Glücklich und unglücklich zugleich

Glücklich und unglücklich zugleich

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle.

 

Die Suche nach dem Glück des Lebens und der Liebe und die stetigen Erfahrungen ihres Scheiterns sind die zentralen Erzählmotive von Peter Stamm. In seinem neuen Roman «Das Archiv der Gefühle» hat er die Frage nach dem sinngebenden, glückserfüllten Leben, die sich in Erinnerungen an sehnsuchtstragende Begebenheiten und Begegnungen und in der Fiktion einer «Wirklichkeitskorrektur» stellt, eindrucksvoll konzentriert.

Der 25jährige namenlose Ich-Erzähler hat sich nach dem Verlust seiner Archiv­arstelle in einem grossen Pressehaus und nach der Beendigung seiner letzten Beziehung zu einer Frau ganz in die Einsamkeit des Hauses seiner verstorbenen Mutter zurück­gezogen. Hier hat er das vom Pressehaus erworbene Archiv neu eingerichtet, dessen Betreuung er sich nun mit dem täglichen Sammeln und Ordnen von Zeitungs- und Zeitschriftentexten intensiv widmet.Wenngleich er erkennt, dass er durch diese private Archivarbeit eine beruhigende Ordnung in der immer unübersichtlicher sich darstellenden Welt zu schaffen vermag, stösst er fortwährend auf Lebens­bereiche – «Geräusche, Gerüche, Lichtphänomene, Farben», «so viel Unbeschriebenes, Unerfasstes, Unerfassbares» –, für die keine Akten in seinem Archiv vorhanden sind. Zu diesen nur schwer fassbaren und erklärbaren Phänomenen zählt auch die unerfüllte Liebe des Ich-Erzählers zu seiner Schulfreundin Franziska, deren Lebensweg als erfolgreiche Sängerin Fabienne er zwar durch Presseartikel in seinem Archiv dokumentieren kann, die ihm als fernes Liebesglück aber ein Rätsel bleibt und ihn mit lebhaften Erinnerungen, Reflexionen über die Gründe des unerreichten Glücks und Vorstellungen einer möglichen Liebesbeziehung unentwegt konfrontiert. Am Ende verschafft Stamm seinem Ich-Erzähler tatsächlich eine späte Wiederbegegnung mit Franziska. Ob die unerfüllte Liebe nun doch noch zu einem gemeinsamen Glück findet, nachdem der «Archivar der Gefühle» sein persönliches Pressearchiv aufgelöst hat, bleibt allerdings offen.

Auf sehr bewegende Weise gelingt es Peter Stamm, von einer unverlierbaren Liebe zu erzählen, die «in ihrer Abwesenheit zugleich glücklich und unglücklich» macht. So muss sich der Ich-Erzähler auf seine Frage, ob er im Zusammenleben mit Franziska glücklicher gewesen wäre, schliesslich eingestehen: «Wovon hätte ich dann geträumt?» Stamms Roman gibt auf die Frage nach dem Glück des Unglücks eine literarisch grossartige Antwort.


Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2021.

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Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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