Wühlen im Mülleimer der Geschichte

In Georgien steht Stalin nicht als Schlächter auf dem historischen Schrottplatz, sondern als Rebell auf dem nationalen Podest. Bevor er entsorgt wird, wo er hinge-hört, tut aber Aufklärung not. Denn auch aus Mentalität und Gesellschaft sind nicht alle sowjetischen Relikte verschwunden.

Wühlen im Mülleimer der Geschichte
Bergdorf Omalo, photographiert von Claudia Mäder.
Die Betreiber des Stalinmuseums sind beinharte Kapitalisten. 15 Lari – rund 8 Franken oder das Tagesgehalt einer Supermarktkassiererin – verlangen sie in ihrem improvisierten Giftshop für eine Schneekugel mit dem Kopf des berühmtesten Georgiers. 15 Lari – rund 20 pilzgefüllte Teigtaschen mitsamt zwei Gläsern guten Weins –, um ein paar Schneeflocken auf einen Massenmörder rieseln zu lassen? Reinste Abzockerei! Viel rentabler ist es, eine Museumsführung zu buchen und sich für 10 Lari gleich die gesamte Weltgeschichte als Märchen vortragen zu lassen.

Im Kirchenschulchor sei Josef Stalin – damals noch Ioseb Jugashvili – als guter Sänger aufgefallen, rapportiert die junge Frau, die in dem pompösen Bau resolut durch Massen von Reliquien steuert, uns auf besondere Preziosen – etwa das Porzellanset von Mama Stalin – aufmerksam macht, die Leistungen des Hitlerbesiegers als Weltbefrieder hervorkehrt, mit Vitrinen voll Präsenten die Bewunderung belegt, die der Generalissimus weltweit genoss, und bei ihrer Hatz durch die Jahrzehnte nie länger innehält als vor dem Dokument, das Stalin als Georgier ausweist. «They are very proud of this», muss unser Übersetzer, ein junger Student, immer wieder betreten sagen; vor einer der wenigen erhaltenen Stalin-Totenmasken ebenso wie im verplombten grünen Eisenbahnwaggon, des Flugangstgeplagten legendären Fortbewegungsmittel, das lange als verschollen galt, endlich aber seinen Weg in Stalins Geburtsstadt Gori und hier seinen Platz im Museum gefunden hat. Mit der Begehung dieses Relikts endet unsere Reise durch das 20. Jahrhundert. «Et la terreur?», fragen wir bedrückt. «La quoi?», fragt die perfekt Französisch sprechende Führerin zurück und entschwindet ums Eck.

Weiblich, zwischen 31 und 45, Städterin, gut gebildet – die Wahrscheinlichkeit, dass eine Georgierin mit diesem Profil ein positives Bild des Gewaltherrschers hat, liegt bei 40 Prozent. Das zeigt eine Umfrage der Carnegie Stiftung, die 2012 einen gesellschaftsweiten Stalin-Zustimmungswert von 45 Prozent erhoben hat. Diese Zahl ist nicht nur «alarmierend hoch», sondern sie liegt auch über den Werten aller anderen befragten Staaten inklusive Russlands, das bei 40 Prozent pendelt. Von diesem Befund sei selbst er überrascht gewesen, sagt Lasha Bakradze, den ich anderntags in Tbilisi besuche, um die Eindrücke aus Gori in einen grösseren Kontext einzuordnen. Der Historiker und Mitautor der Carnegie-Studie beschäftigt sich seit langem mit der Sowjetzeit und ihrer Bewältigung – und mithin also auch ihrer musealen Inszenierung. Ein «sehr peinlicher Ort» sei das Stalinmuseum, sagt er sogleich. Aber auch wenn seine muffige Kultkultivierung georgienweit ein Extrem darstelle und ans Beschämende rühre, müsse es doch unbedingt erhalten bleiben: als plastische Quelle dafür, wie hierzulande die Geschichte verfälscht und ein verqueres Stalinverständnis geschaffen worden sei.

