Die unbequeme Wahrheit über die Zuwanderung
Linke wie Rechte blenden in der Debatte über die 10-Millionen-Schweiz-Initiative etwas Entscheidendes aus: Die starke Immigration ist massgeblich hausgemacht.
Der Arbeitsmarkt in Saudi-Arabien und anderen Golfmonarchien ist faktisch eine Zweiklassengesellschaft: Die Einheimischen beschäftigen sich in der öffentlichen Verwaltung, wo der Staat sie mit sicheren, gut bezahlten Stellen alimentiert (und damit auch die eigene Legitimität sicherstellt). Derweil arbeiten in den produktiven Jobs in der Privatwirtschaft hauptsächlich Ausländer. Das System funktioniert, weil sich die Golfstaaten dank der sprudelnden Öleinnahmen einen aufgeblähten Staatsapparat leisten können, in dem die Bürger «attraktive» Beschäftigungen finden.
In der Schweiz passiert in einer sanfteren, weniger deutlichen Weise Ähnliches. Mit dem Unterschied, dass unser Öl die Zuwanderung ist. In der Debatte über die 10-Millionen-Initiative geht es um die Frage, ob Zuwanderer gut oder schlecht für die Schweiz seien. Dabei wird ein entscheidender Punkt von Befürwortern wie Gegnern weitgehend ausgeblendet: die Rolle der Einheimischen.
«Die gestiegene Zuwanderung hat auch das starke Wachstum des Staats der letzten Jahre ermöglicht.»
Die Migration passiert nicht im luftleeren Raum, sondern hängt auch vom Verhalten jener ab, die bereits in der Schweiz leben. Hier zeigen sich interessante Unterschiede: Der Anteil der Zuwanderer ist in wettbewerbsfähigen, innovativen und produktiven Branchen am höchsten. Am wenigsten Ausländer findet man hingegen in der öffentlichen Verwaltung und in staatsnahen Bereichen. Diese typischerweise sicheren, aber wenig produktiven Jobs werden von Einheimischen dominiert. Die gestiegene Zuwanderung hat damit auch das starke Wachstum des Staats der letzten Jahre ermöglicht.
Der Ökonom Matthias Binswanger hat auf dieses Phänomen in einem Interview mit der NZZ hingewiesen. Er argumentiert, dass sich selbst in der Privatwirtschaft die Schweizer Arbeitnehmer vermehrt in Verwaltungsstellen zurückzögen, während die produktive Arbeit von Ausländern geleistet werde.
Akzentuiert wird die Entwicklung dadurch, dass die Schweizer generell weniger arbeiten: Die Teilzeitarbeit nimmt zu, und zwar längst nicht nur bei jungen Eltern. Derweil bleibt das gesetzliche Rentenalter trotz massiv gestiegener Lebenserwartung gleich hoch wie bei Einführung der AHV 1948 – und viele setzen sich sogar noch früher zur Ruhe. Das sei ihnen gegönnt. Bloss müssen wir uns dann nicht über die hohe Zuwanderung wundern.
Die eigenen Hausaufgaben machen
Die schwache Produktivitätsentwicklung ist die Achillesferse der Schweizer Wirtschaft. Sie ist, wie Guido Baldi unlängst im «Schweizer Monat» aufgezeigt hat, ein wesentlicher Treiber der Immigration. Natürlich ist der Zusammenhang keine Einbahnstrasse. Gerade in Tieflohnbranchen trägt die Zuwanderung zum Teil auch zur tieferen Produktivität bei. Der leichte Zugang zu Arbeitskräften dank der Personenfreizügigkeit macht es für Arbeitgeber attraktiv, auch wenig produktive Jobs mit Ausländern zu besetzen, statt Prozesse effizienter zu machen.
Die Daten zur Ausbildung der Einwanderer und zum Ausländeranteil nach Branchen legen aber nahe, dass die generell schwache Produktivitätsentwicklung der Schweiz ein entscheidender Treiber der Immigration ist.
«Die schwache Produktivitätsentwicklung ist ein wesentlicher Treiber der Immigration.»
Wollen wir die hohe Zuwanderung wirklich wirksam drosseln, stehen daher realistischerweise nur zwei Wege offen. Entweder verzichten wir auf Fachkräfte und nehmen entsprechende Wohlstandsverluste in Kauf. Oder wir übernehmen Verantwortung und hauchen der schwächelnden Produktivität unserer Wirtschaft neues Leben ein, statt uns in sicheren Verwaltungsjobs von Ausländern quersubventionieren zu lassen.