Gehetzt. Südfrankreich 1940. Deutsche Literaten im Exil

Wir leben nicht, wir sterben nicht, wir warten

«Als die Zeit aus den Fugen war», flüchteten die Gehetzten Europas nach Frankreich. Doch sie erlagen einem Irrglauben. Weder die Geschichte noch die Kultur waren Gewähr für den verzweifelt erhofften Schutz. Die politische Praxis seit 1830, politische Flüchtlinge nicht auszuweisen, wurde mit dem Waffenstillstandsabkommen 1940 ausgesetzt. Xenophobie und Antisemitismus grassierten schon lange. Nun aber wurden Juden, (feindliche) Ausländer, Emigranten aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Belgien sowie Mitglieder der Résistance (der auch Ausländer – zumeist Kommunisten – angehörten) zum Freiwild für die Gestapo und die Polizei im parafaschistischen Südfrankreich.

Erlebtes – das tagtägliche Elend und die Verzweiflung in den «Lagern der Schande», die Todesängste auf der fortwährenden Flucht, die Demütigungen beim alltäglichen Kampf ums Überleben, die Hoffnung, die Trostlosigkeit, die geglückten und missglückten Versuche, doch noch, irgendwie, aus der südfranzösischen Falle herauszukommen, irgendwohin – all dies bestimmt das Schreiben der gerade noch Davongekommenen und die letzten Aufzeichnungen derjenigen, die nicht mehr davonkommen wollten oder nicht mehr konnten: «Wir leben nicht, wir sterben nicht, wir warten, / Wir laufen um die Wette mit dem Tod», heisst es in Hans Sahls Gedicht «Marseille IV» aus dem – vergessenen – Band «Die hellen Nächte. Gedichte aus Frankreich», erschienen 1942 in einem New Yorker Verlag. Schreiben wird erfahren als Akt der Selbsterhaltung und einzige Möglichkeit der Flucht, des Widerstandes oder des Rückzugs – in der Regel ohne Chance auf Resonanz, denn die vorrückenden Deutschen vertreiben die wenigen freien Verlage. Der Zürcher Verleger und Buchhändler Emil Oprecht gibt einigen von ihnen eine Stimme; für viele der in Südfrankreich Gestrandeten wirkt er als leibhaftiger Schutzengel mit praktischer Überlebenshilfe und Mitwirkung im «Emergency Rescue Committee».

Das von Ruth Werfel herausgegebene Buch «Gehetzt» dokumentiert all dies vor dem detailliert gezeichneten Hintergrund der politischen Entwicklungen in Frankreich. Es schliesst damit eine der vielen Forschungslücken auf dem Gebiet der Exilforschung und macht zugleich deutlich: dieses Kapitel französischer Zeitgeschichte sollte auch aus europäischem Blickwinkel betrachtet werden; denn die Auslieferung der Juden und der Flüchtlinge sowie das Sicheinrichten in der Diktatur verlangt nach «transnationaler Erinnerungsarbeit», um einen der wohltuend wenigen Jargon-Brocken zu zitieren, über die man bei der Lektüre stolpert.

vorgestellt von Ute Kröger, Kilchberg

Ruth Werfel (Hrsg.): «Gehetzt. Südfrankreich 1940. Deutsche Literaten im Exil». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2007.

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