Die Urteilsguillotine

Kennen Sie das? Sie treffen jemanden zum ersten Mal und denken: Ich kann ihn nicht ausstehen. Erst im nachhinein, vielleicht Jahre später, merken Sie, dass Sie diese Person sogar sehr mögen, vielleicht gar mit ihr verheiratet sind? Unsere Erfahrungen verleiten uns dazu, Individuen in extrem kurzer Zeit zu kategorisieren: «Gutmenschen», «Besserwisser» oder «Mauerblümchen». Diese Vorurteile […]

Kennen Sie das? Sie treffen jemanden zum ersten Mal und denken: Ich kann ihn nicht ausstehen. Erst im nachhinein, vielleicht Jahre später, merken Sie, dass Sie diese Person sogar sehr mögen, vielleicht gar mit ihr verheiratet sind? Unsere Erfahrungen verleiten uns dazu, Individuen in extrem kurzer Zeit zu kategorisieren: «Gutmenschen», «Besserwisser» oder «Mauerblümchen». Diese Vorurteile werden von der Kultur, unserem religiösen Hintergrund, den Medien und der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind, befeuert. Wenn also alle um uns herum glauben, dass das Tragen weisser Sportsocken ein klares Zeichen für Verlierertypen ist, dann glauben wir das mit grosser Wahrscheinlichkeit auch.

Verhaltensforscher streiten sich über die genaue Zahl, aber einig sind sie sich darin, dass wir uns innerhalb der ersten Handvoll Sekunden entscheiden, ob wir jemanden mögen oder nicht. Verantwortlich dafür seien nicht etwa die Umstände unserer Erziehung, sondern unser Unterbewusstsein – jener Teil des Eisbergs also, der unter dem Meeresspiegel unserer bewussten Auffassungsgabe liegt. Unsere Wahrnehmung hat also weniger mit unserem Gegenüber zu tun als mit uns selbst. Was aber, wenn man sich in der Rolle des «Gegenübers» wiederfindet? Ich sage es Ihnen: wenn einem ein gewisser Ruf vorauseilt oder man gar berühmt ist, wird es schwierig mit dem «ersten Eindruck». Robert Greene erklärt in den «48 Gesetzen der Macht», dass wir unser Ansehen unter Einsatz unseres Lebens schützen müssen. Wie also erwehrt man sich der mächtigen Urteilsguillotine der öffentlichen Meinung?

Wie zur Zeit der rollenden Köpfe in Frankreich heisst die Losung: Aufklärung! Nie war es einfacher, sich neben dem ersten Eindruck eine überlegte und fundierte Meinung zu bilden. Viele von uns tun dies auch, über das Internet und all seine neuen Kanäle. Klatsch, Tratsch und reiner Marketingsprech ist so leicht entlarvbar wie nie zuvor. Wer sich also heute noch ausschliesslich auf erste Eindrücke oder Populärmeinungen verlässt, handelt entweder fahrlässig – oder macht es um der reinen Unterhaltung willen.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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