Lakonie schlägt Pathos

Ein schmaler Gedichtband von rund 70 Seiten wird leicht übersehen oder für zu leicht befunden. Die zweite Buchveröffentlichung von Roman Graf ist jedoch alles andere als leicht, weder leicht geschrieben noch leicht zu beschreiben. Es ist auch nicht einfach, den Autor zu loben, weil er sich dem leicht Gefügigen und Gefügten mit Kunstverstand widersetzt. Nur das Widersetzliche ist ihm Poesie; rar sind demnach die forcierten Fügungen und Schlaumeiereien.

Der spröde, eher abweisende Titel «Zur Irrfahrt verführt» ist zugleich ein Vers aus dem Gedicht «Dame» und geht dort weiter «Zur Irrfahrt verführt, / Verirrt er sich nicht». Womit der König gemeint ist und sich der Doppelsinn von «Dame» einstellt, den das Nabokov-Motto im vorangegangenen Gedicht «Plagwitz» fürwitzig eingeführt hat: «Einsam steht der König», heisst es dort. Und vorbei ist es mit der Feierlichkeit; der hohe Ton wird in dieser Lyrik nicht selten geerdet, Lakonie schlägt das immer wieder lockende Pathos in einem Zug.

Roman Grafs Gedichtband kennt alle Eröffnungen, die notwendig sind, um im Schach- wie Sprachspiel zu bestehen. Kaum ein Wort, das nicht beim Wort genommen würde, kein Zitieren, das nicht wüsste, was es tut. Und das nicht nur in der Versfolge «Ein zitierter ‹Tittenhalter› / Hängt später Stunde / Und zeigt irgendwohin». Hier ist Rolf Dieter Brinkmann aufgerufen worden, der sich auch in der keineswegs vollständigen Liste der am Schluss Bedankten findet; ebenso wie Stefan George oder der nur Spezialisten bekannte, frühverstorbene österreichische Autor Reinhard Priessnitz aus dem Umkreis der Wiener Gruppe. So manches, das halten soll, hängt; anderes wiederum, das zeigen soll, steht einsam.

Grafs Lakonie kennt nicht nur die Lust am Absturz von Sinn, sondern auch die Trauer darüber. Zerfall, Verdruss, Vergänglichkeit kehren wieder, und eben das potenziert und provoziert die poetische Gegenrede. Oft wird die Zeit beschworen, des Tages Wechsel wie jene der Jahre und Jahreszeiten, verknüpft mit Orten der Erinnerung an Unverlierbares wie Verlorenes. Die Evokation von Zeit, die nicht unüberlegte Wiedergabe von Daten und Jahresangaben in Ziffern oder Buchstaben sind der prägende Eindruck der ersten Lektüre. Dazu passen die Versuche, eine vergangene Welt (der Kindheit, des Liebens) zu wiederholen bzw. wiederzuholen. Melancholie ist ein sich einstellender Effekt, besonders wenn die verlorene Zeit sich mit Orten der Erinnerung einprägsam verknüpft. Oder aber mit dem Ereignis des Verlusts, der Trennung und des Nachdenkens darüber, meistens im Blues-Ton des fahrenden Zugs oder der nicht minder traurigen Spaziergängermelodie Robert Walsers dargeboten, dem nicht im Anhang, sondern in einem Gedicht («Einfache Rede») die Ehre gegeben wird.

Überhaupt gehören die verschwiegenen wie ausgesprochenen Hommagen an andere Wortarbeiter zum Repertoire dieses Bandes. Neben dem in mehrfacher Hinsicht herausragenden «Sappho-Labor» mit Grafs Nachdichtungen haben mich vor allem seine Versuche mit Rolf Bossert überzeugt, dem er in dem Kapitel «Neuntöter» einen schmerzenden Tribut gezollt hat.

Wer solche Gedichte macht wie Roman Graf, kann auch abstürzen; aber nur wer das in Kauf nimmt, kann solche Gedichte machen.

Roman Graf: «Zur Irrfahrt verführt». Zürich: Limmat, 2010

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