Ein Glas Apfelwein  mit René Spielmann
René Spielmann, illustriert von Matthias Wyler / Studio Sirup.

Ein Glas Apfelwein
mit René Spielmann

«Seit 1921» – das Gründungsdatum im Logo des «Schweizer Monats» soll Beständigkeit und Qualität vermitteln. Bei der Aarauer Giesserei Rüetschi kann man da nur milde lächeln. Ihr ältestes Produkt – die Barbaraglocke, die in der Freiburger Kathedrale Saint-Nicolas noch heute allabendlich für die armen Seelen läutet – stammt aus dem Jahr 1367! Bevor wir bei einem Glas saurem Most darüber sprechen, wie eine Glockengiesserei heute erfolgreich sein kann, zeigt mir Geschäftsleiter René Spielmann den Betrieb. In der Werkhalle sind die Rohgüsse dreier neuer Kirchenglocken aufgebockt: eine für Birmenstorf, zwei grössere für die Abteikirche Bellelay. Weiter hinten steht ein fünf Meter hohes Modell für eine Bronzestatue des Tarzisius, Schutzpatron der Ministranten; in eine Werkbank eingelassen blubbert heisser Wachs, aus dem (vereinfacht ausgedrückt) die Negative für Glockeninschriften gefertigt werden. «Wie vor 500 Jahren», lacht Spielmann. Andere Prozesse haben sich stark gewandelt: Moderne Verfahren, etwa unter Vakuum, erlauben hochkomplexe Gussformen, und in der Detailpräzision im Kunstguss steigen die Möglichkeiten (aber auch die Ansprüche) jährlich: Spielmann zeigt mir eine kaum zehn Zentimeter lange Blume, die Blätter vielleicht einen halben Millimeter dick. Auch so kann Metallguss aussehen.

In einem Flachbau sitzen Techniker und Ingenieure vor grossen Bildschirmen, auf den Schreibtischen ausgebreitete Planzeichnungen. Die Gründe für das bemerkenswerte Wachstum, das Rüetschi zuletzt gelungen ist, sind wohl im Spagat zwischen diesen beiden Welten zu suchen: Wo im Jahr 2000 zwölf Giesser, Monteure und Mechaniker beschäftigt waren, arbeiten heute 25 Mitarbeiter in zwölf Berufen, neue Glocken sind längst zum Nebengeschäft geworden. Für Umsatz sorgen Kunst- und Designobjekte jeder Art und Grösse, die Restaurierung und Sanierung von Turmuhren- und Glockenanlagen – und vor allem: die Automatisierung der Kirchentechnik. Sie ist das Steckenpferd des Ingenieurs René Spielmann, der zuvor Automa­tionssoftware für die Lebensmittelindustrie entwickelt hatte: In den Türmen, so seine Überlegung, schlagen nicht nur Glocken; es ticken Uhren, die Kirchengebäude müssen beheizt und beleuchtet, der Zugang ermöglicht und versperrt werden. Schrittweise erschloss Spielmann die Bereiche um das Geläut herum. Heute kann er den Kirchen ein Komplettpaket vom Klöppel bis zur Gebäudeautomation anbieten.

Rüetschi-Produkte findet man in fast jeder Schweizer Kirche, im Opernhaus Zürich und – das Bündner Wappen auf der Front – auf jeder Lokomotive der Rhätischen Bahn. Stolz ist der Geschäftsleiter aber vor allem darauf, dass er das Durchschnittsalter bei Rüetschi von 54 auf 37 Jahre senken konnte. Warum? «Neue Lösungen finden heisst: miteinander sprechen. Als ich anfing, waren die Giesser 30 Jahre älter als ich und reagierten auf meine Vorschläge nach dem Motto: ‹Mach halt, du wirst es schon wissen.› Diskussionen gab es nicht. René Spielmann ist überzeugt, dass solche Verständigungsprobleme oft Generationsfragen sind. «Junge leiten Junge» lautet deshalb das Motto, das er aus Pfadizeiten auf die Firma übertragen hat. Und seit diese über Mitarbeiter verfügt, die selbst Kunstgewerbe studiert hat, kämen spürbar mehr Künstler zu Rüetschi – weil man ihre Sprache spreche.
Innovationen sind auch im ältesten Geschäftszweig gefragt: Etwa seit zehn Jahren, so Spielmann, beschwerten sich Kirchenanwohner auf einmal über «zu laute» Glocken. In Kooperation mit deutschen Forschern fand der Ingenieur auch hier eine Lösung: Er führt mir einen digitalen Glockensimulator vor, der Unterschiede in der Klangreinheit, Lautstärke und Beschädigung der Glocke je nach Klöppelform, -gewicht und -aufprallort penibel genau berechnen kann. Leise Glocken? – Kein Problem.

Nach unserem Gespräch hat René Spielmann noch zwei weitere Sitzungen, die erste des Tages beginnt oft schon um fünf oder halb sechs Uhr morgens. Zum Glück leite seine Frau selbst eine grosse Betriebsabteilung: «Das ist halt KMU!»

Wein: «Saft vom Fass», Apfelwein trüb, Mosterei Möhl, Arbon

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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