Kostenlos – aber nicht umsonst
Was Google gratis anbietet, bezahlen wir mit Autonomie. Statt den Tech-Giganten blind zu vertrauen, sollten wir ihre Macht einhegen.
Read the English version here.
2012 begann ich zu verstehen, wie potentiell gefährlich Google ist – und dass wir die vermeintlich kostenlosen Dienste des Konzerns in Wahrheit mit einem hohen Preis bezahlen: mit unserer Freiheit. Seither widerstrebt es mir zunehmend, über Gmail zu kommunizieren – jene überwachungsbasierte E-Mail-Plattform, die Google 2004 lancierte und die heute mit rund zwei Milliarden Nutzern das weltweit dominierende System ist. Kaum ein Land kommt ohne sie aus – mit Ausnahme von China und Nordkorea.
Im Jahr 2013 startete ich ein rigoroses empirisches Forschungsprogramm, dessen Ergebnisse mich alarmierten – und bis heute beschäftigen. Die Erkenntnisse waren so beunruhigend, dass ich eine Konsequenz zog: Ich stellte die direkte Kommunikation mit Gmail-Nutzern ein, obwohl der Grossteil meiner täglichen E-Mails über diesen Dienst eintraf. Statt zu antworten, nutzte ich jede einzelne Nachricht als Aufhänger, um die Absender über die Risiken aufzuklären, die sie mit Gmail eingehen – und über die oft unsichtbare Logik digitaler Überwachungssysteme, die im Hintergrund wirken.
Hier – leicht überarbeitet – die Art und Weise, wie ich seither auf E-Mails von Gmail-Nutzern reagiere:
Lieber E-Mail-Absender
Ich würde Ihre Nachricht gerne lesen (wirklich!). Aus Datenschutzgründen kommuniziere ich jedoch nicht mehr über Gmail oder andere E-Mail-Dienste, die über Googles Überwachungsinfrastruktur laufen. Ich empfehle auch Ihnen, das zu überdenken.
Trotz allen Anscheins ist Gmail kein Kommunikationssystem – zumindest keines, das mit einem nationalen Postdienst vergleichbar wäre. Anders als ein Postdienst hat Google keinerlei rechtliche Verpflichtung, E-Mails zuzustellen. Das Unternehmen verzögert, verändert, leitet Nachrichten weiter – meist in Spam-Ordner – oder löscht sie routinemässig und bewusst, ganz nach eigenem Ermessen. Zudem schneidet Google Nutzer regelmässig von ihren Gmail-Konten ab – in vielen Fällen verlieren sie damit den Zugriff auf ein Jahrzehnt oder mehr ihrer E-Mails.
Aus geschäftlicher Perspektive ist Gmail letztlich nichts anderes als eine Überwachungsplattform, die Menschen dazu verleitet, persönliche Informationen preiszugeben.
Google analysiert, monetarisiert und speichert E-Mails dauerhaft. Die Inhalte fliessen in persönliche Profile ein – nicht nur in unsere eigenen, sondern auch in jene von Freunden und Familienmitgliedern, die wir in unseren Nachrichten erwähnen. Auf dieser Grundlage konstruiert das Unternehmen Modelle, die unser Verhalten vorhersagen und ihm wachsende Macht verleihen, nahezu alles zu beeinflussen, was wir denken und tun. Zudem teilt Google diese Inhalte mit Geschäftspartnern, Softwareentwicklern sowie mit Regierungsbehörden in den USA und anderen Ländern.
Wenn Sie Bedenken hinsichtlich Ihrer eigenen Privatsphäre haben – oder zumindest die Privatsphäre Ihrer Korrespondenzpartner respektieren wollen –, sollten Sie zu einem anderen E-Mail-Dienst wechseln.
Selbst wenn Sie Ihre eigene Privatsphäre geringschätzen, sollten Sie zumindest den Menschen, mit denen Sie korrespondieren, die Achtung erweisen, ihre Privatsphäre ernst zu nehmen. Ich möchte selbst entscheiden, welche Inhalte ich mit Mitarbeitern und Algorithmen bei Google teile – und welche nicht. Wer über ein Gmail-Konto kommuniziert, entzieht jedem einzelnen Gesprächspartner diese Entscheidungsmacht.
