Der strebende Optimist

Die Schuld am eigenen Versagen abstrakten Systemen zu geben, ist menschlich.
Aber ist der Kapitalismus überhaupt ein System? Und stimmt es, dass er so ungeeignet ist, soziale Zwecke zu erfüllen?

Ich beginne mit einer Prämisse: Unsere Positionsbezüge und Überzeugungen, kurz, unsere Urteile gründen allzu oft auf banalen Glaubenssätzen, auf Vorurteilen, die keiner kritischen Analyse standhalten.

Nach einer weitverbreiteten Meinung ist «der» Kapitalismus asozial, ein Feind des Gemeinsinns, während «der» Sozialismus per definitionem sozial ist. Woraus natürlich folgt: der real existierende Sozialismus war nur deshalb menschenverachtend, weil er gar kein echter Sozialismus, d.h. eine falsche Umsetzung der sozialistischen Idee war.

Sogar jene Leute, die Sympathien gegenüber einer gesellschaftlichen Ordnung hegen, die auf Privateigentum und freier Marktwirtschaft beruht, nennen sie mangelhaft, da sie angeblich nicht für die Lösung der sozialen Probleme tauge (darum die deutsche Erfindung der Ordoliberalen: «soziale Marktwirtschaft»). Man verzeiht dem Kapitalismus gemeinhin nichts, weil er sich nicht mit sozialen Zwecksetzungen brüstet, während man dem Sozialismus alles verzeiht, weil seine Irrtümer die Konsequenz des Wunsches sind, soziale Zwecke zu erreichen und Gutes zu tun.

Und der Mensch?

Zu diesem oberflächlichen Urteil kommt, wer sich sozusagen in vitro mit den jeweiligen Weltanschauungen befasst – Kapitalismus gilt dann als Ordnung, die dazu dient, Reichtum zu schaffen, der Sozialismus als Überbau für eine egalitäre Gesellschaft. Dabei geht freilich der gemeinsame Akteur vergessen: der Mensch. Der Mensch, gleichgültig ob Kapitalist oder Sozialist, ist und bleibt eine Mischung aus unversöhnlichen Gegensätzen. Egoistisch und grossmütig zugleich, geldgierig, unzuverlässig und schwach, aber gleichzeitig zu grossen Kraftakten fähig, weitsichtig und vorausdenkend, aber auch engstirnig, einerseits neidisch, anderseits sensibel und solidarisch. Die Auflistung der Mängel und Tugenden könnte ewig lang weitergeführt werden. So ist er eben, der Mensch: von allem ein bisschen, ein widersprüchliches Wesen. Kant hat es treffend formuliert: Der Mensch ist aus «krummem Holz geschnitzt» – und daraus lässt sich nun mal «nichts Gerades zimmern».

Man könnte also sagen: Der Mensch gibt abstrakten Systemen und Ideologien die Schuld für Irrtümer und Pleiten, die nichts anderes sind als Ausdruck seiner Menschlichkeit und Fehlbarkeit, Ausdruck seiner Hoffnungen, Wünsche, Grenzen und Mängel. Er lässt sich vom Wunsch verführen, sich als besser darzustellen, als er tatsächlich ist, schwelgt in sozialistischen Phantasien – um dann ein ums andere Mal aufzuwachen und das real existierende Desaster kleinzureden.

Ein Optimist ist, recht bedacht, wer den Menschen nimmt, wie er ist – schliesslich hat er ja in den letzten paar tausend Jahren Ausserordentliches geleistet. Ein Pessimist hingegen ist, wer von einem idealen und neuen Menschen träumt – er ist mit sich selbst nicht zufrieden.

Diese Unterscheidung wird von Matt Ridley aufgegriffen, einem der interessanten Intellektuellen der Gegenwart. Er spricht vom «rationalen Optimisten»1. Was ist es, das uns bisher ein gutes Leben beschert hat? Es ist die sozialste praktische Entdeckung überhaupt: der freiwillige Tausch von Ideen. Dieser Tausch, das zeigt Ridley überzeugend, ist die Basis der kulturellen Evolution aller menschlichen Gesellschaften, also die Grundlage für Fortschritt und Wohlstand.

