Ehre ist variabel, Würde fundamental

Im Versuch einer Unterscheidung der Begriffe Ehre und Würde bietet sich ein Blick auf Hegels Abgrenzung an. Die Ehre kann abgeschnitten werden, die Würde jedoch kann
niemals etwas «Verletzliches» sein.

Die Frage, wann und wo von Menschenwürde gesprochen werden könne und ob sie wirklich unantastbar sei, ist neuerdings sehr aktuell geworden. Wäre die Folterung eines Terroristen entschuldbar, wenn durch eine solche Massnahme viele Unschuldige gerettet werden könnten? Seit dem 18. Jahrhundert war der abstrakte Ausdruck lange relativ unangefochten geblieben. Jetzt befürchten Rechtsgelehrte, Philosophen und Soziologen eine Aushöhlung, ja die Unverbindlichkeit des Begriffs. Das Schicksal des populäreren Ehrbegriffs ist völlig anders. Wurde er in der Epoche der Burschenherrlichkeit und des Nationalismus bis zum Überdruss verwendet, kann davon gegenwärtig im Westen – im Gegensatz zu östlichen Kulturkreisen, wo die Ehre eines Mannes im Kampf gegen Ungläubige bitter ernst genommen wird – kaum noch die Rede sein. Ehre halten die meisten Repräsentanten einer fortschrittlichen Leistungsgesellschaft für eine Sache der Grossväter und Urgrossväter oder für den Aberglauben Ungebildeter. Sie gilt noch am ehesten bei Fussballwettkämpfen und vergleichbaren Sportanlässen.

Für Geschichtsfreunde ist es bei der Lektüre alter Chroniken immer wieder erstaunlich zu sehen, dass Ehre und Ehrverletzungen in Kriegen des Spätmittelalters und der beginnenden Neuzeit für die Betroffenen ebenso bedeutsam waren wie sachlich-taktische Voraussetzungen. Überdies bezeugen die Quellenbücher, dass die entsprechenden moralischen Regelungen nicht nur für Ritter und Adlige galten, sondern auch für Geistliche, Bauern und Landsknechte. An Beispielen aus Kriegs- und Friedenszeiten ist kein Mangel. Ein heutiger Historiker, Thomas Maissen, kann in seiner Darstellung des Schwabenkrieges von 1499 (NZZ Nr. 217, 1999) verallgemeinernd schreiben, Anlässe für Kriegserklärungen seien damals sehr häufig Ehrverletzungen gewesen. Die Würde, lat. dignitas, wurde im alten Rom von den Besten als einer der höchsten individuellen und gesellschaftlich massgebenden Werte geachtet. Cicero hat eine entsprechende Wertschätzung bei den Griechen vermisst. Doch schon im Frühchristentum wurde die Unanfechtbarkeit des Begriffs, trotz dem Glauben an den Menschen als Ebenbild Gottes, in Frage gestellt. Die Lehre vom Sündenfall der Menschheit veranlasste manche Kirchenväter und auch Denker des 16. Jahrhunderts, den gefallenen Menschen alle Würde abzusprechen.

In der Neuzeit, besonders in der Epoche der Aufklärung, verloren die theologischen Elemente des Begriffs zusehends an Gewicht. Am eindeutigsten zeigt sich dies wohl in der Philosophie Kants. Er sah in nichts anderem als in der Autonomie einer Person den Grund für die menschliche Würde. Um die auf die Epoche der Aufklärung folgende Jahrhundertwende geriet «Würde» in den Sog der etwas vagen und leicht abnutzbaren Ausdrücke «Menschheit», «Humanität» und «Humanismus». Bei Realisten und Materialisten des 19. Jahrhunderts und unter dem Einfluss Schopenhauers und Nietzsches verlor der Begriff das frühere Ansehen. Er wurde von den einen als Merkmal der Dekadenz lächerlich gemacht, von den anderen nationalistisch missbraucht. Wirklich würdig waren für die Chauvinisten nur Patrioten. Vernünftige Gegenstimmen blieben nicht aus, und die Erwähnung des Würdebegriffs in der Präambel der Charta der Vereinten Nationen 1945 und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 brachte das Wort wieder in aller Leute Mund.

Das Wesen der Ehre als individueller und gesellschaftlicher Wert ist im Rückblick auf frühere Ehrenkodizes im Ständestaat oder im Militär scheinbar leicht zu erfassen, dasjenige der Würde immer schwerer. Soll man Würde bloss für Menschen verwenden, oder für alles Lebendige? Besitzen Embryonen, oder auch Bakterien oder gar Viren schon Würde? Auf besonders eindringliche Art hat Francis Fukuyama die Relevanz des Würdebegriffs in der Genforschung thematisiert. Er setzt sich entschieden und schriftstellerisch erfolgreich für eine politische Kontrolle der Naturwissenschaften und damit für die Respektierung der Menschenwürde ein. Er schreibt, dass im Verlaufe der Entwicklung vom Einzeller zum homo sapiens unsere Gattung charakteristische, unverwechselbare Eigenschaften erhalten habe. Genetik, Gehirnforschung, Pharmakologie und verwandte Wissenschaften förderten die Möglichkeiten medizinischer Eingriffe nun dermassen, dass die Unverwechselbarkeit einer Individualität und die Ehrfurcht vor dem spezifisch Menschlichen sowie den Menschenrechten…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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