Doktor Gräfin Hugonnai – erste Aerztin Ungarns

Auf der Suche nach Persönlichkeiten ungarischer Provenienz stösst man mit Leichtigkeit auf eine ganze Reihe von Namen, die auch ausserhalb des Landes bekannt geworden sind, vom Staatsgründer König István über Politiker wie István Széchenyi oder Ferenc Deák, Komponisten wie Béla Bartók oder Ferenc Liszt bis hin zum Maler Mihály Munkácsy. Grosse Persönlichkeiten in der Tat – und lauter Männer.

Gab es in der Geschichte des Landes denn gar keine Frauen, die sich ausgezeichnet hätten? Natürlich gab es sie. Nur blieben sie meist im Schatten, sei es als Ehefrauen, als Mütter, Schwestern oder Töchter bedeutender Männer. Dass eine ungarische Frau, «guter Tradition» zum Trotz, aus solchem Schatten heraus und in den Vordergrund getreten wäre, ist nicht oft geschehen. Auch darum seien diese Zeilen einer solchen Frau gewidmet. Vilma Hugonnai war Wissenschafterin, die erste Ärztin Ungarns und eine Vorkämpferin für die Gleichstellung der ungarischen Frau.

Im Jahre 1847 geboren, erhielt das Kind zunächst eine den Gepflogenheiten der Zeit entsprechende Ausbildung: mehrjähriger Elementarunterricht auf dem elterlichen Schloss, dann zwei Jahre im Kloster der Englischen Fräulein, schliesslich vier Jahre in der höheren Mädchenanstalt von Maria Pröbstl. Vilma verliess das Institut mit 16 Jahren, eine Matura für Mädchen gab es nirgends im Land. Als aufgeklärte, progressiv denkende Frau sorgte ihre Mutter dafür, dass Vilma trotzdem «weitermachen» konnte. Jeweils am Vormittag standen fortan Haushaltlehre und praktische Kochkunst auf dem Programm, nachmittags Lesen und Lernen – das Ganze unter der Leitung einer deutschen Erzieherin, «was meiner körperlichen und geistigen Entwicklung ausgesprochen förderlich war».*

Im Alter von 18 Jahren wurde Vilma mit György Szilassy verheiratet, einem wohlhabenden Gutsherrn aus der Provinz; «und die junge, lebensfrohe Contessa kam in die Sandwüste der Puszta». Ein Jahr später brachte Vilma ihr erstes Kind zur Welt – einen Knaben, György, den sie nicht nur selber stillte, sondern bis zum sechsten Lebensjahr auch selber erzog. So etwas wie Familienglück wollte sich allerdings nicht einstellen, zu gross blieb die Distanz zwischen Mann und Frau. Den Kern des Problems sah Vilma weniger im beträchtlichen Altersunterschied von 20 Jahren als «im Unterschied der körperlichen und geistigen Bedürfnisse». In der Folge fand die einsame und schüchterne junge Frau ihren bevorzugten Fluchtort in stundenlangem Lesen. Es war keine Flucht in die Phantasie: nicht Romane wählte sie, sondern – allem Tadel ihres Mannes zum Trotz – «populär geschriebene wissenschaftliche Werke». Bald schon las und verstand sie auch wissenschaftliche Literatur, und je mehr sie sich darein vertiefte, desto stärker fühlte sie sich angezogen. Zuletzt verspürte sie nicht nur den Wunsch, sondern recht eigentlich die Berufung, den wissenschaftlichen Weg auch selbst zu versuchen – Wissenschaft im allgemeinen, Medizin im besonderen. «Als Ehegattin eines Gutsherrn besuchte sie oft die Gesinde- und Bauernhäuser. Fand sie dort Kranke, leistete sie erste Hilfe, so gut sie es vermochte, bis der Arzt zur Stelle war.» Erste Hilfe also, aus Büchern und Heften selbst gelernt. Als dann Vilmas Schwiegervater an schwarzen Blattern erkrankte und sich niemand traute, in seiner Nähe zu bleiben, kümmerte Vilma allein sich um ihn, obschon sie selbst schwanger war. Acht Tage und sieben Nächte pflegte sie den alten Mann mit grosser Hingabe, bis zu dessen Tod. Den Preis solcher Selbstentäusserung bezahlte das ungeborene Kind; wenige Tage nach der Geburt starb es an den Folgen der schwarzen Blattern. Die Mutter war untröstlich – und konnte dennoch nicht bereuen, den alten Mann gepflegt zu haben. Fügung und Schicksal – ihrer tiefen Überzeugung nach hatte das Kind ihr eigenes Leben gerettet.

Nach sieben Ehejahren wurden die Spannungen unerträglich. Stets aufs neue, stets vergeblich suchte die Frau das Gespräch. Hinzu kam, dass die Erziehung des kleinen György nun einem Hauslehrer anvertraut wurde. Vilma verlor ihre…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»