Die rationalen Optimisten sind überzeugte Anhänger dessen, was der Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek die «spontane Ordnung» der Gesellschaft nannte – eine Ordnung, die von Menschen geschaffen, aber nicht von Menschen geplant wurde. Der Erfolg verdankt sich vielmehr dem Verfahren des «trial and error», von Versuch und Irrtum, und nur wer Risiko nicht als Bestandteil des Fortschrittes akzeptiert, kann auf die Idee verfallen, die ideale Gesellschafts- und Wirtschaftsform am Reissbrett zu entwerfen. Die Optimisten blicken ebenso bescheiden wie stolz auf die unglaublichen technischen und materiellen Fortschritte, die die Menschheit erreicht hat. Sie wissen, dass die Natur keine Sprünge macht, und vergessen die Hunderten von Millionen Menschen nicht, die auch heute noch unter unwürdigen Bedingungen leben, unterernährt sind oder aufgrund von hygienisch unzulänglichen Zuständen zu einem frühen Tod verurteilt sind. Dies ist die andere Seite der Medaille. Doch der Anteil von Menschen, die noch nicht die Früchte des Wohlstands geniessen, schrumpft dank des allgemeinen Fortschritts ständig. Es ist allein der technische, auf dem Tausch beruhende Fortschritt, der die Menschen aus ihrer nicht selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit – und nicht die grossen, aber hohlen Gesellschaftsentwürfe von Menschen, die ihre intellektuellen Fähigkeiten überschätzen.

Die Pessimisten hingegen sind jene, die sogar die erzielten Fortschritte als schädlich für die ökologische und klimatische Zukunft der Welt betrachten. Sie sehen im Fortschritt das Ergebnis der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen; sie sehnen sich entweder nach einem als glücklich vorgestellten Urzustand oder nach mehr Umverteilung. Damit stellen sie sich nolens volens gegen all jene, die daran sind, sich aus der Armut mit persönlicher Anstrengung hinauszukämpfen. Denn was wollen diese? Das, was wir auch wollen bzw. einmal wollten: Freiheit, Gesundheit, Wohlstand, ein langes, gutes Leben.

Die Pessimisten, misstrauisch gegenüber der menschlichen Natur, fordern den Einsatz von Macht, um mit Reglementen, Planungen, Vorschriften und Gesetzen die (kleinen und grossen) Probleme der Menschheit zu lösen. Sie glauben an die grosse Politik, die per Knopfdruck funktioniert. Folgerichtig fordern sie Milliarden, mit denen den Armen geholfen werden soll, sie verlangen nach neuen Bürokraten, die die Geldflüsse überwachen – kurz, sie wollen der Privatwirtschaft Geld wegnehmen in der Illusion, dass dieses Geld und hehre Pläne genügen, um Armut zu beseitigen und Probleme zu lösen. Der verstorbene Volkswirtschafter Lord Bauer hat die Zahlungen der Weltbank in unterentwickelten Ländern als ein System bezeichnet, um Geld von den Armen der reichen Länder zu nehmen, und es den Reichen (und oft Korrupten) der armen Länder zu geben. So ist es. Leider.

China hat sich nach dem 15. Jahrhundert wirtschaftlich und gesellschaftlich kaum mehr entwickelt. Warum? Wegen des Erlasses des Kaisers, die Meeresschifffahrt zu verbieten, und wegen des Wucherns einer hochqualifizierten Bürokratie, die die Eigeninitiative der Chinesen langsam, aber sicher erstickte. Das am weitesten entwickelte Land wurde zu einem armen Land – wie auch später wieder, als Mao es konsequent verarmen liess. Daraus könnte man, guten Willen vorausgesetzt, einiges lernen.

Der kapitalistische Optimismus steht hinter viel mehr Handlungen, die die Menschheit vorwärtsbringen, als der sich erhaben dünkende Dirigismus oder Pessimismus, die Freiheit und Spontaneität unterbinden. Aber vor allem: er verfügt über einen umfassenderen und darum relevanteren Begriff des Sozialen als der moderne Etatismus. Sozial ist nicht bloss das Engagement im Rahmen von Fürsorgeinterventionen im Gesundheitswesen, in der Arbeitswelt oder im Bildungsbereich. Sozial ist alles, was mit Interaktion unter Menschen zu tun hat; dazu gehört zweifellos auch die Organisationsform eines Staats, aber eben auch jede Form des Tauschs und Austauschs von Gefühlen, Ideen, Waren und Diensten. Wer diese Sphäre ausblendet, macht den Menschen ärmer, als er tatsächlich ist.

Die Beweise

Die Argumente und empirischen Beweise, die belegen, dass der Kapitalismus auch sozial ist, sind Legion. Ich möchte einige erwähnen, die mir wesentlich scheinen.

– Eine auf Handel basierende Gesellschaft besteht aus freiwilligen, einvernehmlichen und aus freien Stücken akzeptierten
sozialen Beziehungen; aus gegenseitigem Vertrauen und der Bereitschaft zu interagieren; aus dem Einhalten des gegebenen Wortes, dem Respekt gegenüber dem Individuum und der Beachtung von Verträgen (soziale Regeln) – ohne all dies ist ein richtig verstandener Kapitalismus nicht einmal denkbar.

