Editorial

Editorial
Bild: Pressefoto, www.letztegeneration.de, Aufnahme vom 24. Februar 2022.

«Sobald etwas, das in der Welt geschieht, jemandem missfällt, sagt er: ‹Die Regierung sollte etwas tun, wozu haben wir eine Regierung? Die Regierung muss handeln!› Dies ist ein charakteristisches Überbleibsel in unserem Denken aus jenen vergangenen Zeiten, die unserer heutigen Freiheit, dem modernen Verfassungsstaat, dem repräsentativen Staat oder der modernen republikanischen Staatsform vorangingen.»
Ludwig von Mises, Vom Wert der besseren Ideen

 

Macht es volkswirtschaftlich Sinn, dass tausend riesige Trucks in Ottawa vor dem Parlament stehen und Tag und Nacht hupen? Oder dass sich junge Menschen in Berlin auf Strassenkreuzungen vor Autos setzen und diese daran hindern, weiterzufahren? Natürlich nicht. Beide Proteste nutzen die Elemente des gewaltlosen Widerstands, um den gewohnten Gang der Dinge ins Stocken zu bringen. Während es den Lastwagenfahrern darum geht, die sehr restriktiven Coronamassnahmen in Kanada aufzuheben, sieht sich die Berliner Gruppe «Essen retten – Leben retten» als «letzte Generation, die den absoluten Klimakollaps noch aufhalten kann». Bisher verliefen beide Proteste friedlich. Was erstaunlich ist, denn Leute, die nicht schlafen oder nicht zu einem wichtigen Treffen fahren können, reagieren bald mal sehr gereizt.

Während Liberale zuerst einmal in Ruhe gelassen werden wollen, wächst die Unzufriedenheit über die Tätigkeit oder Untätigkeit von demokratisch gewählten Regierungen stark an, auch die Ansprüche an sie werden ständig nach oben geschraubt. Personen im Dienst der Demokratie, die aufrichtig bemüht sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, gibt es nach wie vor. In der öffentlichen Wahrnehmung sind aber zunehmend schillernde Opportunisten und kalte Technokraten in die erste Reihe getreten. Sie sind es, die vollmundige Versprechungen machen und gigantische Risiken unverfroren kleinreden.

Die Blockaden richten auch Schaden an: Ärzte kommen nicht rechtzeitig zu ihren Pa­tienten, Termine können nicht eingehalten werden. Legen Trucker und Aktivisten den Verkehr auch in anderen Städten lahm oder werden vulnerable logistische Knotenpunkte wie Häfen, Verteilzentren und Umschlagplätze angegriffen, so stockt der globale Handel. Die «Just in Time» geplanten Lieferketten werden unterbrochen, was zu Engpässen führt, zu verdorbenen Waren, zu Lieferausfällen. Und so die Inflation weiter anheizt.

Man kann es schon jetzt feststellen: Die überzogenen Ansprüche von Protestgruppen werden von überforderten Regierungen nicht erfüllt werden. Vom medialen Zirkus unbeeindruckt kommt die wahre Rettung stets – so zeigt es die Erfahrung vieler Jahrhunderte – aus der Zivilgesellschaft und aus der Privatwirtschaft. Sie leisten echte Hilfe in der Not. Sie überbrücken die unterbrochenen Lieferketten. Sie stellen neue, umweltschonende Produkte her. Und das, ohne dass ihnen jemand einen Auftrag erteilt hätte. Aus eigenem Antrieb.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»