 

Patriotenmythos und Opferthese

Anders als in Russland werde Stalin in Georgien als dezidiert nationales Symbol gelesen. Nicht als heldenhaften Sieger über den Faschismus oder als Garanten für rigide staatliche Ordnung ehren die Georgier laut Bakradze ihren Landsmann, sondern als Rebellen, der aus dem kolonisierten Georgien auszog, um das gesamte russische System zu unterwerfen. «‹Unser Junge hat es denen gezeigt› – das ist die Formel, auf die man den sehr primitiv verstandenen Patriotismus bringen kann, der in der georgischen Stalinsympathie eine grosse Rolle spielt.» Diese nationale Komponente und die tendenzielle Abkoppelung des Symbols von der (in Russland stark mythisierten) Sowjetzeit erklärt zwar ansatzweise, weshalb sich der Diktator in Georgien früh schon über rein kommunistische Kreise hinaus beachtlicher Beliebtheit erfreute. Allem voran, gibt Bakradze zu bedenken, seien die erschreckenden Umfragewerte aber Ausdruck mangelnder Auseinandersetzung mit eigener Geschichte: Lustrationen habe es in Georgien nie gegeben, die Schulen vermittelten oberflächliches Wissen, seine Studenten an der Uni hätten kaum Kenntnisse von der Sowjetzeit, und in der Öffentlichkeit sei Vergangenheitsbewältigung kein Thema. 

Zumindest wird die Vergangenheit dort nicht auf weiterführende Weise thematisiert. Im unweit von Bakradzes Büro gelegenen «Okkupationsmuseum», das die Regierung 2006 eröffnete, finden Geschichtsinteressierte eine düstere Gegenwelt zu Gori. Auch hier steht ein Eisenbahnwaggon am Eingang – allerdings nicht als Reliquie, sondern als Mahnmal: In dem Museumsexponat sind 1924 zahlreiche georgische Antibolschewisten von der Tscheka erschossen worden. Geschätzte 80 000 Georgier folgten ihnen nach und wurden während der 70jährigen Sowjetära zu Opfern des russischen Besatzers, hunderttausende mehr wurden deportiert oder fielen im Krieg. Der ganze, kaum beleuchtete Ausstellungssaal belegt die Zahlen mit Listen voller aufständischer, dissidenter und unbescholtener Bürger. Grauenvoll. Dennoch absolviere ich eine zweite Runde – im Glauben, die Ausführungen zum georgischen Mastermind des Terrors, seinem Landsmann und Geheimdienstchef Lavrenti Beria oder dem berüchtigten Politbüromitglied Sergo Orjonikidze, in der Dunkelheit übersehen zu haben. Vergebens: Erhellendes zu den heimischen Schergen bietet das staatliche Museum wenig; es kennt die Georgier vorab als Opfer.

 

Oberflächenkosmetik

Dabei waren auch jenseits der grossen Namen viele hiesige Kommunisten zumindest Kollaborateure der Täter. Wenn sich das Land in der Post-Stalin-Ära ähnlich wie Ungarn ab 1956 tendenziell vom Kommunismus abwandte und analog zum dort gelebten «Gulasch-Kommunismus» eine Art «Schaschlik-Kommunismus» (Bakradze) praktizierte, der die Ideologie nur noch als Saucengarnitur mitführte, so hat es in der Frühphase der Sowjetunion tatkräftig am System mitgewirkt: Überdurchschnittlich viele Georgier bevölkerten in den 1920er und ’30er Jahren die unionsweite Nomenklatura und besetzten einflussreiche Posten. Zwar ist dieser Umstand kein Geheimnis. Nur, sagt Bakradze, hätten solch differenzierte Sichtweisen keinen Platz in dem schwarz-weissen Geschichtsbild, das hierzulande gemeinhin gezeichnet werde. Im Zuge der entschiedenen Westausrichtung habe man in den vergangenen Jahren eher versucht, die Spuren der «bösen Sowjets» auszumerzen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. 2011 etwa ordnete die Regierung Saakashvili die Entfernung aller sowjetischen Symbole aus dem öffentlichen Raum an. Für den Historiker ist das reine Oberflächenkosmetik, denn «was nicht aufgearbeitet ist, kommt wieder hoch». Und siehe da: Sterne, Sicheln und Hämmer mochten abgekratzt gewesen sein, Stalin-Statuen aber tauchten – nicht nur in Gori – schon kurz nach Saakashvilis Abwahl wieder auf. 

