Don Quijotes Traum: der Aktivist

Als das westliche Europa noch in unmittelbarer Nachbarschaft zu diktatorischen Regimes lebte, gab es vereinzelt widerständige Geister, die es vorort unter hohen persönlichen Risiken mit den jeweiligen Diktaturen aufnahmen – gewaltfrei und unter Bezug auf universelle Bürger- und Menschenrechte: Leute wie Solschenizyn, Havemann, Krawczyk und Klier. Im überwiegend freien Europa der Gegenwart tummeln sich ganze Heerscharen von Leuten, die ohne nennenswerte persönliche Gefahren gegen echte oder vermeintliche Missstände vorgehen.

Bürger- und Menschenrechtler zu sein, genügt diesen Leuten nicht mehr, die Menschen- und Bürgerrechte sind im freien Europa ja auch weitestgehend gewahrt. Und so engagieren sie sich für oder gegen Banken, die Umwelt oder das Internet, legen Wert auf möglichst publikumsträchtige, medial vermittelbare Aktionen und nennen sich demzufolge: Aktivist. Da gibt es den Umweltaktivisten, den Friedensaktivisten, den Open-Source-Aktivisten und, gewissermassen durch die Hintertür zurückkehrend, auch den Menschrechtsaktivisten, der sein Trachten notgedrungen allerdings eher in Richtung aussereuropäischer politischer Übel verlagert.

Der Aktivist hat es gut, verglichen mit den einstigen Menschen- und Bürgerrechtlern. Keine Geheimpolizei macht ihm das Leben schwer, ihm drohen in der Regel weder Drangsalierung noch Ausweisung noch Gefängnis. Stattdessen geniesst der Aktivist allgemein hohes Ansehen im Land und bei den Medien, die seine inszenierten Aktionen bereitwillig multiplizieren. Moralisch ist dem Aktivisten schon gar nicht beizukommen, seine Motive sind wasserdicht, indem er stets gegen Umstände vorgeht, die zuvor in ausgefeilten, zweckreichen Kampagnen als unhaltbar, gefährlich oder deprivierend gebrandmarkt wurden.

Auf diese Weise kämpft der Aktivist gegen Windmühlen, die auch die breite Mehrheit der Bevölkerung für eingeschworene Feinde hält. Dass es hierbei ganz wie bei Don Quijote tendenziell um stark vergangenheitsbezogene Sichtweisen geht, ficht den Aktivisten nicht an – im Zeitalter vergreisender Gesellschaften geniessen vergangene Standpunkte, denen man die Bejahrtheit nur nicht ansehen darf, höchsten Stellenwert. Ausserdem ist «aktiv sein» geradezu ein Topos bei zunehmend kopfstehender Alterspyramide, der für sehnsuchtsvoll gaukelnde Momente dem seelischen, körperlichen und geistigen Verfall die Stirn zu bieten scheint. Wer im Lande der Alten aktiv ist, wer «fit» ist, simuliert grenzenlose Jugendlichkeit: eine Art Jungbrunnen-Bad in neuer Gestalt.

Damit und davon lässt es sich gut leben, wie bei allen sentimental aufgeladenen, massentauglichen Phänomenen. Der Aktivist hat sich zudem einen kernigen Namen zugelegt, anzusiedeln irgendwo zwischen Traktorist und Pazifist, der in Zeiten von Ikea und des «Do-it-yourself» perfekt jenen kleinbürgerlichen Klischeevorstellungen Vorschub leistet, die das gesellschaftliche Leben heutzutage bestimmen: anfassen und angefasst werden, schrauben und Schraube sein, sparen und besitzen. Das Klangvolle steht vor dem Klingenden, das Behaupten vor dem Sagen, die Kritik vor der Wahrnehmung, das Styling vor der Essenz.

Zusammengefasst sind die selbsternannten Aktivisten also kein Faktor kämpferischer Veränderung, wie sie suggerieren, sondern kritikfreies Symptom der Verhältnisse. Sie predigen Sorgen inmitten übermütiger Sorglosigkeit, sie banalisieren jeden echten Bedarf an konstruktiver Auseinandersetzung und stabilisieren damit den Status quo. An den Aktivisten ist abzulesen, wie es um die augenblickliche Befindlichkeit der Bevölkerungsmehrheit bestellt ist, deren teure, staatsverschuldende Träume sie wie im Hohlspiegel einfangen.

Geradezu obszön ist ihre namentliche Beleihung einst an Leib und Leben bedrängter, wahrer Verfechter von Freiheit und bürgerlicher Gerechtigkeit. Mit ihnen haben die Aktivisten so viel zu tun wie Filmhelden mit Helden. Auch die aufklärerische Hitze, die sie zu umgeben scheint, ist eingebildet – ähnlich Don Quijotes Rittertum. Wie im Roman von der traurigen Gestalt agieren die Aktivisten in einem nicht-authentischen Raum, mit dem signifikanten Unterschied, dass die Realität gesamtgesellschaftlich ebenfalls nicht viel zählt. Don Quijote konnte von solchen Verhältnissen nur träumen.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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