– Ein Handelssystem, Verträge und Wechselwirkungen sind nur möglich dank einer freiheitlichen Ordnung. Im real existierenden Etatismus behindern ausufernde Gesetzgebungen die Privatinitiative und folglich die freiwilligen Tauschbeziehungen, die einen unverzichtbaren Teil jeder sozialen Gesellschaft darstellen.

– Die Fähigkeit, Ressourcen per Zwang umzuverteilen, um angeblich die schwächeren Klassen zu unterstützen, wird in Europa unkritisch als Ausdruck sozialen Engagements betrachtet. Effektiv führt eine staatliche bzw. parastaatliche Macht, die zudem ständig wächst, zu einer Gesellschaft voller Spannungen und Streitigkeiten – ganz abgesehen davon, dass die wirklich Schwachen oft kaum in den Genuss der Leistungen kommen. Jeder Sozialstaat erzeugt «Gewinner» und «Verlierer». Erstere sind die, die mehr erhalten, als sie geben, während letztere mehr geben, als sie erhalten. Nicht immer entsprechen diese Verhältnisse dem Unterschied zwischen jenen, die genug zum Leben haben, und jenen, die darben.

– Die Bindung zwischen sozialem Verhalten und der Institution des Markts ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Eine lange Reihe von Autoren (von Benjamin Constant zu Richard Cobden und von Frédéric Bastiat zu Herbert Spencer) hat die Beziehung zwischen Freihandel und Frieden überzeugend erläutert. Und die Geschichte zeigt, dass Protektionismus und politische Interventionen in der Wirtschaft oft die Vorbereitung von Kriegen darstellen. Man kann darum mit Recht sagen: Je offener die Grenzen für Handel sind, desto sozialer ist die Gesellschaft.

– Der jährliche Doing-Business-Index der Weltbank klassifiziert die Länder nach der Einfachheit bzw. Schwierigkeit, eine Unternehmung zu gründen bzw. zu führen. Tschad oder Kongo rangieren auf den letzten Plätzen. Dies nicht nur darum, weil es notwendig ist, die Zustimmung unzähliger Behörden zu bekommen, notfalls auch unter Zuhilfenahme des Gleitmittels Geld. Vielmehr sehen sich Unternehmer mit einer zerrütteten Zivilordnung konfrontiert. Eigentum wird nicht respektiert, Verträge haben keinerlei Verbindlichkeit. Wo der Markt in seinen fundamentalen Pfeilern durch den Rechtsstaat nicht gestützt wird, sprechen die Behörden nach Massgabe ihrer eigenen Vorteile Recht. Es herrschen Willkür und Bürokratie, kurz, das Leben wird unvorhersehbar und gleicht mehr einem täglichen Überlebenskampf als einem auf Langfristigkeit angelegten Unternehmen. Rechtssicherheit ist, anders gesagt, Ausdruck einer sozialen Umwelt. Es erstaunt darum nicht, dass Singapur, Hongkong, Neuseeland sowie die Vereinigten Staaten, die marktorientiert, also rechtsstaatlich, agieren, sich an erster Stelle dieser Klassifikation befinden.

– Die Geschichte zeigt, dass der Markt (dank Tausch, wirtschaftlicher Integration, der Mobilisierung der Kräfte der einzelnen, einer dynamischen Arbeitsteilung) Reichtum und Wohlstand zu vervielfachen vermag. Eine reichere Gesellschaft kann sich auch erlauben, unter jedem Gesichtspunkt sozialer zu sein. Wenn ein Land entwickelt und reich ist, profitieren alle davon, auch und gerade die sogenannten Modernitätsverlierer, also jene, die nicht können (zu unterscheiden von jenen, die nicht wollen). Ihnen kann geholfen werden, sowohl von staatlicher Seite als auch durch private Philanthropie. Der Kapitalismus stellt mithin das beste Instrument dar, um Reichtum zu schaffen und Armut zu besiegen. Eine eminente soziale Leistung. Ein mächtiges Instrument für die Verteilung der Ressourcen.

– Der Kapitalismus ist strukturell sozial, weil er jene belohnt, die durch ihre Arbeit, ihre Produkte, ihre Dienstleistungen andere Menschen – Kunden – zufriedenstellen. Jeder hat die Chance, sich zu bewähren, oder anders gesagt: es gibt keine Garantie, die einmal erreichte Stellung zu bewahren – ausser jener, sich weiter an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren und sie zu befriedigen. Der Markt ist nichts anderes als das tägliche Plebiszit der Konsumenten, die frei nach ihren Vorstellungen entscheiden, was sie kaufen – und was nicht. Der Markt ist gelebte Demokratie.

