Ein Glas Wein
mit Tobias Oertle

Tobias Oertle ist Co-Founder und Geschäftsführer der Indoor-Skydiving-Anlage «Windwerk» in Winterthur.

 

Wer endlich einmal ungehemmt an die Decke gehen will, kann das seit Dezember 2018 nicht mehr nur beim Psychologen seines Vertrauens tun, sondern auch im «Windwerk» in Winterthur: die erste Indoor-Skydiving-Anlage der Deutschschweiz macht es möglich.

Als ich eintrete, schwebt in einer hallenhohen und mehreren Meter breiten Glasröhre gerade ein Bub sanft Richtung Decke. Wie er mit ausgestreckten Armen und Beinen stolz in die Luftschleuse hinuntergrinst, in der seine Begleiter warten, erinnert er mich an ein abenteuerlustiges Flughörnchen mit Helm und Brille. Mir bleiben ein paar Minuten, um mich umzusehen, bevor mich Co-Founder und Geschäftsführer Tobias Oertle in Empfang nimmt, und ich tue es mit Vergnügen. Der Haupthalle mit Windkanal am einen und Getränkebar am anderen Ende gelingt ein Spagat zwischen modernster Technikund Gemütlichkeit. Ein riesiger Bildschirm zieht den Blick an, hochwertige Holzmöbel und warme Farben werden ergänzt durch Zuschauersitze, wie man sie in den Wartebereichen von Flughäfen sieht. Verstärkt wird diese Assoziation durch eine elektronische Anzeigetafel, auf der statt Flugnummern, Gates und Destinationen die Namen und Termine der heutigen Besucher zu lesen sind. Wie ich nachher im Gespräch erfahre, war Oertle viele Jahre als Projektleiter im Baubereich tätig. Dass er bei diesem Projekt so durchdacht und mit viel Liebe zum Detail vorgegangen ist, hat sich gelohnt: das «Windwerk» hat bereits einen Swiss Location Award eingeheimst.

Mittlerweile sitzen wir zu zweit an einem der Tische, eine frische Besuchergruppe stapft geschlossen hinüber zur Luftschleuse. Tobias Oertle blickt hinterher. Er war Teil eines Fallschirmteams, bevor er sich dem Indoor Skydiving zuwandte und zehn Jahre später mit zwei Freunden die eigene Anlage plante. Sich unabhängig von Wind, Wetter und Flughafenkapazitäten zu machen, das bedeutet neben weniger Aufwand auch geringere Kosten und Risiken. Was aber ursprünglich als Trainingsalternative gedacht war, hat sich in den letzten Jahren zur eigenständigen Sportart gemausert. In diesem Jahr fand die Schweizer Meisterschaft im Indoor Skydiving im «Windwerk» statt, dessen junger Geschäftsführer war sogar an der Weltmeisterschaft in Tschechien.

Was unterscheidet das Windwerk von anderen in der Schweiz gegründeten Start-Ups? Zum einen, meint Oertle, sei es sicher die hohe Investitionssumme, die ganz am Anfang benötigt wird, um die Infrastruktur aufzubauen – es waren über zehn Millionen Franken. Zum anderen die Auseinandersetzung mit Planungs- und Baubehörden: schon die geltenden Bestimmungen auszumachen sei zuweilen eine Herausforderung gewesen, und Schweizer Richtlinien seien ja bekannt für ihre Strenge. «Was mir aber grundsätzlich durchaus entgegenkommt. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch», erklärt er lächelnd. Dass der Bau der Anlage anspruchsvoll war, kann man schon an ihrer Form erahnen: das Ende eines hellblauen Neubaus überragt ein hoher Betonturm, dessen technisches Innenleben den künstlichen Wind mit seinen bis zu 280km/h Luftgeschwindkeit ermöglicht. Da wird wohl jeden Monat eine gigantische Stromrechnung ins Haus fliegen, mutmasse ich, doch Oertle verneint lachend. Tatsächlich sei das Personal der grösste Kostenpunkt, denn jeder Neuflieger muss nicht nur buchstäblich an die Hand genommen werden, auch die Luftgeschwindigkeit wird individuell ans Gewicht angepasst. Zusammen mit den Mitarbeitern, die für Empfang, Instruktion und Ausrüstung zuständig sind, ist ein Team von zwanzig Angestellten zusammengekommen.

Ein erster Flug dauert jeweils eine Minute, was einem Freifallsprung aus 4000 Höhenmetern entspricht. Das Windwerk hat 700 registrierte Sportflieger, die regelmässig trainieren. Für viele andere ist es ein reiner Erlebnisausflug. So machen Firmenanlässe und andere Veranstaltungen einen guten Teil des Geschäfts aus, denn nicht nur der Windkanal kann gebucht werden, sondern auch ein Seminarraum, ein Bistro und ein Flugsimulator, der einen virtuelle Landschaften aus der Vogelperspektive erleben lässt. «Der Windkanal lässt sich in den jeweiligen Firmenfarben beleuchten», sagt Oertle stolz, «und das Firmenlogo in die 3D-Landschaften einbauen.» Auch hier, will mir scheinen, hat er an alles gedacht.

Wein:

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»