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It’s the Agglo, Stupid! Das Gebiet zwischen Stadt und Land entwickelt eine eigene, pragmatische Identität

Der Stadt-Land-Graben ist ein Mythos. Die eigentliche Schweiz liegt dazwischen: in der Agglomeration, wo urbane Offenheit und ländliche Bodenständigkeit längst miteinander verschmelzen.

It’s the Agglo, Stupid! Das Gebiet zwischen Stadt und Land entwickelt eine eigene, pragmatische Identität
Orpund hat ein stärkeres Bevölkerungswachstum als Biel und zieht viele erfolgreiche Migrantenfamilien an. Bild: Wikipedia.

Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative auf Bundesebene und zum kantonalen Museumsneubau in Bern sinniert das linksurbane Kommentariat wieder einmal über den Stadt-Land-Graben. Die linke «Wochenzeitung» spricht düster vom «Dunkel der SVP-Schweiz». Die Kulturelite der beiden Städte Biel und Bern, die trotz einem sagenhaften Budget von 400 000 Franken eine Niederlage kassierte, beklagt die Kulturlosigkeit der Landbevölkerung, welche die progressiven Städter überstimmte.

Die intellektuellen Leichtmatrosen aus Politologie und Journalismus bevorzugen das binäre Prinzip: weiss gegen schwarz, weltoffen gegen isolationistisch, progressiv gegen reaktionär.

Mehrheitsland Agglo

Statistiker und Raumplaner sind da nüchterner. Ein Blick auf die Daten des Bundesamts für Statistik zeigt, dass rund 83 Prozent der Schweizer Bevölkerung im städtischen Raum leben, nur deren 17 Prozent auf dem Land. Oder anders gefragt: Gehört die Bieler Vorortsgemeinde Orpund, die den Museumsneubau befürwortet hat, nun zur Stadt? Ist die Agglogemeinde Port, die diesen abgelehnt hat, Teil des Lands?

Die Bundesstatistiker und Raumplaner haben diesen plumpen, aber einprägsamen Stadt-Land-Graben schon längst hinter sich gelassen. Sie unterscheiden zwischen Stadt, Agglomeration und Land. Und sie liefern auch gleich die entsprechenden Zahlen. In den Kernstädten leben rund 30 Prozent der Schweizer, auf dem Land die besagten 17 Prozent. Damit entfallen 53 Prozent auf die Agglomeration.

«Heute entwickeln viele Agglogemeinden eine eigene Identität.»

Gerade die Agglomeration nimmt häufig eine Mittelposition ein und stimmt weder so urban wie die Innenstädte noch so ländlich wie Berg- oder Randregionen ab.

Das Wort «Agglo» hat natürlich einen negativen Beigeschmack, der aus einer Zeit stammt, in der diese Gemeinden noch Schlafstädte mit starkem Bezug zur Stadt waren. Heute entwickeln viele Agglogemeinden eine eigene Identität. Der Gründer der Grünliberalen, Martin Bäumle, selbst jahrelang Exekutivmitglied der Agglomerationsgemeinde Dübendorf, drückte es in einem Interview so aus: «Die Agglomeration ist die perfekte Mischung. Sie hat urbane und ländliche Züge. Wer hier wohnt, versteht beide Räume besser.»

Fortschrittliche Schule

Bevor ich 2010 meine Stelle in der Stadt Biel kündigte, um in Orpund zu unterrichten, war diese Schulgemeinde für mich ein Bauerndorf. Es herrschte ein reges Sozialleben, es gab viele Vereine und eine starke Identifikation mit der Gemeinde. Aber rückständig waren die Menschen beileibe nicht. Orpund wählte beispielsweise schon vor fast 30 Jahren das heute als fortschrittlich geltende integrative Oberstufenmodell. Die Jungunternehmer Lukas Hohl und Marcel Sallin organisierten das lange Zeit erfolgreiche Hip-Hop-Festival «Royal Arena». Als dieses sich als nicht mehr finanzierbar erwies, bettelten die beiden nicht um staatliche Kultursubventionen, sondern gründeten das Lakelive-Festival in Nidau.

«Bevor ich 2010 meine Stelle in der Stadt Biel kündigte, um in Orpund zu unterrichten, war diese Schulgemeinde für mich ein Bauerndorf.»

Die Espace Gastro AG und die «Linde» Orpund stellen jedes Jahr im Dezember auf dem Zentralplatz das Fondue-Chalet auf, wo die urbanen Bieler gerne etwas Landatmosphäre schnuppern. Orpund hat ein stärkeres Bevölkerungswachstum als Biel und zieht übrigens auch viele erfolgreiche Migrantenfamilien an. Man kann das endlos weiterführen. Ich weiss nicht, ob Nidau, das sich gerne Städtchen nennt, nun eine Stadt ist oder zur Agglo gehört. Aber der Widerstand gegen den Museumsneubau kam ausgerechnet vom Querdenker und Finanzchef der Gemeinde, Beat Cattaruzza. Und was die Schulhauspolitik betrifft, hat die Gemeinde Port mit ihrem Mut, ein junges Architekturbüro mit einem Neubau zu beauftragen, Massstäbe gesetzt. Das Primarschulhaus wurde in zahlreichen Architekturpublikationen gelobt und war überdies einiges günstiger als die städtischen Luxusbauten.

Lernen vom Bauern

Die Städter schaffen Parkplätze ab, wählen die Juso in die Parlamente und verlassen sich darauf, dass das Steuergeld der Banken oder über den Finanzausgleich sowieso fliesst. In der Agglo hat es Tempo 30 schwieriger, werden an der Gemeindeversammlung teure Turnhallen abgelehnt und die Bauordnungen flexibler gehandhabt. Amüsant bei all dem urbanen Land-Bashing ist die Tatsache, dass es immer öfter Städter zu den ländlichen Schwingfesten zieht, wo sie einträchtig mit den «Eingeborenen» die «hinterwäldlerische» Atmosphäre geniessen.

Mit meinen Aggloschülern aus Orpund absolvierte ich jeweils in der 9. Klasse ein Arbeitslager im Gental. Ein Bauer zeigte mir einmal die vier grausam vom Wolf gerissenen Schafe, von denen eines noch lange lebte. Er meinte: «Ihr aus der Stadt verlangt von uns immer strengere Schlachtvorschriften und gleichzeitig werden hier unsere Schafe lebendig zerfetzt.»

Meine Schüler nahmen diese Überlegung nach Hause. Sie lieben die Urbanität der Stadt und schätzen das Ländliche rundherum. Das ist die Agglo!

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