spezifisch gegen die Sichtbarkeit der Frau im Beisein von biologischen Männern (In der Anwesenheit eines Transmannes wäre das kein Problem; für eine Transfrau ist es jedoch ein islamischer Imperativ, die Haare zu kaschieren.) Er kodifiziert die Vorstellung, dass weibliches Haar eine sexuelle Provokation darstellt – reguliert nicht durch den Mann, der seinen Blick kontrolliert, sondern durch die Frau, die sich entzieht.

Die Sexualisierung des öffentlichen Raums

Das Kopftuch ist nicht neutral – es markiert den weiblichen Körper als Gefahrenzone. Es transportiert die Prämisse, dass weibliche Physis das männliche Begehren entfesseln könnte, und verschiebt die Verantwortung für Triebkontrolle einseitig auf die Frau: Während der Mann als unmarkiertes Subjekt agiert, wird die Frau zur Hüterin der kollektiven Moral.

Paradoxerweise führt der Versuch der «Entsexualisierung» zu einer Hypersexualisierung des Verborgenen. Der Körper wird zum Objekt, dessen Sichtbarkeit reglementiert werden muss – «öffentliches Eigentum» männlicher Deutungshoheit.

«Paradoxerweise führt der Versuch der ‹Entsexualisierung› zu einer Hypersexualisierung des Verborgenen.»

Die neoliberale Falle des «Choice-Feminismus»

Gegen diese Kritik wird im westlichen Diskurs meist das Konzept der individuellen Autonomie ins Feld geführt. Der sogenannte «Choice-Feminismus» postuliert, jede Handlung einer Frau sei emanzipatorisch, solange sie das Ergebnis einer freien Wahl sei. Diese Denkfigur ist tief in einer neoliberalen Ideologie verwurzelt.

Der Fehler liegt in der Annahme, Entscheidungen fänden in einem gesellschaftlichen Vakuum statt. Der Choice-Feminismus entpolitisiert strukturelle Ungleichheit, indem er sie privatisiert. Wenn die Unterwerfung unter patriarchale Normen, sei es durch Schönheitsindustrie, Pornografie oder religiöse Verschleierung, zur reinen «Lifestyle-Entscheidung» subjektiv umgedeutet wird, entzieht sie sich jeder Kritik. Dabei wird übersehen, dass «Freiwilligkeit» innerhalb eines Systems, das Konformität mit göttlichem Wohlwollen und Abweichung sanktioniert, eine relative Grösse ist.

Wer die individuelle Entscheidung über die strukturelle Bedeutung stellt, ignoriert, dass individuelle Handlungen kollektive Konsequenzen haben. Eine Frau, die das Kopftuch als Freiheit zelebriert, reproduziert objektiv ein Symbol der Unfreiheit.

Die Kritik muss aber systemisch bleiben – gerichtet ausschliesslich gegen eine Ideologie, die Ungleichheit sakralisiert. Solange die SP meint, die Normalisierung dieses Symbols im Bildungsraum sei Fortschritt, hat sie nicht begriffen, was Feminismus bedeutet: die Überwindung von Herrschaftsstrukturen, nicht deren Aneignung. Die Freiheit besteht nicht in der Wahl der Fessel, sondern in deren Abwesenheit.

»
Abonnieren Sie unseren
kostenlosen Newsletter!