Andreas Thiel erhält Freiheitspreis

Für einmal hat Andreas Thiel ihn nicht bezahlt, sondern erhalten: den «Preis für die Freiheit». Diesen teilt er sich mit dem Journalisten Moreno Bernasconi. Wir gratulieren und geben die zu Ehren unseres Autors gehaltene Laudatio wieder.

Andreas Thiel erhält Freiheitspreis

«Die Meinungsfreiheit ist für die Wohlfahrt der Nation unverzichtbar. Sie untergräbt den Stolz des Dogmatismus und bewahrt vor der Versuchung der Selbstgerechtigkeit. Sie schützt vor übereilter Zustimmung und unterbricht den Schlummer der unbestrittenen Meinung. Nichts darf von der Freiheit der Rede ausgenommen werden… Auch das Heiligste kommt nicht zu Ehren, ehe der Teufel nicht alles dagegen gesagt hat. Das gemütvolle Plädoyer für Sittsamkeit und Toleranz soll nur der Zensur ein sanftes Antlitz verleihen – Böse Worte sind nicht der Preis der Freiheit, sie sind ihr Beweis.»

Mit diesem Auszug aus der Anthropologie der Freiheit des Soziologen Sofsky, die er im «Schweizer Monat» veröffentlicht, ist eigentlich schon alles gesagt über die Stossrichtung des zweiten Bonny Preises für die Freiheit.

Wider den Stachel löcken. Gegen den Mainstream schwimmen. Dass tun der Journalist und Redaktor Moreno Bernasconi und der Satiriker Andreas Thiel, unsere Preisträger. Jeder erhebt auf seine Art die Stimme für die Freiheit. Bühnenreif ist nicht nur das Hochdeutsch des einen sondern auch seine provokativen, manchmal absurd-witzigen, immer aber intellektuell fordernden Texte – und nicht zuletzt seine Erscheinung, die allerdings nur die Oberflächlichen in die Irre führt, welche sich fragen, wie er auf dem Rücken schläft. Sie lassen uns – die wir schon geistig etwas auf den Hund gekommen sind, weil wir die täglich ähnliche Instantkost vorgesetzt erhalten – zuerst leer schlucken, dann schmunzeln und dann nach- und weiterdenken.

Der andere Preisträger steht dem einen in der sprachlichen Eleganz in nichts nach, auch wenn die Überprüfung dessen durch Jean-Pierre Bonny selbst erfolgen musste, weil er vornehmlich in der Sprache Dantes schreibt. Dies aber in einer nachgerade humboldtianischen Themenbreite, mit grosser Sach-und Sprachkunde. Bücher wechseln sich ab mit Aufsätzen, Referaten und Vorträgen – das Oeuvre ist ebenso beeindruckend wie abundant. Als fil rouge finden sich Kernaspekte, die unsere freiheitliche Schweiz ausmachen: die Verteidigung der Italianità in der Schweiz und der Stellungsbezug gegen einen Bevormundungsstaat.

Zwei liberale Sprachkünstler also, die biographisch eher wenig verbindet. Allenfalls noch die Lehre, zu der es den einen immer wieder zieht (Lehrerseminar in Fribourg, Journalistenschule im Tessin oder University of Pennsylvania) und zu der der andere Zuflucht nimmt nach seinem Rausschmiss aus dem Gymnasium Solothurn – nämlich zur Bauzeichnerlehre (wenn Sie jetzt im Anflug von Fremdschämen denken, dass der Laudator einen faux-pas begangen habe mit diesem Hinweis, dann tun sie diesem unrecht, denn so steht es schwarz auf weiss im curriculum des Preisträgers; überdies würden Sie sich damit als Teil derjenigen von den Preisträgern abgelehnten «political correctness-Bewegung» entlarven, die jedes Ausrufezeichen als Ausdruck der Intoleranz aus dem Sprachgebrauch verbannt).

Doch zum Glück für ihn, für die nie gezeichneten Häuser und für uns alle, die wir ihn auf der Bühne verfolgen dürfen, blieb er seinem Beruf nicht treu – auch nicht seinen weiteren Nebenjobs, sondern finanzierte damit seine talentgemässe Ausbildung in Akrobatik, Tanz, Gesang, Sprecherziehung und Improvisation.

In dieser Zeit widmete sich der andere Preisträger einem «start up», der Universitätszeitung für den Tessin und ab 2007 der Co-Leitung des Seminars für Journalismus, wo er Generationen von Journalisten in freiheitlichem Sinn beeinflusst. Gleichzeitig war er stv. Direktor des «Giornale del Popolo» in Lugano und ab 2005 Stiftungsrat der Pro Helvetia, ab 2008 Leiter des Inlandressort mit dem Titel Chefredaktor beim «Corriere del Ticino» und Mitglied von verschiedenen Think Tanks. Und daneben schreibt er und schreibt er und schreibt er – unermüdlich, mit spitzer Feder ist er zweifelsohne einer der brillantesten Journalisten der italienischen Schweiz. Die liberalen Grundwerte verteidigt er mit scharfem Verstand – so auch in der Unterstützung des Freiheitskampfs der polnischen Solidarnosc –, ohne dabei kulturelle, soziale und religiöse Aspekte ausser acht zu lassen. Selbstverantwortung des Individuums (und nicht Staatsgläubigkeit) ist für ihn ein Lebensmotto.

Unermüdlich, das ist auch der andere. Mit eigenen, preisgekrönten Stücken, wie die Politsatiren, die ihm den Prix Cornichon, den Swiss Liberal Award und den Deutschen Kabarettpreis, eintrugen und die ihn bis nach Taitong führten (wiewohl nicht überliefert ist, ob ihn das dortige Publikum trotz Bühnenhochdeutsch verstand).

Biographisch trennen sie Welten, meine Damen und Herren, inhaltlich verbindet sie Vieles: Vor allem den Mut zur klaren, pointierten Meinung und zur liberalen, freiheitlichen Haltung. Damit sind beide Ausnahmeerscheinungen am kulturellen und medialen Himmel der Schweiz.

Grund genug für den Stiftungsrat der Bonny Stiftung für die Freiheit, sie beide gemeinsam mit dem zweiten Bonny Preis für die Meinungsfreiheit auszuzeichnen.

 

Diese Laudation hielt Beat Brechbühl an der Verleihung des mit 100 000 Franken dotierten «Preis für die Freiheit» der Bonny-Stiftung, der am 19. August 2014 in Bern das zweite Mal vergeben wurde. Der ehemalige Berner FDP-Nationalrat Jean-Pierre Bonny stiftete 10 Millionen Franken, um liberale Werte gepaart mit Eigenverantwortung zu fördern. 

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»