Mit freundlichen Grüssen
Robert Epstein
Im Laufe der Jahre hat etwa die Hälfte der Menschen, denen ich diese Antwort geschickt habe, erneut geschrieben – diesmal über Proton Mail oder andere verschlüsselte Dienste. Von der anderen Hälfte hörte ich nie wieder etwas. Vermutlich sind sie tiefer in jenem Überwachungsökosystem geblieben, das sie für harmlos halten.
Mit meinen Bedenken stehe ich nicht allein. 2019 war ich in Berlin zur Premiere des Dokumentarfilms «The Creepy Line», der wissenschaftliche Forschung zu Googles Fähigkeit beleuchtet, Wahlen zu beeinflussen. Dort traf ich den deutschen Anwalt Markus Runde, damals Geschäftsführer der VG Media, die Hunderte europäische Medienhäuser in Urheberrechtsfragen vertrat. Auch er verweigerte inhaltliche Antworten auf Gmail-Nachrichten – und nutzte stattdessen jede Kontaktaufnahme, um Absender auf die Risiken dieses Dienstes hinzuweisen.
Für die Nutzer unsichtbar
Vielen ist zumindest vage bewusst, dass Google den Suchverlauf auf seiner allgegenwärtigen Suchmaschine speichert – einem Dienst, der rund 92 Prozent des weltweiten Marktes kontrolliert. Ebenso bekannt ist die Datensammlung über Android, das auf etwa 73 Prozent aller Smartphones und Tablets läuft. Doch damit endet es nicht: Erfasst wird auch, was in Google Docs geschrieben, welche Videos auf YouTube – ebenfalls ein Google-Dienst – angesehen und welche Aktivitäten über Chrome, Wallet, Maps oder andere Apps ausgeführt werden.
Diese sichtbaren Dienste sind jedoch nur die Oberfläche. Ein weitaus grösserer Teil der Datenerfassung findet im Hintergrund statt. Die meisten Nicht-Google-Websites nutzen Google Analytics zur Auswertung ihres Datenverkehrs – und geben dem Konzern damit Einblick in das Verhalten ihrer Besucher. Hinzu kommen Google Ads und AdSense, die millionenfach eingebunden sind. Wer auf entsprechende Werbelinks klickt, wird erneut erfasst. Das Entscheidende: Diese Form der Überwachung bleibt für die meisten Nutzer unsichtbar. Kaum jemand ahnt, dass Google-Tools in einen grossen Teil der Websites integriert sind, die wir täglich aufrufen – und damit faktisch ein nahezu lückenloses Tracking ermöglichen.
Noch beunruhigender ist eine jüngste Enthüllung: Ab 2026 soll Googles KI-Software Gemini den Sprachassistenten Siri auf sämtlichen Apple-Geräten antreiben. Damit geriete eine weitere Milliarde Nutzer in den Einflussbereich von Google – ausgerechnet viele von ihnen haben sich bislang bewusst für Apple entschieden, um Googles Überwachungsökosystem zu entgehen. Die Ironie ist offenkundig. Wer glaubte, sich durch die Wahl eines anderen Geräts ein Stück digitale Souveränität zu sichern, könnte künftig dennoch im selben Datenkreislauf landen. Wie Gemini wird auch ein entsprechend integriertes Siri-System permanent auf Sprachbefehle reagieren – und damit zwangsläufig mithören.
Wer hat Google all diese Rechte und Befugnisse eingeräumt? Die unbequeme Antwort lautet: wir selbst – wenn auch nach einer geradezu perfiden Logik. Erstens beruft sich Google darauf, dass Sie irgendwann einmal per Klick die Nutzungsbedingungen akzeptiert haben – Bedingungen, die Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nie gelesen haben und an deren Zustimmung Sie sich kaum erinnern. Zweitens argumentiert das Unternehmen, Sie seien an diese Regeln gebunden, sobald Sie einen Google-Algorithmus nutzen – selbst dann, wenn Ihnen gar nicht bewusst ist, dass im Hintergrund ein solcher Algorithmus arbeitet, und selbst dann, wenn Sie nie ausdrücklich zugestimmt haben. Der Zirkelschluss ist offensichtlich: Wer das System nutzt, hat zugestimmt – und wer zugestimmt hat, darf überwacht werden.
«Wer hat Google all diese Rechte und Befugnisse eingeräumt? Die unbequeme Antwort lautet: wir selbst – wenn auch nach einer geradezu perfiden Logik.»
