Der Mensch, das sozialvergleichende Wesen

Strebt der Mensch bloss nach der Maximierung des Eigennutzens? Ist er zutiefst altruistisch veranlagt? Oder schielt er ständig auf das, was er gerne hätte und der Nachbar schon hat? Denken wir den Menschen nicht weltanschaulich. Schauen wir hin, wie er wirklich tickt.

Das Gefüge einer Gesellschaft ist eine hochkomplexe Angelegenheit, und gerade für die Lösung komplexer Probleme sind wir, das belegen zahlreiche ernüchternde Ergebnisse der Psychologie1, nicht hinreichend kognitiv ausgestattet. Schon wenn nur zwei oder drei lineare Variablen berücksichtigt werden müssen, sind wir hoffnungslos überfordert, kommen gar nichtlineare Grössen ins Spiel, verlieren wir vollständig die Ein- und Übersicht. Dessen ungeachtet lassen wir uns gerne einreden, es gebe für alles eine einfache Erklärung und, daraus folgend, auch eine einfache Lösung: Man möge nur die Produktionsmittel vergesellschaften oder die Märkte deregulieren und alles werde gut. Nun ist das ein dreistes Stück, eine komplexe Welt zu einer eindimensionalen schlichtzureden; aber Menschen sind in einem erstaunlichen Ausmass bereit, eine Menge befremdlicher Dinge zu glauben, wenn diese nur mit Heilsversprechungen oder Drohungen, am besten mit einem Gemisch von beidem, verquickt werden.

Wenn wir uns nicht mit monothematischen Rezepten zufriedengeben wollen, schon deshalb nicht, weil bisherige Anwendungen derselben zu nicht wirklich erspriesslichen Ergebnissen geführt haben, woran können wir uns dann orientieren in der Debatte über eine gute oder doch wenigstens ein wenig bessere Gesellschaft? – Wir können davon ausgehen, dass der Mensch von Natur aus ein soziales, also auf Kooperation mit anderen hin angelegtes Wesen ist. Wäre er es nicht, gäbe es keine sozialen Strukturen, nicht einmal die von Charles Darwin vermutete «Urhorde», die später dann Sigmund Freud zu seinen Überlegungen zum Inzesttabu inspiriert hat. Wir können uns also am Leitfaden der sozialen Motivation entlang vortasten, um Einsichten in Menschen zuträgliche und weniger wünschenswerte Verhältnisse zu gewinnen.

Sozialvergleich

Die Fähigkeit zum Sozialvergleich ist schon deshalb notwendig, weil die Bereitschaft, mit anderen zusammenzuarbeiten, das Risiko mit sich bringt, von diesen anderen ausgenutzt und übervorteilt zu werden; denn sie sind ja nicht immer nur Helfer und Unterstützer, sondern gelegentlich auch Konkurrenten, wenn es um die Verteilung begrenzter Ressourcen geht. Um sich da behaupten zu können, haben Menschen ein fein austariertes Gefühl für die Ausgewogenheit von Geben und Nehmen entwickelt. So gilt es in allen bekannten Kulturen als verwerflich, einen Vorteil zu nehmen, ohne eine angemessene Gegenleistung zu erbringen. Was als angemessen gilt, kann dabei erheblich variieren und eventuell auch, wenn es noch keinen allgemein anerkannten Tarif gibt, von Fall zu Fall ausgehandelt werden. Wird dieses grundlegende Bedürfnis nach «Reziprozität» (so der psychologische Fachausdruck) verletzt, reagieren Menschen darauf verärgert, gar zornig, und das unabhängig davon, ob es um eine grosse Sache geht wie den gern zitierten BMW auf Kosten des So­zialamts oder um eine vergleichsweise kleine wie das ständige Schnorren von Zigaretten am Arbeitsplatz. Die meisten Menschen sind durchaus bereit, sich die Befriedigung dieses Bedürfnisses auch etwas kosten zu lassen beziehungsweise auf mögliche Gewinne zu verzichten, um unfaire Mitspieler zu bestrafen2.

Das alles weiss die Sozialpsychologie schon lange und auch, dass der Mensch kein asoziales Individuum ist, dessen einziges Streben auf die Maximierung seines persönlichen Vorteils auf Kosten anderer ausgerichtet ist. Menschen sind bereit, auch die Belange anderer zu berücksichtigen und dabei gegebenenfalls selber zurückzustecken, damit möglichst jeder bekommt, was er in ihren Augen verdient. Das berechtigt aber auch zu der Frage, ob jeder verdient, was er bekommt. So eine Frage ist ja nicht abwegig in einer Gesellschaft, in der die Dinge sich schon so weit auseinanderentwickelt haben, dass Menschen, die acht Stunden am Tag hart arbeiten, mit ihrem Lohn ihre Familien nicht mehr angemessen versorgen können, während der Chef einer Grossbank in einem einzigen Jahr 71 Millionen Schweizer Franken «verdient» hat.

