Das Internet ist tot! Und wir  haben es getötet.
Bild: Princeton University Press

Das Internet ist tot! Und wir
haben es getötet.

Wie der Wunsch nach mehr Demokratie durch digitale Vernetzung zum Albtraum wurde.

 

Soziale Medien verfolgen in ihrem Grundgedanken ein nobles Ziel: Sie wollen «das Sozialgefüge einer Gesellschaft verstärken und die Welt näher zusammenrücken», wie es Mark Zuckerberg einmal ausdrückte. Lange nahmen ihm Intellektuelle und Journalisten diese Mission ab: Im «arabischen Frühling» vor rund zehn Jahren existierte etwa die weitverbreitete Hoffnung, dass Facebook Frieden und Demokratie in die Welt tragen könne. Heute scheint diese Vorstellung abstrus: Auf sämtlichen sozialen Netzwerken wird heftiger geflucht, gestritten und gehasst, als sich so mancher in der Gegenwart eines realen Gegenübers trauen würde. Spätestens seit der Wahl von Donald Trump ist gar von einer gefährlichen Beeinflussung demokratischer Wahlprozesse durch automatisierte Bots die Rede.

Justin E. H. Smith, Professor für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie an der Universität Paris, skizziert in seinem anregenden Buch «The Internet Is Not What You Think It Is» (Princeton, 2022) das Auseinanderdriften von Ideal und Praxis der digitalen Interkonnektivität. Smith beschreibt, wie lange der utopische Traum einer vernetzten Welt führende Intellektuelle bereits umtreibt: Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz etwa entwarf im 17. Jahrhundert das Idealbild einer friedlichen Welt, in welcher Konflikte frei von persönlichen Empfindsamkeiten und Vorurteilen dank einer formalen Sprachregelung auf rechnerischem Weg ausgefochten werden können. Dass das Internet mit dem Traum eines harmonischen Zusammenlebens nur noch wenig am Hut hat, führt Smith nicht auf die Technologie selbst zurück, sondern auf die ökonomische Grundlogik, der das Netz heute unterworfen ist: Wer wie Apple, Meta oder Amazon online Geld machen will, müsse sicherstellen, dass er die Aufmerksamkeit des Nutzers immer wieder auf neue Inhalte und Werbungen lenken könne. Das Web sei eine Überwachungsmaschine, die ihre Nutzer durch ständige Ablenkungsmanöver süchtig machen wolle und deren Aufmerksamkeitsspanne nachhaltig zerstöre. Würde man das Internet vor Gericht stellen, so müsste man es gemäss Smith eines Verbrechens gegen die Menschheit bezichtigen. (jb)

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