Der Spott über die «rassistische» Landbevölkerung ist ziemlich provinziell
Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative mokiert sich das linksurbane Kommentariat über die angebliche Irrationalität der Befürworter. Und offenbart damit die eigenen Denkfehler.
Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative gefällt sich das linksliberale Kommentariat in der Rolle der moralisch Überlegenen, die sich gegen die uneinsichtigen und fremdenfeindlichen Hinterwäldler durchgesetzt haben. Die linke «Wochenzeitung» raunt düster vom «Dunkel der SVP-Schweiz», die der «rassistischen» Initiative zustimmte, weil sie offenbar «Angst vor den Städten» hat und vor der «vielfältigen und offenen Gesellschaft». Der Kommentar kritisiert, «dass für viele Zeitungskommentator:innen die richtige, die natürliche, die gottgewollte Schweiz die ländliche Schweiz ist, in der die Ortschaften Namen tragen wie Unterschächen, Isone, Alpthal, Hundwil, Dozwil oder Schwaderloch».
Auf Facebook mokiert sich ein Angestellter der Entwicklungshilfeorganisation Alliance Sud über die Gemeinden im «Zentralschweizer Mordor». Er beklagt sich über eine Politologin, die sich erdreistet hat, Probleme wie Kriminalität oder Umweltschäden mit der Zuwanderung in Verbindung zu bringen, ebenso wie über SRF, das auf das «Framing» der SVP hereingefallen sei.
«Die medialen, wissenschaftlichen und Verbandseliten sind grossmehrheitlich in den Städten zu Hause. Deshalb ist ihr Denken von der städtischen Perspektive geprägt.»
Auf LinkedIn vergleicht der Klimaforscher Reto Knutti das Abstimmungsresultat mit jenem zum Klima- und Innovationsgesetz von 2023. Die Abstimmungskarte sei «praktisch identisch». «Die Zustimmung zum Bevölkerungsdeckel war dort am grössten, wo die Dichte am kleinsten ist, die Kriminalität am tiefsten, das Bevölkerungswachstum am kleinsten und der Ausländeranteil am tiefsten ist.» Daraus schliesst der Professor: Es gehe nicht um Migration, sondern um Angst vor Veränderung.
Dazu passt die Aussage der Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl, die Ängste der Landbevölkerung liessen sich «nur bis zu einem gewissen Grad mit rationalen Argumenten entkräften». So viel zum Demokratieverständnis des Wirtschaftsdachverbands.
Städtische Perspektive
Tatsächlich hat sich am Abstimmungssonntag ein deutlicher Stadt-Land-Graben gezeigt. Die Zustimmung zur Initiative als irrationalen und rassistischen Reflex abzutun, zeugt aber von wenig Verständnis dafür, wie die Bevölkerung ausserhalb der Städte tickt. Kein Wunder: Die medialen, wissenschaftlichen und Verbandseliten sind grossmehrheitlich in den Städten zu Hause. Deshalb ist ihr Denken – anders als die WOZ insinuiert – von der städtischen Perspektive geprägt.
Die Diagnose über die angeblich irrationale Landbevölkerung basiert allerdings auf einem Denkfehler. Dass Leute in ländlicheren Gebieten eher migrationskritisch sind, hat nicht damit zu tun, dass sie weniger Kontakte mit Zuwanderern hätten und deshalb durch dumpfe Vorurteile geleitet wären. Ebenso wenig befürworten Städter Migration deshalb, weil sie so gute Erfahrungen mit ihr gemacht hätten. Der Effekt ist ein anderer: Wer offen gegenüber Migration ist, zieht eher in die Stadt; wer es anders sieht, geht eher den umgekehrten Weg. Auch spielt die Sozialisation eine Rolle.
«Die meisten Ja-Stimmen kamen nicht von Hinterwäldlern auf dem Land, sondern aus den Agglomerationen, wo man die Folgen der Zuwanderung durchaus bemerkt.»
Überhaupt kamen, anders als von den Kommentatoren dargestellt, die meisten Ja-Stimmen nicht von Hinterwäldlern auf dem Land, sondern aus den Agglomerationen, wo man die Folgen der Zuwanderung durchaus bemerkt. Es mögen nicht die Orte mit dem höchsten Ausländeranteil sein, aber es sind oft Orte, die sich in den letzten Jahren durch die Zuwanderung stark verändert haben. Man kann den Widerstand gegen eine weitere Veränderung als irrational belächeln. Aber wer ihn auf Fremdenfeindlichkeit reduziert, macht es sich zu einfach.
Zürich ist ein Dorf
Ich bin ein wandelnder Stadt-Land-Graben. Ich wohne in einer Gemeinde tief im Zürcher Oberland, die viele wahrscheinlich als ländlich bezeichnen würden, auch wenn sie offiziell zur Agglomeration zählt. Gleichzeitig arbeite ich in der Stadt, ein Grossteil meines beruflichen und auch privaten Umfelds befindet sich dort.
Meine Erfahrung ist, dass sowohl das Land als auch die Stadt komplizierter sind als das Bild, das die jeweils andere Seite von ihnen hat. Es ist sogar zweifelhaft, ob man in der Schweiz überhaupt eine klare Grenze zwischen Stadt und Land ziehen kann. Aus Sicht beispielsweise eines Londoners ist selbst Zürich ein Dorf. Die Herablassung gegenüber dem Land ist aus dieser Perspektive ziemlich provinziell.