Wer solche Dinge anspricht, wird in der Regel mit dem üblichen Neid-Vorwurf abgespeist. Nun ist das aber kein Sachargument, sondern ein Argument ad personam; denn ob Leute neidisch sind oder nicht, macht eine Sache ja nicht zu einer richtigen oder falschen. Ein solcher Vorwurf dient allein der Diskreditierung des Fragenden und mit ihm zugleich auch der Frage, die dann praktischerweise gar nicht beantwortet werden muss, weil Neid ja, da sind sich doch alle anständigen Menschen einig, eine verwerfliche Sache ist.

Diesem Konsens, wenn er denn bestehen sollte, ist entschieden zu widersprechen. Tatsächlich ist der Neid ein wichtiges so­ziales Gefühl, gewissermassen das notwendige Gegengewicht zu der in Wirtschaftsdingen gelegentlich verschämt, manchmal aber auch ganz unverschämt gepriesenen Gier beziehungsweise dem Gewinnstreben. Wer von denen, die den ersten Wallstreet-Film von Oliver Stone gesehen haben, könnte je den Auftritt von Michael Douglas als Börsen-Tycoon vergessen und sein provokantes «Gier ist gut»? Das war zwar als Sozialkritik gemeint, kam aber bei den jungen Leuten im Moneymaking-Business eher als Inspiration für zukünftiges berufliches Handeln an.

Neid und Gewinnstreben

Um den sozialen Kosmos im Gleichgewicht zu halten, braucht es das so schlichte wie robuste Gegenspiel von Neid und Gewinnstreben. Neid zeigt an, dass ein soziales Ungleichgewicht entstanden ist. Menschen sind nicht bloss neidisch, sie wollen, dass es in der Welt fair und gerecht zugeht; und daran, dass es so zugeht, sind in letzter Zeit, was Salärfragen betrifft, Zweifel entstanden. So etwas sollte man weder ignorieren noch diffamieren; denn wenn Menschen keine Sozialvergleiche anstellten, wenn sie nicht auch neidisch wären, ginge es in unserer Gesellschaft sehr viel weniger gerecht zu und sie wäre wohl auch sehr viel weniger leistungsorientiert.

Wer seinen Nachbarn um ein neues Auto beneidet oder um einen gepflegten Vorgarten, kann dadurch angespornt werden, es ihm gleichzutun. Das muss übrigens das gutnachbarschaftliche Verhältnis nicht trüben; denn dass ich auch haben möchte, was er schon hat, heisst ja nicht, dass ich ihm nicht gönne, was er hat. Ich möchte auf dieselbe Stufe zu ihm hinauf, nicht ihn von dort zu mir herunterziehen. Der Sozialvergleich führt, wenn es gut geht, zu einer gesunden Rivalität, zu der Konkurrenz, die das Geschäft belebt und doch gegenseitigen Respekt nicht ausschliesst. Eine Gesellschaft ohne Neid wäre eine lethargische Gesellschaft, in der man sich schnell, vielleicht zu schnell, mit allem und jedem begnügt.

Freilich gibt es auch die Missgunst, die dem anderen nicht gönnt, was er hat, nicht einmal dann, wenn er es durch Arbeit und Sparsamkeit verdient hat. Das ist die pathologische Form des Neides, so wie die Gier die pathologische Form des Gewinnstrebens ist. Wenn Neid und Gewinnstreben das Salz in der sozialen Suppe sind, sind Missgunst und Gier ein schleichendes Gift. Sie schaden gleichermassen den davon Infizierten und der Gemeinschaft.

Was den Menschen aber noch mehr gemeinschaftstauglich macht als das kritische Beäugen der Besserweggekommenen, ist die Bereitschaft, auch nach denen zu schauen, die es weniger gut getroffen haben. Empathie und Sozialvergleich sorgen dafür, dass wir nicht nur von Neid und Gewinnstreben bewegt werden, sondern auch von Mitleid und Hilfsbereitschaft, und das unabhängig davon, ob wir selber zum Unglück der anderen beigetragen haben oder ob wir mit den Betroffenen persönlich verbunden sind. Mitleid und Hilfsbereitschaft sind spontan und universell und fragen nicht: Was geht mich das an? Dass wir solche Impulse haben, macht Sinn; denn jeder kann einmal in die Lage kommen, auf die Hilfe Fremder angewiesen zu sein. Die prosoziale Motivation (so der psychologische Fachausdruck) ist gewissermassen eine naturgegebene Vorform der in entwickelten Zivilgesellschaften institutionalisierten Sozialversicherungen.

