INTRO

«Es gibt dreierlei Arten Leser; eine, die ohne Urteile geniesst, eine dritte, die ohne zu geniessen urteilt, die mittlere, die geniessend urteilt und urteilend geniesst; diese reproduziert eigentlich ein Kunstwerk aufs neue.» Johann Wolfgang von Goethe

Wir leben in einer komplexen Welt. Was banal klingt, weil «komplex» ein inflationär verwendeter Begriff ist und beim Lesen meist nur mit «schwierig» übersetzt wird, ist eine echte Herausforderung für Menschen, die wissen wollen, was um sie herum passiert – und warum. Komplexität entsteht, wenn zwei verschiedene Dinge zwar auf eine Weise gekoppelt sind, dieser Zusammenhang aber nicht eindeutig ist bzw. seine Entwicklung von verschiedenen weiteren Faktoren abhängt, deren Entwicklung wiederum von anderen Faktoren usw. Die zunehmende Komplexität offener Gesellschaften ist also in jeder Hinsicht anstrengend – und wir vermeiden oder delegieren ihr Verstehen, wo wir glauben, es uns leisten zu können. Eine deshalb aktuell erfolgreiche und also besonders dubiose Dienstleistung von Politikern ist die Komplexitätsreduktion auf Kosten der sachlichen oder intellektuellen Richtig- und Redlichkeit: der Populismus einer globalen, «antiliberalen Konterrevolution» (s. unsere Titelgeschichte hier).

Das Ziel unserer redaktionellen Arbeit ist – auch in dieser prominent besetzten Sommer-Doppelausgabe – das genaue Gegenteil: komplexe Sachverhalte nachvollziehbar machen, statt sie für obsolet zu erklären. Schliesslich muss die offene Gesellschaft zuerst verstehen, wer sie wirksam verteidigen will. Hilfestellung zu solcherlei intellektueller Erquickung bieten auch folgende strandtaschentaugliche Leseempfehlungen:

«Aus der Welt: Grenzen der Entscheidung» von Michael Lewis (Campus, 2017)

Michael Lewis («The Big Short») zeichnet die Freundschaft und Arbeit der beiden Ausnahmedenker Amos Tversky und Daniel Kahneman nach, gibt dabei eine Einführung in kognitive Psychologie und zeigt, wie diese – quasi nebenher – manch liebgewordene Theorie der jüngeren Ökonomik erledigte. Wer wissen will, wie «natürlich resistent» Menschen und erst recht gleich tickende Gruppen von Menschen gegenüber Kritikern, die weit verbreitete Denkfehler entlarvt haben, sein können, wird hier mehr als fündig.

«Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand» von Timothy Snyder (C. H. Beck, 2017) 

Der Yale-Historiker Timothy Snyder ist einer dieser belesenen, aber brillant-verknappenden Wissensvermittler, die wir diesseits des Atlantiks oft schmerzlich vermissen. Auf überschaubaren 120 Seiten lässt er dem Leser viel historisches Wissen zur Verhinderung von Despotie und Tyrannei angedeihen – angesichts der aktuellen Renaissance von Machtpolitik liest sich das zwar leicht, macht «richtiges» Leben als mündiger Bürger aber nicht wirklich einfacher.

«The Great Convergence» von Richard Baldwin (Harvard University Press, 2016)

Das neue Buch des in Genf lehrenden Ökonomen Richard Baldwin (lesen Sie seinen Beitrag ab S. 56) erklärt anschaulich und verständlich, wie die Digitalisierung der Arbeitswelt aussieht, was sie verändert hat und noch verändern wird. Baldwin leiert dabei nicht die vielzitierten «Wirtschaft 2.0»-Stereotypen nach, sondern erklärt anschaulich, dass und wie die neue Globalisierung sich strukturell von vorigen Industrialisierungsfortschrittswellen unterscheidet.

«Die letzte Stunde der Wahrheit» von Armin Nassehi (Murmann, 2015)

Der Soziologe Armin Nassehi bricht eine Lanze für die Komplexität – und für das Aushalten derselben. Er erläutert, warum Komplexität und der Umgang damit vornehmlich deshalb anstrengend sind, weil wir ständig versuchen, unsere Umwelt in Massen zu messen und in Kategorien einzuteilen, die für die Wirklichkeit irrelevant geworden sind. Wer die oben angeregten Gedanken zu unserer immer komplexeren Lebenswelt anschaulich vertiefen will, kann sich mit diesem Buch endlich intellektuell entspannt zurücklehnen – egal ob auf dem Lesesessel oder im Strandkorb.


 

Michael Wiederstein
Chefredaktor