The Next Big Thing?

Europäische Amerikaerklärer richten ihr Augenmerk gerne auf die amerikanische Westküste: Wie aber begreift, erzählt und versteht man das Silicon Valley – heute und morgen?

The Next Big Thing?
Silicon Valley, photographiert von Patrick Nouhailler / CC BA -Sa 2.0.

Politiker aller Couleurs geben sich im Silicon Valley derzeit die Klinke in die Hand, der «Spiegel» erklärte es in einer Cover Story schon zur «Weltregierung». Auch «BILD»-Chef Kai Dieckmann kam auf ein Jahr in die Bay Area, beileibe kein Einzelfall – in den Firmen müssen sich die Reporter aus dem fernen Europa beinahe gegenseitig auf die Füsse treten, während sie an ihren Erfahrungsberichten schrauben. Sie alle eint ein Traum: die Lüftung der Geheimnisse eines Tals, das jüngst beinahe mythische Dimensionen angenommen hat. Aber schon da beginnen die Missverständnisse, denn ein Tal ist es, zumindest nach schweizerischen Massstäben, nicht. Wenn man zum ersten Mal herkommt, sucht man eine Niederung, begrenzt an mindestens zwei Seiten, bis man begreift, dass einfach die Bucht südlich von San Francisco gemeint ist. Diese Vagheit zeichnet den Diskurs um das sagenumwobene Tal generell aus: Wo genau es anfängt und wo es aufhört, geographisch, aber auch kulturell, hat sich nie mit Sicherheit sagen lassen. Man fährt von San Francisco nach Süden, irgendwo zwischen South San Francisco und San Matteo sind die Autoschlossereien und Reinigungsbetriebe plötzlich verschwunden, und man fährt stattdessen vorbei an Glaskästen mit Logos, die man von seinem Smartphone kennt – ganz so, als stünden unsere Alltagsbildschirme überlebensgross am Highway.

Schwer zu finden sind sie also nicht, die Signifikanten des Silicon Valley: die Parkplätze, auf denen nur Prius und Teslas stehen; die «Glass Explorers», die mit ihren Smart-Glasses auf ihre Smartphones schauen; junge Menschen, die auf Busse warten, auf denen ganz bewusst keinerlei Aufschrift steht; Cafés in San Francisco, in denen jeder auf dem neusten MacBook herumtippt. Aber für derartiges Anschauungsmaterial braucht man beim besten Willen nicht nach Kalifornien zu fliegen – die günstigere, schnellere und genauso informative Variante wäre: auf Google Maps «1 Infinite Loop» suchen, auf «Street View» klicken – und voilà.

Die dezidierte Innensicht hingegen, auf die Journalisten wie Politiker wohl spekuliert hatten, als sie ins Flugzeug stiegen, ist ihnen kaum vergönnt gewesen. Denn: man kann, beispielsweise, auf Apples Campus überall hin, überall reinschauen – bis man’s eben plötzlich nicht mehr kann. Und dann hilft auch keine Freundschaft, kein Überredungsversuch, kein Titel aus dem fernen Europa. Wenn es darum geht, die Milliarden zu erscheffeln, bleiben die Firmen des Silicon Valley, und zwar vom kleinsten Start-up bis zum Mammut von Cupertino, ganz verständlicherweise absolut zugeknöpft. Die Architektur mag noch so transparent sein, das traditionelle Büro abgeschafft, man darf den Programmierern sogar beim Tippen zusehen – aber was sie wirklich treiben, erfährt man natürlich nicht. Und es ist hierzulande auch schlechter Stil, es überhaupt erfahren zu wollen. Das gilt auch für die herumstehenden Laptops in besagten Cafés: Millionenideen müssen auf diesen Bildschirmen einsichtig sein, während ihre Urheber gerade auf der Toilette sind – aber man schaut sich gegenseitig trotzdem nicht rein. Innovation nach dem Pinkelprinzip.

 

Unsichtbare Innovation

Was den Firmen hier fehlt, ist letztlich also das Halböffentliche der alten Industriezweige – die Testautos, Wolkenkratzer, illustre Aktionärsversammlungen, Schleckerentführungen, irgendwo zwischen Firmengeheimnis und Öffentlichkeit. Selbst scheinbare Interna – die schwarzen Rollkragenpullis des Steve Jobs, die Grünzeugshakes der Elizabeth Holmes, Chefin des Bio-Start-ups Theranos, die obligaten in Bars «vergessenen» iPhone-Prototypen – erweisen sich als Marketingmaschen. Sobald also doch einmal jemand glaubt, endlich hinter den Vorhang zu blicken, sieht er eigentlich nur: einen Apple Store.

Die Revolution vollzieht sich fast unsichtbar. Ihre Vorboten sind weisslackierte Busse, Aufkleber an Burritobuden und lilafarbene Schnauzbärte an Privatautos. Ihre Protagonisten sehen aus wie Tennislehrer aus dem Club Med. Nur ein paar «Segways» und bunte Schriftzüge unterscheiden die Hauptquartiere entlang des Highways. In Kleidung und Kaufverhalten ähneln die Tech-Millionäre der zu Wohlstand gekommenen Gegenkultur – Flipflops und Kapuzenpullover standen einmal für Surfladenbesitzer oder…