Ohne Aufklärung über das, was hinter diesen Dingen steht, wird sich nichts ändern. Deshalb hat Lasha Bakradze zusammen mit anderen Historikern das «Soviet Past Research Laboratory» gegründet, eine Institution, die nicht nur forscht und publiziert, sondern auch alternative Stadtrundgänge anbietet und interessierten Leuten die Geschichten der Menschen erzählt, die in Tbilisis Gebäuden lebten, litten und kollaborierten. Das Angebot ist primär für Georgier konzipiert worden, wird aber grösstenteils von Ausländern genutzt. – Natürlich, kann man einräumen, hatte das Land, zumal in den krisenhaften Jahren nach seiner Unabhängigkeit, Dringenderes zu tun, als sich mit seiner Geschichte zu befassen; natürlich ist in Zeiten, da Strom und Perspektiven fehlen, Vergangenheitsbewältigung kein primäres Bedürfnis. Dennoch ist gerade für Gesellschaften im Übergang das Bewusstsein für historische Prägungen von essentieller Bedeutung – denn Mentalitäten lassen sich nicht wie Monumente demontieren, und wo Neues entstehen soll, müssen die Fundamente stimmen.

 

Tiefenwirkungen der Sowjetära

«Das grundlegendste Problem, das die kommunistische Ära der georgischen Gesellschaft hinterlassen hat, ist der kaum ausgebildete Sinn für Zivilgesellschaft und Freiheit.» Andro Barnovi, früherer Regierungsstabschef und Vorsteher der 2013 eröffneten «Saakashvili Presidential Library», ortet dieses Defizit nicht nur, sondern sucht es auch auszuräumen. Bücherspeicher, Seminarveranstalterin und Think Tank in einem, will die Bibliothek die georgische Debatten- und Denkkultur fördern. Viel habe sich schon gewandelt seit der Rosenrevolution, sagt der studierte Philologe, aber viel mehr müsse noch geschehen, denn noch immer sei in der georgischen Mentalität die Annahme verankert, dass der Staat sowohl für einen entscheide als auch sorge.

Im Sowjetstaat hätten die Menschen den Status von – mal bestraften und mal gelobten – «Kindern» gehabt, schreibt der Psychologe Rezo Korinteli, der die psychosoziale Verfassung im postsowjetischen Georgien untersucht hat. Dieses Abhängigkeitsverhältnis habe das Versprechen geborgen, dass die staatlichen «Eltern» die Grundbedürfnisse der Unmündigen deckten, und der Verlust dieser «Sicherheit» habe dann in den ökonomisch schwierigen Zeiten nach der Wende zuweilen zu Sowjetnostalgie geführt – vor allem in ländlichen Gegenden, die den Anschluss an neue Entwicklungen und Märkte verpassten. Gerade an diesen Orten kommt man laut Barnovi heute nur mit Wissen weiter. «Wenn die Regierung auftritt und die Rente um 20 Lari erhöht, bringt das gar nichts, das sind ein paar Zigaretten, mehr nicht.» Während viele noch immer das Gefühl hätten, der Staat meine es gut mit ihnen, wenn er ihnen etwas Geld gebe, sei effektiv nur Bildung in der Lage, den Leuten zu helfen: indem sie ihnen die Mittel an die Hand gebe, auf eigenen Beinen zu stehen.

Resignierte Staatsgläubigkeit ist freilich nicht die einzige Bürde, die das Land aus der Sowjetzeit mitträgt. Schwer ist zu übersehen, dass die Vergangenheit nicht nur in vielen Köpfen, sondern auch in gewissen Strukturen weiterwirkt – und die Georgier etwa in der schwach profilierten Parteienlandschaft vorab auf starke Figuren setzen. Nach dem Abtritt der Sowjetherrscher und der Absetzung respektive der Abwahl von Shevardnadze und Saakashvili führt heute zwar erstmals ein weitgehend uncharismatischer Präsident das Land. Dass hinter ihm ein milliardenschwerer Mann steht, der im Volk den Ruf eines messianischen «Retters» geniesst, ist aber hinlänglich bekannt. – Man muss die Schneekugel kräftig schütteln, um hier die Geschichte vergessen zu können.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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