Make Europe Cool Again!
Wenn es um Klimaanlagen geht, sollte Europa dringend amerikanischer werden. Nur schon, um seine alternde Bevölkerung zu schützen.
Im September 1989 machte Boris Jelzin, der später der erste russische Präsident werden sollte, eine Reise in die USA. Aus Neugier besuchte er einen ganz normalen Supermarkt, um den Alltag der durchschnittlichen amerikanischen Konsumenten besser zu verstehen. Die Realität, die er dort vorfand, war so erschütternd, dass er glaubte, es handle sich um eine Inszenierung. Die Fülle an Produkten war so gross – und das bei moderaten Preisen –, dass Jelzin ins Wanken geriet. Manche behaupten, das Erlebnis habe Jelzin derart beeindruckt, dass es zu einem wichtigen Faktor für seine Reformagenda geworden sei.
Heute machen viele Europäer eine ähnliche Erfahrung, wenn sie die Vereinigten Staaten besuchen – allerdings in Bezug auf Klimaanlagen. Während in Europa kaum 20 Prozent der Haushalte mit einer Klimaanlage ausgestattet sind, sind es in den USA 90 Prozent. Klimaanlagen sind Mainstream, unabhängig von der sozialen Schicht. Auch in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Freizeiteinrichtungen ist die Luft angenehm temperiert, selbst wenn die Aussentemperaturen Höchstwerte erreichen.
Ein moralischer Skandal
Die Klimaanlage ist der nächste Kandidat für eine Amerikanisierung unseres Alltags. Unter anderem deshalb, weil sich Europa schneller erwärmt als der Rest der Welt und seine alternde Bevölkerung mit Hitzewellen konfrontiert ist, die unnötige Todesopfer fordern. Um zu begreifen, welch moralischer Skandal der politische Widerstand gegen die Verbreitung von Klimaanlagen ist, reicht ein Blick auf die Statistiken. Jedes Jahr fordert die Sommerhitze in Europa mehr Opfer als Schusswaffengewalt in den Vereinigten Staaten. Laut dem «Economist» trägt die Hitze zu etwa 175 000 Todesfällen pro Jahr auf dem Kontinent bei. Trotz des Wohlstands, der es ermöglichen würde, Massnahmen gegen dieses unvermeidliche Schicksal zu finanzieren, weist Europa die weltweit höchste hitzebedingte Sterblichkeitsrate pro Kopf auf.
«Jedes Jahr fordert die Sommerhitze in Europa mehr Opfer als Schusswaffengewalt in den Vereinigten Staaten»
Der Grund dafür ist die politische Abneigung in Europa gegen Klimaanlagen. In vielen Ländern sind sie verboten oder werden so stark reguliert, dass ihre Installation einem Hindernislauf gleicht. So kommt es bei jeder Hitzewelle, auch diesen Sommer, zu einem Ansturm auf weniger effiziente Notlösungen. Das Kaufverhalten der Europäer zeigt, dass die mentale Blockade bald überwunden wird. Nun müssen nur noch die politischen Entscheidungsträger den rechtlichen Rahmen an die neue Realität anpassen.
Sie können sich von der Erfolgsgeschichte Singapurs inspirieren lassen. Für den Staatsgründer Lee Kuan Yew war die Klimaanlage eine der wichtigsten Erfindungen der Geschichte. Sie trug zur raschen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei, da sie es ermöglichte, den ganzen Tag über effizient zu arbeiten. Eine von Lees ersten Entscheidungen war es, Verwaltungsgebäude mit Klimaanlagen auszustatten, um die Produktivität der Beamten zu steigern.
Der grundlegende Trend ist unaufhaltsam. Am Ende wird sich auch Europa mit Klimaanlagen anfreunden. Mit seinem CO2-armen Energiesystem ist es für den Kontinent keine Schande, wenn er sich etwas Abkühlung gönnt. Angesichts der nachlassenden europäischen Produktivität ist die Klimatisierung sogar von strategischer Bedeutung.
Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in «Le Temps».