Am Rand

Wenn von Europa die Rede ist, ist schnell die Rede von Brüssel, Paris, London oder Berlin. In der Republik Moldau, einem der jüngsten Nationalstaaten des Kontinents, lassen sich viele Probleme Gesamteuropas studieren – aber auch mögliche Lösungen.

Am Rand
Früher Edeladresse, heute mitunter Arztpraxis: das Hotel Cosmos in Chisinau, fotographiert von Roberto Conte.

Wer am Bahnhof von Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, den Zug verlässt und Richtung Innenstadt geht, passiert drei Hotels. Als habe ein besonders gewitzter Historiker mit einem Gespür für konkrete exemplarische Fallstudien sie entlang des Weges platziert, erzählen sie von der Geschichte eines der jüngsten europäischen Nationalstaaten, 1991 aus der «Konkursmasse» der Sowjetunion hervorgegangen.

In Sichtweite ragt zunächst das Hotel Cosmos auf. Die stolze sowjetmodernistische Architektur zeugt von einer Zeit, da Moldau mit seinem milden Klima eine beliebte Destination der Apparatschiks war, für Arbeit wie Auszeit. Damals zählte die Sowjetrepublik zu den wohlhabendsten Ostblockstaaten, heute gilt Moldau als Armenhaus Europas, gezeichnet von Massenemigration, Korruption, politischer Instabilität und Identitätskrisen. Im Hotel Cosmos spiegelt sich diese hybride Verfasstheit: Manche Hotelzimmer beherbergen Gäste, in anderen haben sich Arztpraxen angesiedelt, viele stehen leer. Der Shop offeriert noch Stalinbildchen als Andenken, während im angegliederten Casino längst die nervösen Neonlichter des Kapitalismus flackern. Ein paar hundert Meter weiter steht das Hotel National. Wie das Hotel Cosmos wurde es zu Sowjetzeiten errichtet, galt als das erste Haus am Platz – und ist nun gänzlich verwaist. Gleich einem zynischen Mahnmal des gescheiterten Übergangs zur souveränen Nation prangt der Schriftzug «National» auf dem Bau, durch dessen abrissreife Räume der Wind pfeift. Noch ein paar hundert Meter weiter stösst man auf das Hotel Nobil. In der Bevölkerung Chișinăus munkelt man, das kurz vor der Jahrtausendwende errichtete, prunkvoll-protzige Fünf-Sterne-Etablissement gehöre dem hiesigen Oligarchen Vladimir Plahotniuc. Aber wie so vieles in Moldau ist auch das nicht sicher. Fest steht nur, dass die kon-troversen Krebsgänge des Multimillionärs zwischen big politics – unter anderem kandidierte er für das Amt des Ministerpräsidenten – und big business symptomatisch für die Spannungen im Land sind: einerseits bittere Armut, brain drain durch den Exodus der Jungen, Rückkehr der Volksreligion nach sowjetischer Zwangsabstinenz, andererseits plutokratisch-oligarchisches Wirtschaften und damit einhergehende suspendierte Gewaltenteilung. 2015 verpuffte ein Achtel des moldauischen Staatshaushalts. Einfach so. In Chișinău buhlen derweil unzählige Casinos um Zocker. Wer spielt hier? Mit wem? Mit was? Und um was?

«In der Republik Moldau wird deutlich, was es bedeuten kann, wenn ein Land oder ein Staatenbund im Ringen um eine Form sich selbst niederringt.»

Nun könnte man diesen Artikel beiseitelegen und kopfschüttelnd sagen: «Der wilde Osten! Hier, im Westen, sieht das doch ganz anders aus.» Doch tatsächlich lassen sich gerade in der rund drei Millionen Einwohner zählenden Republik Moldau die Probleme und Herausforderungen Gesamteuropas wie unter einem Brennglas studieren. In multipolaren Zeiten verrät der Blick von den vermeintlichen Rändern mehr über die vermeintlichen Zentren, als die Zentren eingestehen wollen. Der für viele Zeitgenossen noch immer diffuse, amorphe Raum zwischen dem (ehemaligen) Westen und Russland birgt aus aktueller wie historischer Sicht viel Aufschlussreiches für ein tieferes Verständnis Europas unter den Bedingungen von EU-Integration, Globalisierung und Hybridisierung. Kurz: für Europa jenseits der alten Nachkriegsgewissheiten. So schrieb der polnische Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz in seinen Memoiren «West- und östliches Gelände» (1958) über seine Jugend und Adoleszenz in Osteuropa: «In gewissem Sinne kann ich mich als einen typischen Osteuropäer betrachten. Anscheinend stimmt es, dass man dessen spezifisches Anderssein – das äusserliche wie das innere – einfach auf eine Art Formlosigkeit zurückführen kann. […] Mein Beispiel macht genügend deutlich, welch grosser Mühe es bedarf, einander widersprechende Traditionen, Namen und ein Übermass an Eindrücken zu verarbeiten, das heisst, in eine gewisse Ordnung zu gliedern.» Genau das sind die Herausforderungen, vor denen auch Europa heute steht und die in Moldau exemplarisch zutage treten. «Formlosigkeit» ist nicht zuletzt das, was Neokonservative und Identitäre an supranationalen Institutionen wie der EU und der Globalisierung als solcher beklagen: Je mehr Komplexität, so befürchten sie, desto stärker gleichen sich die Interagierenden aneinander an – und verlieren ihre distinkte Form.

