Wo die Seele tanzt

Aus Sorge, die Quelle könnte bald versiegen, durchwanderte Béla Bartók zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ganz Ungarn und sammelte mehr als 10’000 Volkslieder. Die archaischen Melodien waren für ihn Ausdruck derselben künstlerischen Vollkommenheit wie die Werke grosser Komponisten.

Der 1881 im heute rumänischen Nagyszentmiklós geborene Béla Bartók war nicht nur Pianist und Komponist, sondern auch Folklorist. Im Alter von 23 Jahren begegnete ihm das ungarische Volkslied zum erstenmal. Die besondere Vortragsweise einer siebenbürgischen Magd, in der sich eine Art dörfliche Unverdorbenheit ausdrückte, liess ihn aufhorchen. Das Lied unterschied sich wesentlich von dem, was er und die in den Städten wohnende Bevölkerung bis dahin für «ungarisch» gehalten hatten.

Allgemein bekannt war damals das sogenannte volkstümliche Kunstlied. Verbreitung fand dieser Liedtyp vor allem durch musizierende «cigány» sowie durch seine Verwendung in der romantischen Kunstmusik. Beispiele hierfür sind die Ungarischen Tänze von Johannes Brahms oder die Rhapsodien von Franz Liszt. Obwohl dieses populäre Kunstlied in seiner Grundstruktur durchaus ungarisch ist, wurde es von zahlreichen äusseren, insbesondere westeuropäischen Einflüssen überlagert. Dies erklärt, warum es vollständig in einer funktional-tonalen Welt gründet. Aber auch Stilmerkmale slawischer Volksmusik, wie zum Beispiel die Wiederholung der ersten Liedzeile im Terzabstand, lassen sich hier finden. Zumeist waren diese Lieder allerdings künstliche Produkte amateurhafter Komponisten, so dass sie für künstlerisch anspruchsvolle Ohren wie die Béla Bartóks keinerlei authentischen Reiz besassen.

Im Gegensatz dazu muss das ursprünglich-ungarische Volkslied als kollektive Kunstform bezeichnet werden. Das bedeutet, dass es nicht an einen einzelnen Schöpfer gebunden ist, sondern sich über Generationen und Jahrhunderte durch viele Münder fortgepflanzt hat und niemals schriftlich fixiert wurde. Auf naturhafte Weise war es zugleich Bestandteil und Ausdruck des täglichen Dorflebens und wurzelt in einer tief versunkenen Urzeit, als die ungarischen Volksstämme noch nomadisierend durch Asien zogen. Im Vergleich zum westeuropäischen Volkslied, das vor allen Dingen auf der Verwendung der sogenannten Kirchentonarten beruht, liegt dem ungarischen Volkslied im wesentlichen die pentatonische, bzw. die noch frühere tetratonische Tonreihe zugrunde. Allerdings finden sich auch in der ungarischen Volksmusik häufig kirchentonartige Anklänge, was jedoch auf spätere Ablagerungen, also den Einfluss beispielsweise deutscher und französischer Volksmusik, zurückzuführen ist.

Bartók erkannte, dass er auf eine «reine Quelle» gestossen war – eine Quelle, die nach seiner Wahrnehmung binnen absehbarer Zeit versiegen würde. So machte er sich in den Jahren zwischen 1906 und 1918 zusammen mit seinem Komponistenfreund auf den Weg, diese Wildpflanzen zu sammeln. Seine begeisterte Forschungslust erstreckte sich auf das ganze, vor dem Friedensvertrag von Trianon (1920) noch unverstümmelte Gross-Ungarn, das ein wirklich dankbares Gebiet für den Folkoristen darstellte. Denn unter den rund 20 Millionen Einwohnern, die es damals beherbergte, waren nicht nur Magyaren, sondern auch gleichermassen sangesfreudige Rumänen, Slowaken, Ruthenen und Serben. Bartók durchwanderte nahezu das gesamte Karpatenbecken und notierte dabei mehr als 10’000 Lieder.

Ohne einen Funken Chauvinismus

Die Erkenntnisse, die er bei dieser Arbeit gewann, liessen ihn seine anfänglich nicht eben unpatriotische Gestimmtheit neu überdenken. Im Alter von 22 Jahren hatte er noch verkündet, dass er «sein Leben lang, auf jedem Gebiet und auf jede Weise einem Ziel dienen» wolle: «dem Wohle der ungarischen Nation und des ungarischen Vaterlandes.» Als ein mit wissenschaftlicher Genauigkeit hörender Musiker stellte er jedoch mannigfaltigste Überdeckungen fest, hochkomplexe gegenseitige Beeinflussungen in den Liedern der verschiedenen ethnischen Gruppen. Hieraus wurde ihm zunächst klar, dass das Volkslied nicht unter nationalistischen Gesichtspunkten ausgelegt werden konnte. Gleichzeitig aber bemerkte er durch den persönlichen Umgang mit den Menschen, dass «die Bauern der verschiedenen Nationalitäten während der magyarischen Hegemonie in grösster Eintracht lebten» und «nicht ein Fünkchen chauvinistischen Hasses bei ihnen zu entdecken war», so in einem Brief um 1920/21.

Aus der Fülle der ethnomusikologischen Beispiele für die kulturellen Vermischungen in der Volksmusik sollen an dieser Stelle zwei herausgegriffen werden. Als Anführer der siebenbürgischen Rumänen während der Revolution von 1848 liess Avram Iancu zahlreiche Ungarn ermorden. Volkstümlichen Erzählungen zufolge liebte er…

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