Städter und Tölpel

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts war von der heutigen Überflussgesellschaft noch wenig zu spüren. Erst recht nicht auf dem Land. Das einzige, was im Gegensatz zu heute im Überfluss vorhanden war, das waren die Wirtshäuser. Sie an einem Samstagabend mit meinen Brüdern abzuklappern erforderte schon eine gewisse Kondition. Und wenn davon am […]

Städter und Tölpel

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts war von der heutigen Überflussgesellschaft noch wenig zu spüren. Erst recht nicht auf dem Land. Das einzige, was im Gegensatz zu heute im Überfluss vorhanden war, das waren die Wirtshäuser. Sie an einem Samstagabend mit meinen Brüdern abzuklappern erforderte schon eine gewisse Kondition. Und wenn davon am Ende immer noch ausreichend vorhanden war, fuhr man im alten VW-Bus eines Kollegen ans nächste Dorf- oder Waldfest.

In der Stadt Zwinglis, in die ich dann zum Studium kam, war das gesellige Leben nicht mehr halb so lustig. Grämliche Gesichter, steife Atmosphäre, nach der viel zu frühen Polizeistunde nichts mehr los, Isolation statt Kontakt. Kurz: tote Hose.

Heute haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt: Vitales geselliges Leben blüht in der Stadt, wo die Agglomerationsjugend am Samstagabend in Heerscharen einfällt. In den meisten Dörfern hingegen ist nicht mehr viel los. Die Treffpunkte fehlen. Denn viele der Beizen, in denen man sich einst traf, sind eingegangen. Es gibt Dörfer, in denen es kein einziges «angeschriebenes Haus» mehr gibt. Keine Dorfläden, Poststellen, Arztpraxen mehr – alles weg. Die Dörfer verlieren ihre Identität. An die Städte, an die Vorstädte, an die Agglomeration. So darf man heute in der städtischen Intelligenzija und ihren Grossmedien die Landbewohner wieder ungestraft tumbe Ignoranten schelten, die noch kaum je einen Ausländer gesehen hätten, aber sich vor massenhafter Einwanderung fürchteten. Da ist sie wieder, die jahrhundertealte Herablassung gegenüber den Tölpeln vom Land – Tölpel, das alte Wort bedeutet ja nichts anderes als Dörfler: ungeschickter, ungebildeter Mensch.

Dass die Tölpel vom Lande Volksabstimmungen nutzen, um ihre rasante Fahrt auf der Verliererstrasse abzubremsen (wenngleich mit untauglichen Mitteln), ist dabei anscheinend noch keinem aufgefallen. Auch nicht jenen, die mit idealistisch verklärten dörflichen Idyllen Politik betreiben.

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