Dass wir auf Dauer nicht allein dem Lustprinzip folgen können, ist nicht Ergebnis einer Einsicht oder rationaler Überlegungen. Zu solchen wäre das Kleinkind auch gar nicht in der Lage. Die Anteilnahme am Unglück anderer und die daraus resultierende spontane Hilfsbereitschaft, die bei Kindern ab dem dritten oder vierten Lebensjahr zu beobachten sind, verdanken sich vielmehr der erwachenden Fähigkeit zur Empathie. Es ist nicht die Vernunft, die uns zu sozialen Wesen macht, es ist das Gefühl. Das zeigen Erfahrungen mit Psychopathen und Hirnverletzten: Wer nie Gefühle gehabt hat oder wem das Fühlen abhanden gekommen ist, dem verhilft nicht einmal eine überdurchschnittliche Intelligenz dazu, in der Gemeinschaft mit anderen zu bestehen3.

Als sozial wünschenswert gilt der Sozialvergleich freilich nur dann, wenn er dazu führt, ein unverdientes Unglück anderer nicht zu ignorieren. Noch edler ist es, sich auch derer anzunehmen, die ihre Leiden teilweise oder vielleicht sogar ganz selber verschuldet haben. In Frage gestellt wird der Sozialvergleich jedoch schnell, wenn er dazu führt, auch die Vorteile oder Privilegien anderer dar­aufhin zu befragen, wie verdient oder vielleicht eben gerade nicht verdient sie sind. Wer solche Fragen stellt, wird geradezu reflexartig in die Ecke der bloss Neidischen gestellt und mit der wohlfeilen Gegenfrage «Was geht dich das an?» ausgekontert. Aber wenn niemand bezweifelt, dass mich das Elend der Erdbebenopfer in der Karibik etwas angeht, wenn niemand mich davon abzuhalten versucht, da hinzuschauen und zu helfen, warum soll ich dann wegschauen müssen, wenn jemand 71 Millionen Franken erhält, und nicht fragen dürfen, wofür er sie bekommt? Der Mensch lässt sich nicht davon abhalten, Sozialvergleiche anzustellen, nach «unten» und nach «oben». Wer Mitleid will, muss auch den Neid akzeptieren; denn beide stammen aus derselben Quelle, dem Sozialvergleich; und dieser ist es, der den Menschen zum sozialen Wesen macht. Als soziales Wesen aber fühlt sich der Mensch in einer real existierenden Gesellschaftsordnung nur dann gut aufgehoben, wenn er daran glauben kann, dass die Dinge fair und gerecht geregelt sind. Eine gute Gesellschaftsordnung kann daher nur entstehen, wenn der Mensch zum Mass aller Dinge genommen wird, und zwar der Mensch, wie er tatsächlich ist, und nicht, wie er irgendwelchen ideologischen Konzepten gemäss zu sein hat.

Wider die Weltanschauungen

Das sehen jene anders, die sich auf Weltanschauungen berufen. Es gehört geradezu zu den sie definierenden Merkmalen, fern der Empirie einen absoluten Wahrheitsanspruch zu stellen. Das berüchtigte Hegelsche «umso schlimmer für die Wirklichkeit» bringt das in (unfreiwilliger?) Selbstironie perfekt auf den Punkt. Wenn der Mensch und die Ideologie nicht zusammenpassen, hat sich gefälligst der Mensch zu ändern, hat zum «neuen Menschen» zu mutieren, der seit den Tagen des Neuen Testaments bis hin zu denen des Kommunistischen Manifests immer wieder verkündet und gefordert worden ist. Da sich dieser aber partout nicht zeigen will, allem moralischen Druck und selbst physischer Gewalt zum Trotz, wäre es vielleicht eine gute Idee, sich wieder einmal mehr um die Wirklichkeit zu kümmern, um den real existierenden Menschen, der Mitleid hat, aber auch Neid empfindet, der Sicherheit sucht, aber auch nach Autonomie strebt. Statt uns selber mit verzerrten normativen Wunschbildern zu konfrontieren, täten wir besser daran, das Wissen der empirischen Psychologie über den Menschen als soziales Wesen zu beherzigen. Denn nur wenn wir lernen, uns so zu nehmen, wie wir nun einmal sind, haben wir Aussichten, in einer uns gemässen Art und Weise zu leben – zusammen mit anderen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»