Sind also die Nutzer selbst schuld an der allgegenwärtigen Überwachung? Keineswegs. Empörung wäre eher gegenüber jenen angebracht, die den Auftrag hätten, Bürger zu schützen – politischen Entscheidungsträgern und Gerichten. Zwar haben Regulierungsbehörden, Parlamente und Gerichte in der EU punktuell reagiert, etwa mit der Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) im Jahr 2018. Doch ernsthaft gebremst hat das Google nicht. Im Gegenteil: Eine der folgenreichsten Nebenwirkungen der DSGVO besteht darin, dass kleinere Unternehmen an den komplexen Vorgaben scheitern – und potentielle Konkurrenten abgeschreckt werden, bevor sie überhaupt entstehen.
Hinzu kommt eine ernüchternde Entwicklung: Inzwischen haben Tausende von Unternehmen das Modell der digitalen Dauerüberwachung übernommen. Google ist der schlimmste Übeltäter – doch Facebook steht ihm kaum nach, ebenso wenig wie X, Instagram, TikTok, Amazon und zahlreiche andere Plattformen. Sie alle sammeln, analysieren und monetarisieren persönliche Daten im grossen Stil. Apple erscheint bislang als vergleichsweise zurückhaltend im Umgang mit Nutzerdaten. Doch auch dieses Gleichgewicht ist fragil – ein Strategiewechsel an der Unternehmensspitze könnte die Prioritäten jederzeit verschieben.
«Google ist der schlimmste Übeltäter – doch Facebook steht ihm kaum nach, ebenso wenig wie X, Instagram, TikTok, Amazon und zahlreiche andere Plattformen»
Das Problem der Manipulation
Meine Forschung richtet den Blick auf ein Risiko, das ich für noch gravierender halte als Überwachung selbst: die Fähigkeit von Google – und in geringerem Mass anderer Tech-Konzerne –, Denken und Verhalten gezielt zu beeinflussen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von mir zeigt: Je mehr Daten über Menschen vorliegen, desto leichter lassen sie sich online manipulieren. Zugleich arbeiten die Plattformen systematisch daran, Nutzer von ihren Diensten abhängig zu machen. Überwachung und Manipulation greifen ineinander – das eine ermöglicht das andere.
In meiner ersten Untersuchung zur Online-Manipulation konnte ich zeigen, dass eine Suchmaschine die Wahlpräferenzen unentschlossener Wähler um 20 bis 80 Prozent verschieben kann – allein durch die Reihenfolge der angezeigten Ergebnisse. Wer oben erscheint, wirkt glaubwürdiger. Hochrangige Treffer führen gezielt auf Seiten, die einen bestimmten Kandidaten vorteilhaft darstellen. Die Wirkung ist subtil, aber politisch hochbrisant. Seitdem habe ich rund ein Dutzend weiterer Formen der digitalen Manipulation identifiziert, benannt, untersucht und quantifiziert, die erst durch das Internet möglich wurden.
Einige dieser Effekte gehören zu den stärksten Einflussmechanismen, die die Verhaltensforschung je dokumentiert hat. Ihre besondere Gefährlichkeit liegt darin, dass sie für die Nutzer unsichtbar bleiben. Noch gravierender: Nahezu alle diese Manipulationsinstrumente befinden sich unter der Kontrolle von Google – und in geringerem Umfang anderer Big-Tech-Konzerne. Da bis auf eine Ausnahme – X, seit der Übernahme durch Elon Musk im Jahr 2022 – alle grossen Plattformen politisch eher links tendieren, verbreiten sie in der Regel ähnlich gefärbte Inhalte. In einer meiner neuesten Studien konnte ich zeigen, dass solche plattformübergreifende Verzerrungen sogar eine süchtig machende Dynamik entfalten. Das verschafft diesen Unternehmen eine Macht historischen Ausmasses: Sie können Kinder ideologisch prägen, Wahlentscheidungen beeinflussen und die menschliche Autonomie in einem bislang ungekannten Umfang untergraben.
Whistleblower, geleakte Dokumente und internes Material legen nahe, dass Google seine manipulativen Möglichkeiten nicht nur auf dem Papier besitzt, sondern systematisch nutzt. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: nicht nur, wie sich der Einzelne schützen kann, sondern wie eine demokratische Gesellschaft mit Systemen umgeht, die Informationsflüsse im grossen Stil steuern – und damit Wahrnehmung, Verhalten und letztlich politische Realität beeinflussen.