Der Zornbürger

Thomas Minder ist der neue Volksheld der Schweiz. Gegen den vereinten Widerstand von Regierung, Parlament und Establishment hat er zusammen mit Claudio Kuster seine «Initiative gegen die Abzockerei» unerschrocken zum Erfolg geführt. Es gab zwar immer wieder Momente des Zweifels und der Schwäche, in denen er den Besänftigungsversuchen parlamentarischer Kollegen fast erlag. Doch liess er […]

Thomas Minder ist der neue Volksheld der Schweiz. Gegen den vereinten Widerstand von Regierung, Parlament und Establishment hat er zusammen mit Claudio Kuster seine «Initiative gegen die Abzockerei» unerschrocken zum Erfolg geführt. Es gab zwar immer wieder Momente des Zweifels und der Schwäche, in denen er den Besänftigungsversuchen parlamentarischer Kollegen fast erlag. Doch liess er sich am Ende nicht domestizieren. Die Besinnung auf Volkes Stimme war es, die Minder immer wieder animierte, den einmal eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende zu gehen. Er mache keinen «Kuhhandel» mehr, sonst würden ihm «die Leute das Haus anzünden», sagte er zuletzt. Als der abgeschwächte Gegenvorschlag in den eidgenössischen Räten zur Schlussabstimmung kam, sagten 235 Parlamentarier  Ja und nur einer Nein, dieser aber voller Überzeugung – Thomas Minder. Er wurde den Geist, den er rief, nicht mehr los.

Als fatal für den Ausgang der Abstimmung erwies sich, dass sich über die Jahre der Begriff des Abzockers in der Schweiz still etablierte, wenn auch seine Bedeutung immer diffuser wurde. Heute gilt jeder als Abzocker, der mehr verdient als man selbst. Minder war immerhin präziser: Er verstand unter «Abzockerei» das unzulässige Jonglieren der Angestellten mit dem Geld anderer Leute (Aktionäre) zum eigenen Vorteil.

«Die Selbstbedienungsmentalität vieler Manager war mir schon lange ein Dorn im Auge. Irgendwann hat es mir den Deckel gelupft», sagte Minder, als wir ihn letzten Sommer in Neuhausen zum Gespräch trafen («Monat», Ausgabe 1000, S. 35 ff.). Ist also Thomas Minder ein einzelkämpferisch veranlagter Vertreter jenes Wutbürgertums, das sich gemäss Feuilletonisten in den Ländern Europas in unterschiedlichen Formen und Bezügen gerade formiert?

Es bedarf der gedanklichen Präzisierung. Ich möchte anregen, zwischen Wut und Zorn zu unterscheiden (vgl. Peter Sloterdijk: «Zorn und Zeit», 2006). Wut ist destruktiv und zielt auf die Erniedrigung der anderen. Zorn hingegen ist konstruktiv und hat die Bewahrung der Selbstachtung und Vorbildlichkeit aller zum Ziel. Der Zorn entstammt anders als die Wut den stolzhaften Regungen der Seele. Der Zornbürger will die anderen nicht kleinmachen, sondern verlangt von ihnen jene Grösse und Integrität, die diese von ihren Untergebenen auch selbst einfordern. Der Zornbürger fordert keine Hinrichtungen oder Entschädigungen für die eigene Benachteiligung, sondern Anstand, Ehrgefühl und Würde.

Sollte es sich bei der Abstimmung vom 3. März 2013 tatsächlich um eine Entladung von Wutimpulsen handeln, gibt es realen Grund zur Sorge. Denn Wut ist ein aggressiver Gefühlszustand, eine gestaute innere Angespanntheit, ebenso stark wie diffus, die sich jederzeit entladen kann. Der Wütende fühlt sich ohnmächtig und macht andere für seine Ohnmacht verantwortlich. Andere sind schuld am eigenen Versagen, für dessen Artikulation die Worte fehlen. Bezogen auf Minders Initiative würde dies heissen: die Wütenden stossen jene vom Sockel, die sie eher diffus als nachweislich als Schuldige eines gefühlten Unbehagens ausmachen, und wollen ihnen zeigen, dass sie nichts Besseres verdienen als man selbst. Der Wutbürger wäre demnach, pardon, zugleich ein Neidhammel.

Oder ist das, was Minder und die Mehrheit des Stimmvolks antreibt, der Zorn über feudale Verhältnisse, die auf Privilegien und nicht auf Leistung beruhen? Was Minder selbst angeht, so scheint der Fall klar zu sein. Nach den Boni der leitenden Angestellten grosser anonymer Unternehmen hat er nun die Abgangsentschädigungen der Chefbeamten im Visier, die sich ebenfalls gerne auf Kosten anderer – der Steuerzahler – bereichern. Bei dieser ungleich schwierigeren Aufgabe – staatliche Angestellte stehen in der Volksgunst merkwürdigerweise höher als jeder Topmanager – ist ihm auf jeden Fall viel Erfolg zu wünschen.

1:12-Initiative, Erbschaftssteuerreform, Einführung eines Mindestlohns, AHVplus-Initiative, Einführung eines leistungslosen Grundeinkommens. Wut oder Zorn, Neid oder Stolz, Ja oder Nein? Die direktdemokratische Alpenrepublik ist politische Avantgarde. Hier kann die ganze Welt studieren, ob der Wut- oder der Zornbürger in modernen Demokratien…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»