Wag es bloss nicht, deinen Rassismus zu leugnen!
Heather Heying, zvg.

Wag es bloss nicht,
deinen Rassismus zu leugnen!

Unsinn wird zum Dogma, «woke» Aktivisten verwandeln sich in linke Autoritäre: Die Prinzipien der Aufklärung brechen schneller zusammen, als uns lieb ist. Wir müssen uns widersetzen, solange wir können.

 

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Nachdem George Floyd Ende Mai durch einen Polizeibeamten getötet worden war, strömten die Menschen auf die Strassen amerikanischer Städte, um ihre Empörung über Polizeigewalt und Rassismus auszudrücken. In Portland, Oregon, wo ich lebe, verwandelten sich diese Proteste im vergangenen Sommer fast jede einzelne Nacht in Ausschreitungen. Die Mord­rate kletterte auf den höchsten Stand seit 30 Jahren. Am Morgen sah man vor den wenigen Geschäften, die nicht mit Brettern vernagelt waren, Ladenbesitzer, welche die Trottoirs von dem Chaos der vorangegangenen Nacht reinigten. In dem einst lebendigen Stadtzentrum sind bei Tageslicht fast keine normalen menschlichen Aktivitäten zu sehen. Und nachts setzt das Chaos ein.

Einige würden nun sagen, dass meine Beschreibung dieser Tatsachen ein Beweis dafür sei, dass ich der politischen Rechten angehöre. In Tat und Wahrheit stehe und stand ich schon immer links. Die Linke hat im 20. Jahrhundert viele grosse Errungenschaften vorzuweisen, von Rechten für Frauen, Farbige, Arbeiter und Behinderte bis zum Umweltschutz. Doch es bleiben gewaltige Herausforderungen. Die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts und jede Chance, die noch vor uns liegenden grossen Pro­bleme zu bewältigen, werden durch eine neue Ideologie aus­gehöhlt. Diese Ideologie – nennen wir sie «woke» Ideologie oder autoritäre Linke – verbreitet eklatante Unwahrheiten und ­unüberprüfbare Behauptungen. Sie konzentriert sich auf die Kennzeichen von Identität – Geschlecht, Rasse, Behinderung – und arbeitet darauf hin, uns zu spalten, anstatt uns als Menschen zu vereinen.

«Dies ist ein Kulturkrieg, doch der Krieg richtet sich

nicht gegen Faschisten und Rassisten, sondern gegen

Logik und Analyse, Mathematik und Wissenschaft.»

So wird uns zum Beispiel gesagt, dass Männer und Frauen ­genau gleich seien, ja dass das Geschlecht ein soziales Konstrukt sei. Dies ist eine Fiktion, und sie droht viele hart erkämpfte Errungenschaften für Frauen zu zerstören. «Nature», eine der führenden wissenschaftlichen Publikationen, hat in ihre Beiträge die Auffassung aufgenommen, dass das Geschlecht weder binär noch fixiert sei – und dies sogar in Artikeln, in denen es um die unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Folgen von Krankheiten wie Mukoviszidose und Covid-19 geht.

Und inmitten von Protesten, in denen es nominell um gesellschaftlichen Rassismus geht, sollen wir glauben, dass alle Weissen der Erbsünde des Rassismus schuldig seien, für die es weder Heilung noch Vergebung gebe. Wir werden aufgefordert, Treueeide abzulegen – geben Sie Ihren Rassismus zu, oder Sie werden ausgegrenzt oder sogar entlassen. Wenn Sie sich gegen die Behauptung wehren, ein Rassist zu sein, wird diese Verteidigung selbst als Beweis für Ihren Rassismus verstanden. Selbstverteidigung wird als Schuldeingeständnis gewertet – eine perfekte kafkaeske Falle.

Die American Psychological Association, welche für die Akkreditierung von Psychologen in den USA zuständig ist, hat erklärt, dass «jede Institution in Amerika aus dem Blut der ‹White Supremacy›-Ideologie und des Kapitalismus entstanden ist». Wie üblich werden keine Beweise für diese Behauptung vorgelegt.

Diese neue Ideologie findet sich fast überall, wohin man blickt: in den Medien, in den Gerichten und in der Schaffung von «Diversity, Equity and Inclusion»-Beauftragten und -Abteilungen in Unternehmen überall in den USA. Aber sie begann in den Universitäten.

Herrschaft des Mobs

Wir brauchen eine Neuinterpretation der Geisteswissenschaften für das 21. Jahrhundert, eine, die zu einem breiten Verständnis und Problemlösung erzieht, eine Fähigkeit, zu den grundlegenden Prinzipien zurückzukehren, anstatt sich auf statische Mnemotechniken zu verlassen, und die Erforschung von Ideen ohne klares Ziel, so dass man an Orte gelangt, die man sich nie vorgestellt hätte. Eine geisteswissenschaftliche Erziehung lässt die Möglichkeit des Entstehens zu, bei der das Ganze grösser und unvorhersehbar ist als die Teile, mit denen man begonnen hat.

Stattdessen dominiert in diesem historischen Moment eine autoritäre Strömung – eine, die auf ihren eigenen Schlussfolgerungen beharrt und behauptet, dass die…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»