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«Die BBC  hat sich völlig verrannt»
John Cleese. Photo: Brad Trent/Redux/Laif.

«Die BBC hat sich völlig verrannt»

Die Standards der Hypersensitiven allen anderen aufzuzwingen, sei ­lächerlich, sagt John Cleese. Die Monty-Python-Legende erklärt, warum er um seinen Job fürchtet und weshalb die Briten den Zweiten Weltkrieg ­gewonnen haben.

Read the English version here.

 

John Cleese, heutzutage scheinen Komiker zu Politikern geworden zu sein, während Politiker sich wie Komiker verhalten. Haben Sie Angst um Ihren Job?

Ich habe schon lange Angst um meinen Job. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Billy Connolly vor dreissig Jahren, in dem wir uns einig waren, dass Comedy immer schwieriger werde, weil die Welt immer verrückter wird. Wenn die Welt verrückter ist als alles, was sich ein Komiker ausdenken kann, ist das sehr verwirrend. Dass Donald Trump ein absoluter Narzisst und ein äusserst ekelhafter Mensch ist, ist eine Sache – solche Leute gibt es. Das Aussergewöhnliche ist, dass er von 35 Prozent des amerikanischen Volkes wie ein Gott verehrt wird. Wie kann man sich über so etwas lustig machen?

 

Sie haben einst einen Sitz im House of Lords angeboten erhalten. Ist eine politische Karriere eine Option für Sie?

(Lacht) Nein, ich kann mir nichts Schlimmeres für meinen Persönlichkeitstyp vorstellen. Ich mag es nicht, eingeengt zu werden, und ich möchte ehrlich sein können. Der Partei­linie folgen zu müssen, wäre fast schon schmerzhaft für mich.

 

Sie standen den britischen Liberaldemokraten nahe.

Ja, ich mochte viele ihrer Forderungen, insbesondere jene nach Einführung des Verhältniswahlrechts. Aber als ich nach Amerika ging, verlor ich den Kontakt zur britischen ­Politik. Ich denke, sie ist entsetzlich trivial und korrupt geworden in einer Weise, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr viel Zeit in Grossbritannien verbringe.

 

Die Fawlty-Towers-Folge «The Germans» wurde 2020 von der Streaming-Plattform UKTV ­entfernt, weil sie «rassistische Ausdrücke» enthalte. Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen heute weniger Sinn für Humor haben?

Ja. Die Leute, die schon immer am meisten Ärger gemacht haben, sind die Buchstaben­getreuen. Die Evangelikalen in Amerika sind bekannt dafür, dass sie alles in der Bibel wörtlich auslegen, obwohl Jesus Christus in Gleichnissen gelehrt hat. Gleichnisse soll man nicht wörtlich nehmen, das ist genau der Sinn eines Gleichnisses! Wenn wir es ­zulassen, dass buchstabengetreu denkende Menschen die Oberhand gewinnen, verschwinden viele der besten Dinge des menschlichen Lebens. Buchstabengetreu denkende Menschen glauben zum Beispiel, dass ein Wort eine feste Bedeutung habe. Klügere Menschen dagegen wissen, dass die Bedeutung eines Wortes vom Kontext abhängt. Wenn man Ironie oder Sarkasmus benutzt, sind die Worte, die man sagt, eigentlich das Gegenteil von dem, was man meint. Es ist sehr schwierig für «woke» Leute, das zu verstehen, weil sie buchstabengetreu denken. Wortklauberei ist eine Katastrophe für die Gesellschaft.

 

In den 1970er-Jahren erlebten Sie Widerstände, zum Beispiel gegen den Film «Life of Brian». Was ist der Unterschied ­zwischen der «Cancel Culture» damals und heute?

Damals kam die Opposition traditionsgemäss eher von rechts, heute ist sie neumodisch «woke», eher links. Aber es scheint immer Dinge zu geben, die man nicht sagen kann. Ich kann das Wort «Nigger» überhaupt nicht mehr sagen, weil es sofort als beleidigend angesehen wird, wenn ich es erwähne, egal in welchem Zusammenhang. Genauso war es vor 30 Jahren mit dem Wort «fuck», das wir heute sagen können, ohne dass jemand zusammenzuckt. Es scheint tief im Inneren des Menschen verankert zu sein, dass er gerne Dinge hat, die ihn furchtbar schockieren, aber diese Dinge scheinen sich von Zeit zu Zeit zu ändern. Die «woken» Leute hatten anfangs eine gute Idee, nämlich: Lasst uns nett zu den Menschen sein. Das Problem ist, dass sie zu glauben scheinen, die Freundlichkeit in den letzten drei oder vier Jahren erfunden zu haben. Freundlichkeit gibt es allerdings schon ziemlich lange. Jesus sagte: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Das ist eine ziemlich gute Grundlage.

 

«Heute haben wir endlose Diskussionen darüber, welche Art
von Sexualität jemand hat, und ich bin nicht sicher,
ob das irgendjemanden glücklicher macht.»

 

Nun scheint alles viel komplizierter geworden zu sein.

Es hat schon immer Männer gegeben, die eher feminin ­waren, und Frauen, die eher maskulin waren. Wichtig war, dass sie nicht diskriminiert wurden, dass man sie mochte und tolerierte und sie als Teil der Gesellschaft betrachtete. Heute haben wir endlose Diskussionen darüber, welche Art von Sexualität jemand hat, und ich bin nicht sicher, ob das irgendjemanden glücklicher macht. Die wichtigste ­Errungenschaft der letzten vierzig Jahre ist, dass Frauen heute eine viel, viel grössere Rolle in unserer Gesellschaft spielen – noch nicht gross genug, aber doch viel grösser als früher. Das können wir feiern. Aber ich frage mich, ob viele der anderen Dinge wirklich einen Fortschritt darstellen.