In der Republik Moldau wird deutlich, was es bedeuten kann, wenn ein Land oder ein Staatenbund im Ringen um eine Form sich selbst niederringt. So gab die «Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Aussenwirtschaft und Standortmarketing» des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie einem diesjährigen Bericht zur Lage Moldaus einen Titel, der sich auf die EU ummünzen liesse: «Republik Moldau kämpft mit sich selbst». Der lähmende, permanente Streit von Interessengruppen bietet ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn Engstirnigkeit, Klientelismus, Ignoranz und Abschottung anstelle eines konsens-orientierten, pragmatischen und «kritischen Rationalismus» (Karl R. Popper) treten. In Moldau bekämpfen sich Russlandfreunde und EU-Begeisterte, Ex-Kommunisten und Verfechter eines neuen Grossrumäniens, demokratische Progressivisten und rückwärtsgewandte Nostalgiker, Nationalisten und Internationalisten seit Jahren, ohne zu tragfähigen Kompromissen, zu einem E pluribus unum zu gelangen. Ob das Land, das aus historischer Perspektive eher eine Region als ein Staat ist, überhaupt als eigenständiges Gebilde bestehen kann, wirkt zunehmend fraglicher. Sogar die zivilen Proteste gegen Korruption und Machtmissbrauch, die 2015 zu Occupy-artigen Zeltdörfern vor dem Parlament, Grossdemonstrationen in der Innenstadt und Erinnerungen an den ukrainischen Maidan führten, mündeten in Streit und Lagerbildungen unter den Protestierenden – ein Moldau‘sches Leitmotiv seit 1991. Schon 1992 spaltete sich die sowjetaffine Region Transnistrien mit Hilfe russischer Truppen in einem Bürgerkrieg von der Republik ab – ein blutiger Traxit, wenn man so will. Seitdem verharren die Konfliktpartner in einem Kalten Krieg en miniature.

Die Europäische Union weist derzeit analoge Tendenzen auf, was die in ihr wirkenden Zentrifugalkräfte anbelangt: Verflogen ist der Enthusiasmus der Gründergeneration, das neuerliche Beharren auf partikularen Schein- und Halbwahrheiten verdunkelt den Blick aufs Ganze, der Ton der Debatten wird rauher und der Rückzug an Diskursstammtische salonfähiger, die Spannungen zwischen Ost und West nehmen zu. Zerrissenheit wie in der Republik Moldau ist zuvorderst Wasser auf die Mühlen jener Kräfte im Kreml, die wenn nicht die Ideologie, so doch Macht und Grösse des Sowjetimperiums restaurieren möchten und die «dekadenten» liberalen Gesellschaften mit ihrem Menschenrechts-Tamtam verachten.

Nicht zuletzt deshalb ist der Chișinăuer Soziologe und Aktivist Vitalie Sprinceana überzeugt, dass die Europäische Union am Beispiel Moldaus viel über sich selbst und die Fallstricke auf dem Weg in ihre Zukunft lernen könne. «Europa kann lernen, dass der Ausschluss eines Grossteils der Menschen vom politischen Geschehen – ob durch Parteiengesetze oder durch wirtschaftliche Hürden – der Demokratie schadet. Auch die Wirtschaft leidet darunter: Die Monopolisierung der Marktzugänge, welche hierzulande auf politischem Wege durch die Aushebelung des wirtschaftlichen Wettbewerbs herbeigeführt wurde, Anreiz zur Steuerflucht und Subventionen für Konzerne», meinte er bei einem Treffen in Chișinău. All das sichere bloss «den Fortbestand einer hochgradig unselbständigen Wirtschaft und einer verarmten, ausgegrenzten Gesellschaft».

Wer sich aufmerksam durch Chișinău bewegt, wird vielen weiteren Phänomenen begegnen, die Europa als Ganzes betreffen: Intransparenz bei politischen Entscheidungen, Überlastung der Infrastruktur durch metastasierenden Personenverkehr, Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes, grassierender Populismus, sich öffnende Einkommensscheren bei gleichzeitiger Virulenz schriller Konsumverheissungen. Umgekehrt heisst das aber auch: Hier ist Improvisation angesagt, hier rotiert das Wertekarussell beständig – und Gewissheiten gab es in der wechselvollen Geschichte des Landes eigentlich nie. Der 1979 in Chișinău geborene Schriftsteller Wladimir Lortschenkow, der mit «Milch und Honig» (2012) einen wunderbar grotesken wie auch erhellenden Roman über die jüngeren Geschicke der Republik Moldau veröffentlicht hat, polterte im Mai dieses Jahres im Interview: «Moldau ist die Reinkarnation einer Groteske. Die schiere Existenz dieses Staates ist eine grosse Absurdität! […] Es ist ein Nirgendsort und ein Niemalsort.» Auch Sprinceana gibt sich pessimistisch. Auf die Zukunft seines Landes angesprochen, sagt er: «Am wahrscheinlichsten ist es, dass weiterhin nur eine kleine Handvoll von Leuten wirklich das Sagen hat, dass es nicht zu sinnvollen Reformen und Wirtschaftswachstum kommt und die Verarmung des Landes zunimmt. Und das ganz unabhängig davon, wie die Republik Moldau sich geopolitisch orientiert.»

