Je weicher die Zeiten, desto härter die Körperideale
Der gegenwärtige Proteinhype ist weit mehr als nur ein Marketingtrend. Er ist Ausdruck eines kulturellen Wandels: Während körperliche Arbeit an Bedeutung verliert, steigt das Bedürfnis nach körperlicher Optimierung.
Es ist, als bestünde die Welt nur noch aus Proteinen. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man durch die Regalreihen eines gängigen Supermarkts in westlichen Breitengraden wandelt. Produkte mit hohem oder künstlich erhöhtem Proteinanteil boomen seit Jahren und werden für sportliche, körperlich aktive, leistungsbereite Menschen beworben: Low Carb für High Performer!
In Wahrheit ist der Proteinboom ein Symptom des Wandels von einem körperlich aktiven zu einem überwiegend inaktiven, weil sitzenden Lebensstil. Dieser Wandel hat bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen, als die ersten modernen Nahrungsergänzungsmittel wie «Liebigs Fleischextrakt» auf den Markt kamen. Später folgte etwa die «Health and Strength Cocoa» des preussischstämmigen Kraftathleten, Fitnesspioniers und Unternehmers Eugen Sandow (1867–1925), eines der grössten Vorbilder für Arnold Schwarzenegger.
Seine Produkte richteten sich an Verbraucher der Mittelschicht, die keine schwere körperliche Arbeit mehr verrichten mussten. Zum Ausgleich begannen sie, Fitnessprogramme zu absolvieren und Gesundheitsratgeber zu lesen. Damit war nicht nur das bis heute populäre Statussymbol des «Hard Body», sondern auch der latent absurde Lebensstil unserer Gegenwart geboren: zehn Stunden verkrümmt am Schreibtisch, dann eine Stunde Gym oder Heimtraining zur Selbstoptimierung – Sofa, Bett, Repeat. Ironie der Geschichte: Je weicher die Zeiten, desto härter die Körperideale.
Protein ist nicht gleich Protein
Nüchtern betrachtet, ergibt eine kalorienreduzierte, proteinbetonte Ernährung für diesen Lebensstil durchaus Sinn. Vereinfacht gesagt: Proteine sind die Bausubstanz unseres Motors, Kohlenhydrate und Fette das Benzin. Da wir im Alltag immer weniger Energie verbrauchen, aber die Struktur unseres Motors erhalten müssen, ist es richtig, das Verhältnis von Protein- zu Kohlenhydratzufuhr zugunsten Ersterer zu verschieben. Wer obendrein Muskeln aufbauen will, kommt am Proteinfokus nicht vorbei. Für Ausdauerathleten oder Menschen, die weiterhin schwerer körperlicher Arbeit nachgehen (müssen), gelten natürlich andere Vorgaben.
«Bürohengste und -stuten, die ihren Körpermotor nicht nur erhalten, sondern auch ein wenig tunen wollen, sind mit proteinbetonter, kalorienreduzierter Ernährung gut beraten.»
Die meisten Gesundheitsbehörden empfehlen, täglich mindestens 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht aufzunehmen, mit Ausnahmen für ältere, schwangere oder kranke Menschen. Wer Kraftsport betreibt, profitiert von 1,5 bis 2 Gramm. Doch «Protein» sagt noch nichts über die Qualität aus. Wer etwa primär Reis- oder Erbsenprotein konsumiert, deckt nicht alle essentiellen Aminosäuren ab. Je weniger Fleisch, Milch, Eier man isst, desto bewusster muss man Proteinquellen kombinieren. Tierisches Protein enthält alle essentiellen Aminosäuren, pflanzliches ist unvollständig. Kombiniert man, lässt sich eine höhere Wertigkeit erzielen – etwa durch Mais- und Bohnenprotein oder Soja- und Reisprotein.
Wer nicht Unmengen pflanzlicher Lebensmittel verzehren möchte, um den Proteinbedarf zu decken, kann zu Proteinpulvern greifen. Dabei gibt es erhebliche, aber wenig bekannte Qualitätsunterschiede. Viele chemische Extraktionsverfahren (etwa mit Säuren) beeinträchtigen die Proteinstruktur («Denaturierung»). Mechanische Methoden wie Mikrofiltration sind oft schonender (aber teurer). Deshalb: Kleingedrucktes lesen!
Vor diesem Hintergrund ist der Proteinboom mehr als ein Marketingtrend und keine sinistre Verschwörung der Nahrungsmittelindustrie. Er ist vielmehr Ausdruck eines kulturellen Wandels, im Zuge dessen harte körperliche Arbeit an Bedeutung verliert, das Bedürfnis nach körperlicher Optimierung jedoch steigt und ein paradoxes Körperideal entsteht: der «Hard Body». Bürohengste und -stuten, die ihren Körpermotor nicht nur erhalten, sondern auch ein wenig tunen wollen, sind mit proteinbetonter, kalorienreduzierter Ernährung gut beraten.