– Die Arbeiter haben im 19. Jahrhundert zweifellos unter harten Umständen gelebt, aber dank wachsendem Reichtum effiziente und solidarische Organisationen ins Leben gerufen, um für den Lebensabend vorzusorgen. Als die britische Regierung mit dem National Insurance Act im Jahre 1911 die obligatorische Versicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit für 12 Millionen Arbeiter und Angestellte einführte, waren bereits 9 Millionen in freiwilligen Organisationen mit Versicherungscharakter (Vereinigungen für gegenseitige Hilfeleistung) engagiert. Doch nach und nach monopolisierte der Staat die Sozialfürsorge und verdrängte private Initiative. Otto von Bismarck, übrigens kein Liberaler, auch kein Kapitalist, sondern ein Nationalist, hat die Idee des Wohlfahrtsstaates in Deutschland aus rein politischen Zielen und Zwecken ins Leben gerufen, um die Sozialisten zu bekämpfen und eine immer weitere Nationalisierung der Gesellschaft zu erreichen. Als Folge davon verlor die Gesellschaft allmählich nicht nur die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und zu regieren, sondern verzichtete auch darauf, sich um die Schwächeren zu kümmern. Wenn ein Arbeiter mehr als 50 Prozent seines Einkommens an den Staat abzugeben hat, wie dies heute in Europa gang und gäbe ist (direkte Steuern, indirekte Steuern und Zwangsabgaben), bleiben ihm selbstverständlich keine Ressourcen, um für sich selbst vorzusorgen, von der Hilfe für andere Menschen ganz zu schweigen.

– Alexis de Tocqueville wies in seinem Buch über die Demokratie in den Vereinigten Staaten von Amerika mit Nachdruck bereits vor über 150 Jahren darauf hin, dass in der amerikanischen Gesellschaft eine enge Beziehung bestehe zwischen der Dynamik unternehmerischen Handelns und dem Willen, sich um den nächsten zu kümmern und philanthropische Gesellschaften zu gründen. Noch heute bringen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 50 Prozent aller Gelder für philanthropische Zwecke auf. Der Zentralstaat tut gut daran, zivilgesellschaftliches Engagement, also lokale Gemeinschaften, Wohltätigkeitsvereine, Stiftungen und Gesellschaften gegenseitiger Hilfeleistungen, wirken zu lassen, zu belohnen; tut er dies nicht, beraubt er sie ihres Sinns, indem er sich als Monopolisten sozialen Engagements sieht, der den Bürgern Antrieb und das Verantwortlichkeitsgefühl abnimmt. 

Verhängnisvoller Erfolg

Den Kapitalismus als asozial zu brandmarken, wie dies in Europa heute der gängigen Mode entspricht, ist schlicht unverantwortlich. Keine Frage – der Kapitalismus fordert den einzelnen, er lässt Fehler und Irrtümer zu, er ebnet die materiellen Ungleichheiten nicht direkt ein, sondern kann sie sogar verstärken. Aber er setzt die besten Kräfte im einzelnen frei, er belohnt die Orientierung an den Mitmenschen, er korrigiert Fehler, bevor sie zu gross werden, er gibt jedem die Chance, sein Glück zu versuchen, und er schafft Wohlstand und bringt Armut langsam, aber sicher zum Verschwinden. Die Fähigkeit des Kapitalismus, Güter und Dienstleistungen günstig und in hoher Qualität zu produzieren, ist legendär – so legendär, dass wir sie zuweilen kaum mehr wahrnehmen. Wer heute im Westen als arm betrachtet wird (nach dem gängigen relationalen Armutsbegriff), verfügt über einen Komfort, der vor nicht allzu langer Zeit den Königen vorbehalten war.

Wenn wir uns heute viel darauf einbilden, den Kapitalismus aus der Warte wohlstandsverwöhnter Europäer zu kritisieren, dann ist dies seinem Erfolg zu verdanken. Es ist paradox, aber wahr: Es geht uns so gut, dass wir uns diese Kritik leisten können. Die kapitalistische Erfolgs- und Wohlstandsmaschine aber vor diesem Hintergrund den ärmeren bzw. aufstrebenden Ländern vorenthalten zu wollen, ist reiner Zynismus. Ich bin mir ziemlich sicher: Sollte es uns eines Tages weniger gut gehen als heute, wird die Kritik am Kapitalismus wieder verstummen. Dann können wir uns diesen Luxus schlicht nicht mehr erlauben.

Der Kapitalismus ist also asozial? Das ist nichts anderes als ein durch die Realität überholtes Vorurteil.

 


 

1 Matt Ridley: Wenn Ideen 

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»