Sprinceanas düstere Prognose ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Als Mitglied der in Chișinău domizilierten Non Profit Organization «Oberliht» ist er Teil einer kleinen, aber signifikanten bürgerschaftlichen Bewegung, die seit dem Jahr 2000 eine beeindruckende Anzahl von Projekten in der Hauptstadt Moldaus realisiert hat: Ausstellungen, Vorträge und Screenings im öffentlichen Raum, Happenings und Protestaktionen gegen dubiose Bauvorhaben, community building mit der lokalen Bevölkerung und Untersuchungen zur Stadtgeschichte. Alle Projekte zielen auf die Stärkung einer kritischen, engagierten Zivilgesellschaft ab, ja sollen zur Entstehung einer solchen allererst beitragen. Hervorgegangen ist «Oberliht» aus einer jungen Künstlergruppe, die angesichts der desolaten Zustände zu dem Schluss kam: Wenn wir wirklich zeitgemässe Kunst machen wollen, die nicht mit einem Bein in den Akademien des 19. Jahrhunderts und mit dem anderen in der Staatskunst des 20. Jahrhunderts steht, müssen wir erst einmal selbst das probate Umfeld dafür schaffen. «Kunst kann dazu beitragen, unsere schwache Zivilgesellschaft neu zu erfinden», sagt Sprinceana. Er sieht Chișinău als urbanes Labor für «trans-ethnische, transidentitäre und transparteipolitische» Experimente. Gerade in prekären Zeiten und Räumen müssten «neue Formen partizipatorischer Budgetplanung und genereller zivilgesellschaftlicher Beteiligung an Entscheidungsprozessen ins Spiel kommen».

«Oberliht» macht vor, was das konkret bedeutet. Vladimir Us, ein gewiefter Kulturmanager, organisiert mit immensem Einsatz die Aktionen der Gruppe, kümmert sich um Fundraising, wirbt internationale volunteers an und gleist Kooperationen mit ausländischen Partnern, etwa für Summer Schools, auf. An die Stelle von Ölgemälden treten Filmessays, heimelige Salonausstellungen werden abgelöst von Interventionen im öffentlichen Raum. Hat die Entkunstung der Kunst in Westeuropa oft eher rituellen, ja folkloristischen Charakter, so ist in Chișinău noch die ganze Brisanz des Einsickerns der Künste in soziopolitische Handlungsräume spürbar. Als «Artivismus» hat Peter Weibel, Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, diese Mischformen bezeichnet.

Auch in dieser Hinsicht lässt sich die Republik Moldau somit als Lehrstück für Europa heranziehen. Die Aktivitäten von «Oberliht» zeigen, was passiert und passieren muss, wenn die althergebrachten politischen Parteien, Verfahren und Ideen nicht mehr verfangen und Wirrnis, Improvisation, Durchwursteln zum Alltag werden: Entweder erfolgt von oben eine langfristig meist wenig nachhaltige Stabilisierung, oder die Zivilgesellschaft wacht auf. Während viele der zivilgesellschaftlichen Aktivisten in Westeuropa sich in internen Grabenkämpfen entweder selbst zerlegen oder in längst obsolete Ideologien abdriften, übt sich «Oberliht» in einem kritischen Pragmatismus. Jenseits von Wunschdenken und Utopiebildung, mit viel Bodenhaftung und Realitätssinn arbeitet die Gruppe beharrlich und geduldig an ihren Zielen: auch Künstler können also dicke Bretter bohren. Jede «reaktive Aktion» müsse von einer «proaktiven Aktion» begleitet werden, bringt Sprinceana das Prinzip auf den Punkt. Zudem hätten die Proteste des Jahres 2015 viele Menschen «ohne formale politische Bildung» mit Techniken der Selbstorganisation, aber auch der Vermeidung von destruktiver Provokation und Konfrontation vertraut gemacht. Und so artikuliert er am Ende des Gesprächs doch noch einen positiven Ausblick: «Die Protesterfahrung bildet ein kostbares Gut, von dem, so hoffe ich, die Gesellschaft Moldaus in der Zukunft profitieren wird.» Bezeichnend und vielsagend auch für Europa ist, dass dieser Hoffnungsstrahl nicht von Parteien und politischen Institutionen ausgeht, sondern von einer künstlerisch sozialisierten Bürgerbewegung.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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