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Napoleon fiel 1798 in der Schweiz und in Ägypten ein – die beiden Länder gingen ganz unterschiedlich mit der Erfahrung um

Während die Eidgenossen von Frankreich lernten, hadert die islamische Welt bis heute mit der Moderne. Ein Lehrstück zum Nationalfeiertag.

Napoleon fiel 1798 in der Schweiz und in Ägypten ein – die beiden Länder gingen ganz unterschiedlich mit der Erfahrung um
Napoleons Truppen schaffen 1798 die Schweizer Reichtümer nach Frankreich. Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz / Schweizerisches Nationalmuseum.

Als Napoleon 1798 Bern eroberte, raubte er nicht nur die Unabhängigkeit der Alten Eidgenossenschaft – er plünderte auch die prall gefüllte Berner Staatskasse. Fünf Millionen Franken, eine astronomische Summe für die damalige Zeit, wanderten in französische Hände. Mit dem Geld finanzierte Napoleon seinen Ägyptenfeldzug.

An Bord der Schiffe, die 1798 Richtung Alexandria segelten, waren übrigens auch Schweizer Söldner. So trugen Eidgenossen unfreiwillig dazu bei, dass die Moderne ihren ersten grossen Auftritt in der islamischen Welt hatte.

Was in Ägypten geschah, war mehr als ein militärischer Feldzug. Napoleon brachte nicht nur 40 000 Soldaten mit, sondern auch 167 Gelehrte, Ingenieure und Wissenschafter. Die mitgebrachte Druckerpresse produzierte die ersten arabischen Zeitungen. Französische Ärzte operierten mit modernen Methoden. Kartografen vermassen das Land präziser als je zuvor.

Die Araber erlebten einen Schock. Jahrhundertelang hatte die islamische Welt Europa als kulturell unterlegen betrachtet. Nun demonstrierten die «Ungläubigen» eine erschreckende Überlegenheit – nicht nur militärisch, sondern auch wissenschaftlich und administrativ. Die Franzosen zeigten den Ägyptern ihr eigenes Land, indem sie die Hieroglyphen entzifferten und das antike Erbe systematisch erforschten.

Der schwierige Weg zur Moderne

Seit dieser von arabischen Historikern als «Erwachen unter dem Donner der französischen Kanonen» bezeichneten Episode ringt die islamische Welt mit der Moderne. Reformer wie Muhammad Ali in Ägypten oder die Jungtürken versuchten, westliche Technologie zu übernehmen. Doch der Weg blieb steinig.

Das Grundproblem: Während die Schweiz nach 1815 pragmatisch übernahm, was funktionierte – Bildungssystem, Infrastruktur, demokratische Institutionen –, haderte die islamische Welt mit der Moderne. Modernisierung wurde oft als Verrat an der eigenen Tradition empfunden.

Bis heute blockiert diese Mentalität den Fortschritt. Statt zu fragen: «Wie können wir unsere Probleme lösen?», wird gefragt: «Ist das islamisch?» Statt Eigenverantwortung zu übernehmen, werden externe Schuldige gesucht. Statt kritischem Denken dominiert oft religiöse Konformität das Bildungswesen.

«Während die Schweiz nach 1815 pragmatisch übernahm, was funktionierte, haderte die islamische Welt mit der Moderne.»

Die Schweizer Lektion

Was kann die islamische Welt aus der Schweizer Erfahrung lernen?

  • Erstens: Modernität ist kein Verrat an der eigenen Kultur, sondern ein Werkzeug zur Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Schweiz wurde nach Napoleon nicht französisch – sie wurde modern und blieb schweizerisch.
  • Zweitens: Bildung ist der Schlüssel. Nicht Auswendiglernen, sondern kritisches Denken. Die Schweiz investierte früh in praktische, säkulare Bildung und wurde zur innovativsten Nation Europas.
  • Drittens: Die Schweiz bleibt zivilisiert, selbst wenn sie Bürgerkrieg führt. Der Sonderbundskrieg von 1847 – vom amerikanischen Historiker Joachim Remak als «a very civil civil war» bezeichnet – dauerte drei Wochen und kostete weniger als 100 Menschenleben. Die islamische Welt sollte von den Eidgenossen mehr Weisheit, Kompromissbereitschaft und – um es auch politisch unkorrekt auszudrücken – mehr Zivilisiertheit lernen.

Während die Schweiz aus der Demütigung lernte und zur modernen Demokratie wurde, kämpft die islamische Welt noch immer mit den Folgen jener Begegnung von 1798.

An diesem Nationalfeiertag soll nicht vergessen werden, dass die Schweiz einen der grossartigsten Kulturaustausche – oder besser gesagt: Kulturschocks – der Geschichte ermöglichte. Die Schweiz bleibt neutral, sie missioniert nicht, sie mischt sich nicht ein. Doch ihr blosses Dasein – ein kleines Land, das funktioniert, das wohlhabend ist, wo Frieden herrscht – ist die wirkungsvollste Botschaft an die Welt. Vive la Suisse!

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