Stefan Zweifel

Stefan Zweifel
Stefan Zweifel, photographiert von Florian Oegerli.

Meine erste Begegnung mit Stefan Zweifel liegt etwa zehn Jahre zurück. Damals, mit fünfzehn, las ich im «Magazin» einen Essay über die Erotik des Lesens, in dem der Satz fiel: «Wer immer nur Thomas Mann liest, […] lässt sich von Mann und den Germanisten in den Hintern vögeln.» Der Satz, der sich gegen den Anspruch richtet, nur verständliche Texte seien gute Texte, empörte mich zuerst, kam mir aber im Deutschunterricht oft in den Sinn, wenn wir tatsächlich nur Keller, Stifter oder Mann lasen.

Nun treffe ich den Kritiker endlich persönlich, und zwar in der «Kronenhallen»-Bar. Der Abend, beschliesst Zweifel, steht unter dem Zeichen des Angostura. Deshalb bestellt er zwei Champagnercocktails. Er nimmt einen Schluck, um mich dann durch die Gläser seiner Sonnenbrille, die an «Interview mit einem Vampir» erinnert (seine normale Brille hat er vergessen), skeptisch anzusehen. «Und was ist jetzt der Plan?»

«Das entscheidest du. Einfaches Konzept, oder?»

Also berichtet Zweifel von seiner jüngsten Lektüre, «Die Arbeiter des Meeres» von Victor Hugo, einem Riesentintenfisch-Roman, der zahlreiche Parallelen zu Moby Dick aufweist. Wir sinnieren darüber, weshalb in den Nullerjahren kaum gute Bücher veröffentlicht wurden – «ausser David Foster Wallace und Roberto Bolaño fällt mir nichts ein» – und weshalb Daniel Kehlmann alles andere als ein guter Autor ist. Draussen erwähnt Zweifel, dass er als Junge einmal vor der «Kronenhalle» von einem Auto angefahren wurde. Weil eine Kellnerin den Krankenwagen rief, war er in der Bar schon früh allen bekannt und entwickelte sich in der Folge zum Stammgast.

Wir besuchen, «mehr aus Nostalgie», das «Odeon», wo wir zehn Minuten in der Ecke stehen, ohne bedient zu werden. So bleibt uns bloss der Rückzug in die Rauchschwaden der «Tina-Bar». «Als ich mit Menasse die Reporter-Sendung gedreht habe, die dann leider im SRF nicht ausgestrahlt wurde, waren wir ständig hier. Sonst darf man in Zürich ja nirgendwo mehr rauchen.» Wir bestellen einen Old Fashioned, um die Angostura-Reihe fortzusetzen. Stefan, wie kommt man eigentlich dazu, mit siebzehn de Sade zu übersetzen?

«Michael Pfister und ich haben, erst mehr für uns selbst, ein paar Kapitel übersetzt. Die haben wir dann Axel Matthes geschickt, der uns daraufhin tatsächlich zu einem Treffen einlud. Als er sah, dass wir noch Teenager waren, zögerte er kurz. Dann gab er uns den Auftrag. Vorher konnte ich Französisch nicht leiden.»

Kurzer Abstecher in die «Kontiki-Bar»: Zwei DJs legen elektronische Musik auf. Schnell wieder raus. Wir versuchen es in der «Züri-Bar», «früher kaputt, heute nicht mehr so», finden das dann zu nichtssagend, überqueren die Limmat und landen schliesslich in der «Old Crow Bar». Dort bietet sich mir auf Zweifels Empfehlung eine Drink-Offenbarung: Pink Gin, milder Gin mit Angostura und einer Zitronenschale.

«Was ist Angostura überhaupt?», fragt der Kritiker den Barkeeper.

«Ein Malariamittel, ursprünglich.»

Gutes Omen. Der Drink ist stark. So stark, dass er laut Zweifel einmal Dieter Meier in die Knie zwang. Ich erzähle ihm, dass ich gerne einmal übersetzen würde. «Übersetzen ist mir lieber als Schreiben», meint Zweifel, «mehr als zwei Stunden kann man nicht konzentriert schreiben. Beim Übersetzen gehen auch acht Stunden. Wenn Literaturkritiker mehr übersetzen würden, hätten sie ein besseres Sprachgefühl.» Na denn: Prost.

Taxi zum Idaplatz. Wir landen in der «Poli-Bar», in der Zweifel – wenn er nicht gerade liest – gerne flippert. Einen letzten Gin! Diesmal mit Tonic statt Angostura.

Welche Pläne hat der Kritiker für die Zukunft?

Der Kritiker redet erst von Proust, gesteht dann aber nach ein paar Schlückchen, dass er gerne Barkeeper wäre. «Manchmal stehe ich im Seebad Utoquai hinter der Theke, aber das ist nicht dasselbe.» Selbst Caipirinhas würde er ausschenken, sagt er, und zwar an der Street Parade: «Zwar ein scheussliches Getränk, aber die Leute bestellen bei mir, weil ich extra viel Schnaps verwende.»

Als wir draussen die letzte Zigarette rauchen, fällt mir Zweifels Essay wieder ein. Ob er ein Mittel gegen den inneren Deutschlehrer kenne, frage ich. «Bataille!» ruft er wie aus der Pistole geschossen. «Und vielleicht noch Arno Schmidt.»

Wir haben viel gesehen, noch mehr getrunken, oft gelacht – aber auch anständig gedacht. Mein Deutschlehrer wäre stolz.