 

«Life of Brian» hat bei konservativen Christen Empörung ­ausgelöst. Was denken Sie, wie würden Muslime reagieren, wenn heute jemand einen Film mit dem Titel «Life of Ali» ­drehen würde?

Ich glaube, sie würden mich umbringen, wenn ich das machen würde. Es ist vielleicht moralisch oder ethisch nicht besonders bewundernswert, aber die Tatsache, dass ich wahrscheinlich getötet werden würde, würde mich eher davon abhalten, einen solchen Film zu machen.

 

Warum ist im 21. Jahrhundert selbst der Humor zu einem ­Skandal geworden?

Weil es sehr viel Angst gibt. Das Wichtigste, was die Menschen ängstlich macht, ist der Wandel, der sich in einem aussergewöhnlichen Tempo vollzieht. Und je ängstlicher die Menschen werden, desto mehr Angst haben sie vor der Freiheit und suchen Halt in autoritären Herrschafts­formen. Denn sie glauben, dass eine einzige Person an der Spitze die Dinge besser regeln wird. Die Erfahrungen mit Hitler und Stalin bestätigen das nicht gerade, aber ich glaube, die Menschen sind nicht sehr klug. Sie bekommen grosse Angst und denken, es gebe ganz einfache Lösungen. Sie stürzen sich auf diese Lösungen, ohne sie jemals wirklich durchdacht zu haben. Ich mag Menschen, die Zweifel haben und denken, dass sie falsch liegen könnten.

 

Sind Sie jemals zu weit gegangen beim Ausreizen Ihrer ­künstlerischen Freiheit?

Nein, das glaube ich nicht. Wissen Sie, unterschiedliche Menschen sind unterschiedlich sensibel. Wenn früher eine alte Tante – oder ein alter Onkel, ich will nicht sexistisch erscheinen – zu einer Party kam, schränkte jeder sein ­Verhalten etwas ein und wurde etwas weniger ungestüm und weniger laut, solange sie da war. Wenn sie ging, feierten die Leute wieder so wie vorher. Die Frage ist, wie bei den «Wokes»: Kann es sein, dass die überempfindlichen ­Menschen ihre Massstäbe allen anderen aufzwingen? Das erscheint mir lächerlich.

 

Einer unserer Lieblingssketches von Monty Python ist «The ­Funniest Joke in the World». Würden Sie sagen, die Briten ­hätten den Zweiten Weltkrieg gewonnen, weil sie mehr Humor haben als die Deutschen?

Auf jeden Fall. Es war immer eine enorme Erleichterung für die britischen Soldaten, wenn sie von den Deutschen beschossen wurden, sich daran zu erinnern, dass die Deutschen sehr wenig Sinn für Humor hatten. Das hat alles verändert.

 

Das sollte uns jetzt in bezug auf Russland optimistisch stimmen.

(Lacht) Ja. Die Russen leben seit dem 15. Jahrhundert unter einer Verbrecherherrschaft. Damals war das russische Reich nur etwa ein Dreissigstel so gross wie jenes, das ­Wladimir Putin wiederaufzubauen versucht. Die Idee, das russische Reich wiederherzustellen, ist also nicht besonders attraktiv. Na ja, sie ist bestimmt für all die Leute ­attraktiv, die es kaum erwarten können, diese ausser­ordentlich raffinierten russischen Autos und Uhren und all die schönen Dinge in die Hände zu bekommen, auf die wir im Westen so neidisch sind.

 

In vielen Sketches haben Sie einen etwas distanzierten, ­verklemmten, gefühlsscheuen Engländer gespielt. Wie viel ­davon sind Sie?

Vor 60 Jahren wahrscheinlich ziemlich viel, aber mein Leben war ein langsamer Prozess, weniger britisch zu werden. Ich mag viele britische Eigenschaften, auch wenn sie nach und nach verschwinden. Etwa jene des englischen Gentleman: jemand, der sehr höflich, zurückhaltend, intelligent, hilfsbereit und vor allem zuvorkommend ist. Ein englischer Gentleman ist mit anderen Worten das komplette Gegenteil von Donald Trump. Ganz allgemein ist ein erheblicher Verlust an Höflichkeit und Intelligenz festzustellen. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die viele Schwächen hatte, wie jede Gesellschaft, aber es war eine einigermassen gebildete Mittelklassegesellschaft. Dies spiegelte sich in den Zeitungen, im Fernsehen und im Theater wider. Das gibt es nicht mehr. Wir haben im Londoner West End kein grossartiges Theater mehr. Die BBC hat sich völlig verrannt, weil sie von Bürokraten beherrscht wird, deren einziger ­Lebenszweck darin besteht, nicht entlassen zu werden.

 

Würde die BBC von heute eine Serie wie «Monty Pythonʼs Flying Circus» ausstrahlen?

Ich glaube nicht. Sie würden sagen: Das sind sechs weisse Männer, die an guten Universitäten ausgebildet wurden, von denen dürfen wir natürlich nichts bringen. Offenbar fordert Netflix jetzt eine grössere Vielfalt bei den Drehbuchautoren. Ich bin ein grosser Befürworter von Vielfalt, aber nicht auf Kosten von Talent.

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