Schweizer in Niederländisch-Indien…

1920 folgte die Bernerin Gret Herzog ihrem Verlobten, dem Basler Tropenarzt Kurt Surbek, nach Niederländisch-Indien, ins heutige Indonesien also. Dort lebte sie fünfundzwanzig Jahre, erst in sehr einfachen Plantagenspitälern auf Sumatra, die ihr Mann leitete, später in einem gemeinsam geführten Sanatorium auf Java, bevor mit der japanischen Besetzung der holländischen Kolonie bedrückende Jahre auf Sumatra, […]

1920 folgte die Bernerin Gret Herzog ihrem Verlobten, dem Basler Tropenarzt Kurt Surbek, nach Niederländisch-Indien, ins heutige Indonesien also. Dort lebte sie fünfundzwanzig Jahre, erst in sehr einfachen Plantagenspitälern auf Sumatra, die ihr Mann leitete, später in einem gemeinsam geführten Sanatorium auf Java, bevor mit der japanischen Besetzung der holländischen Kolonie bedrückende Jahre auf Sumatra, dann die Wirren des indonesischen Unabhängigkeitskrieges folgten. So war die Familie froh, 1945 nach Australien auszureisen, um bald darauf in die Schweiz zurückzukehren, wo Gret Surbek 1982 starb. Ihr zweitausendseitiges Tagebuch jener Jahre ist – stark gekürzt – nun unter dem Titel «Im Herzen waren wir Indonesier» erschienen.

Seinen in Bann schlagenden Zauber verdankt es nicht zuletzt seiner Sperrigkeit. Dies ist kein nach literarischen Kriterien überformtes Tagebuch, sondern ein Dokument der Selbstvergewisserung, das nicht zur Veröffentlichung, sondern für die Familie bestimmt war. Gret Surbeks Text macht es daher seinen Lesern nicht einfach, denn sie müssen das mitunter disparate, auch redundante Material aus dem Prokrustesbett der Chronologie befreien und es neu ordnen, um sich ein Bild von der faszinierenden und widersprüchlichen Farbigkeit des Lebens in der niederländischen Kolonie zu machen. Dann aber treten die Leitmotive des Tagebuchs hervor. Da ist zunächst die – ganz unsystematische – Beschreibung eines Landes von ausserordentlicher Schönheit und grossem kulturellen Reichtum. Wer mit Indonesien vor allem Stichworte wie «Teeplantagen», «Kris», «Tempeltänzer» oder «Javaanse Jongens» assoziiert, mag ein verwirrendes Gefühl der Scham empfinden, weil seine Ignoranz ihn den von Gret Surbek oft so kritisch beschriebenen holländischen Kolonialherren ähneln lässt, für die das Land nur ökonomisch interessant ist, und die in selbstverständlicher – also nicht einmal bemerkter – Arroganz auf die Bevölkerung blicken und sie bloss als Kulis in gebatikten Gewändern wahrnehmen. Ganz anders die Autorin, die die vorurteilsfreie Neugier einer aus neutralem Lande stammenden Beobachterin mitbringt und rasch erkennt, dass das Erlernen der Landessprache der Königsweg zu einem zwar nicht innigen, aber vorurteilslosen Kontakt mit den Einheimischen ist. Doch was heisst Landessprache in einem Land der tausend Inseln, in dem es neben einigen grossen auch viele kleine Sprachen gibt?

Über die Sprachen des Landes jedenfalls, die kaum ein Europäer zu lernen auf sich nimmt, da es genügend einheimische Dolmetscher und Übersetzer gibt, lernt Gret Surbek den komplizierten Gesellschaftsaufbau, die Rituale und Kochkünste, das handwerkliche Geschick und die religiösen Vorstellungen auf Sumatra, und später auch auf Java, intensiv kennen und teilt sie – um ethnologische Methoden und Erwägungen glückhaft unbekümmert – ihren Lesern mit. Zugleich bekommen wir ein oft wenig schmeichelhaftes Bild gezeichnet, nicht nur der Holländer, sondern auch sonstiger Europäer, während die Malaien, Chinesen, Japaner und weitere Bevölkerungsgruppen nur am Rande präsent sind. Dabei zeigt sich eine weitere Qualität des Buchs: Gret Surbeks Blick auf die Welt ist völlig unsentimental, ohne indessen analytisch zu sein. So vermag sie Schönheit wahrzunehmen und als Schönheit zu beschreiben, um handkehrum auf Hässlichkeiten inmitten dieser Schönheit zu sprechen zu kommen. Diese Unbestechlichkeit der Darstellung legt sie auch gegenüber sich selbst und dem Zusammenleben mit ihrem Mann und den beiden Kindern Bernie und Gladys an den Tag, sodass die Leser Zeugen manchen Ehekrachs, manchen Erziehungsproblems werden, ohne sich dabei als Voyeure zu fühlen, da die Autorin – dank ihrer wunderbaren Nüchternheit – nie zu grossen Worten greift, den Lesern also eine Schlüssellochperspektive vorenthält, sondern sie eher auf sich selbst und ihre eigenen Scharmützel und deren seltsam zwischen Banalitäten und existentiellen Nöten schwankenden Anlässe zurückwirft.

Diese Nüchternheit sei umso mehr als Qualität des Textes gerühmt, als sie sich auch in den Jahren der japanischen Besatzung, von 1941 bis 1945 bewährt, in denen Gret Surbek und ihre Tochter eines Nachts von drei japanischen Soldaten vergewaltigt werden, was Kurt Surbek hilflos zu dulden gezwungen ist. Dass die Tagebuchschreiberin auch danach die japanischen Besatzer differenziert zu sehen vermag und Gladys sich sogar in einen Soldaten namens Mino verliebt, der sie nach dem Krieg zweimal in der Schweiz besucht, gehört zu den erstaunlichsten Aspekten dieses erstaunlichen Buchs und mag subkutan auch erklären, warum Kurt Surbek – ein offenbar seit Anbeginn problematischer, seltsam zerrissener Charakter, dem die Lebensklugheit seiner Frau wohl nicht gegeben war – 1947 in der Schweiz als Leiter einer Tropenklinik Selbstmord beging.

Von faszinierenden, durch kritische Empathie geprägten Beobachtungen von Land und Leuten, bis hin zu einer sehr zurückhaltend beschriebenen Familientragödie, enthält dieses von der Enkelin der Autorin klug gekürzte und mit erklärenden Zwischentexten versehene Tagebuch alles, was zu einem grossen Leseerlebnis gehört – man muss es sich nur zusammensetzen, wobei die vielen, aufschlussreichen Schwarzweissfotos hilfreich sind. In kommenden Ausgaben sollte allerdings der Anschlussfehler auf den Seiten 96/97 vermieden werden, bei dem womöglich eine ganze Doppelseite verlorengegangen ist.

vorgestellt von Andreas Heckmann, München

Gret Surbek: «Im Herzen waren wir Indonesier. Eine Bernerin in den Kolonien Sumatra und Java 1920–1945», herausgegeben von Christa Miranda in Zusammenarbeit mit Paul Hugger. Zürich: Limmat, 2007.

«Facettenreiche Perspektiven
statt monotoner Haltungsjournalismus.»
Peter Hettich, Professor für öffentliches Wirtschaftsrecht,
über den «Schweizer Monat»