Das Wunder des Bleistifts

Kein einzelner Mensch weiss genau, wie ein Bleistift hergestellt wird. Und doch ist es das normalste Schreibgerät der Welt, das täglich millionenfach produziert, gekauft und verkauft wird. Wie ist das möglich?

Das Wunder des Bleistifts
Die amerikanische Immobilienkrise. Dann die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Und nun die Staatsschuldenkrise. Viele Menschen argwöhnen, dass die Mechanismen der Wirtschaft grundlegend fehljustiert seien.

Sie kreiden heutige Missstände den Wirtschaftswissenschaften ebenso an wie der Bankenlobby. Hatte die Linke also doch recht? War der ganze «neoliberale» Forderungskanon von Privatisierung bis Deregulierung ein grosser Irrtum? Ist der Menschheit die Steuerung des wirtschaftlichen Geschehens entglitten?

Das Ganze ist so komplex und unübersichtlich geworden und sieht dermassen gefährlich aus, dass sich viele danach sehnen, ein kleineres Rad zu drehen.

Es stimmt: Märkte stecken voller Risiken. Und sie sind eine schwer durchschaubare Angelegenheit. Genau hierin besteht ihre Tragik – kaum jemand versteht sie, und deshalb fällt es vielen schwer, sie zu mögen. Die spontane, arbeitsteilige Koordination auf freien Märkten erregt Misstrauen, weil sie sich bewusster menschlicher Planung entzieht. Insofern hat sie zugleich etwas Staunenswertes. Friedrich August von Hayek sprach 1974 in seiner Nobelpreisrede von einem «marvel» – einem Wunderwerk.

Recht bedacht, ist die Arbeitsteilung durch Märkte eine Zivilisationsleistung ersten Ranges. Ohne Arbeitsteilung gäbe es keine Smartphones, keine Laptops, keine Autos, keine Velos –nicht einmal ein so bescheidenes Ding wie einen Bleistift. Selbst jene Menschen, die grosszügig erklären, auf den Wohlstand verzichten zu wollen, zehren letztlich von ihm.

 

Kleines Wunder

Über das Wunder der friedlichen Kooperation auf Wettbewerbsmärkten, das selbst in einem schlichten Bleistift noch seinen Niederschlag findet, hat Leonard Read, Gründer und langjähriger Präsident der Foundation for Economic Education (FEE), 1958 ein Kleinod von einem Essay veröffentlicht: «I, Pencil».1 Für eine wirklich grosse Verbreitung dieser anschaulichen Geschichte sorgte dann Milton Friedman mit seinem Buch «Free to Choose» und in einer seiner vielen klugen Vorlesungen, die man sich bis heute auf YouTube anschauen kann.

Read verdeutlicht anhand eines Bleistifts, dass wir von Gegenständen umgeben sind, die wir für selbstverständlich halten, auf die wir aber in Autarkie verzichten müssten. Wer weiss schon, wie man einen Bleistift selber herstellt? Und wer wäre in der Lage, an die dafür notwendigen Materialien zu gelangen, wenn deren Beschaffung nicht auf eine Vielzahl spezialisierter Menschen verteilt wäre? Das Graphit für die Mine des Bleistifts pflückt man nicht vom Baum, es muss in Bergwerksstollen abgebaut werden. Um den Baum zu fällen und das Holz zuzuschneiden, das die Minenschächte abstützt, braucht man eine Säge; für eine Säge braucht man Stahl; um Stahl zu gewinnen, muss man Eisenerze abbauen und sie schmelzen. Und so weiter. Wenn man alle Arbeitsschritte zusammenzählt, sind Tausende von fremden Menschen an der Herstellung eines Bleistifts beteiligt – und das, ohne einander jemals persönlich zu begegnen.

Wie ist das möglich? Wie nur, um den deutschen Ökonomen Walter Eucken zu zitieren, «wird dieses riesige Getriebe, das da auf der Erdkruste abläuft und von dem die Existenz aller Menschen abhängt, gelenkt»? Wie kommt es zu dieser erstaunlichen «Company of Strangers», wie der britische Ökonom Paul Seabright sein zeitgenössisches Buch zu diesem Thema überschrieben hat, freiwillig und ganz ohne Zwang? Wieso vertrauen wir Fremden gerade so, als wären sie unsere nächsten Nachbarn? Was ist die Grundlage der Kooperation freier Menschen zum gegenseitigen Vorteil? Warum spezialisieren wir uns und machen uns damit bewusst voneinander abhängig? Ganz einfach: weil es sich lohnt. Und zwar für alle Beteiligten.

Voraussetzung und Basis von alldem ist ein funktionierendes, unverzerrtes Preissystem, das auf freien und wettbewerblichen Märkten dafür sorgt, dass die Produktionsfaktoren zum besten Wirt gelangen. Freie Marktpreise sind ein hocheffizientes Kommunikationssystem. Sie vermitteln Informationen über relative Knappheiten, die das Leben auf dem Planeten Erde nun mal charakterisieren – und sie tun dies, ohne dass jemand im Hintergrund die Transaktionen plant, koordiniert und steuert, ohne dass Menschen sich darüber explizit abstimmen müssen. Und dennoch springt für alle Beteiligten…

«Unverzichtbare Lektüre:
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Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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