Der bürgerliche Staatsfeind
Murray Rothbard, der vor 100 Jahren geboren wurde, war einer der wichtigsten intellektuellen Wegbereiter des Anarchokapitalismus. Er hat Javier Milei stark inspiriert – bis hin zum Namen eines seiner Hunde.
Es gibt Leute, die meinen noch immer, Anarchisten seien linke Outlaws, die lange Haare tragen und Bomben werfen. Die kennen Murray Rothbard nicht, überzeugter Kapitalist mit bürgerlich kurzgeschnittenem Haar, beseelt von einer gewaltlos friedlichen Welt und Anarchist in einer Konsequenz, wie sie nur selten anzutreffen ist, jedenfalls nicht bei Linken.
Murray Rothbard wurde vor 100 Jahren, am 2. März 1926, in New York geboren, als Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen. An der Columbia University studierte er Mathematik sowie Volkswirtschaft und lehrte später selbst an Universitäten in New York und während vieler Jahre in Nevada. Er verstarb 1995 und hinterliess ein umfangreiches wissenschaftliches Werk von erstaunlicher fachlicher Breite, wissenschaftlicher Innovation und politischer Brisanz.
Eigentumsrechte als Schlüssel zur Anarchie
Ausgehend von klassisch liberalen Ansätzen der Österreichischen Schule, entwickelt Rothbard schon bald einen Ansatz, der den Staat nicht nur zurückdämmen und einschränken soll, sondern ihm insgesamt jede Legitimität abspricht. Obwohl von der Ausbildung her Ökonom und von daher vertraut mit schädlichen Effekten staatlicher Wirtschaftsintervention, gründet Rothbards Ansatz vor allem in Kernelementen des Rechts, konkret in naturrechtlich hergeleiteten Eigentumsrechten des Individuums. Von der Respektierung dieser Grundrechte hängt ab, ob eine Gesellschaftsform legitim ist oder nicht. Legitim ist sie dann, wenn sie den Eigentumsrechten der einzelnen Menschen an ihrem eigenen Körper und davon ausgehend an dem, was sie erarbeiten oder mit dem Erarbeiteten erwerben, grundsätzlich Vorrang gibt.
Beim Staat, so Rothbard, ist dies nicht der Fall, und zwar nicht bloss als Unzulänglichkeit, wie sie auch bei anderen starken und machtbewussten Akteuren festzustellen ist, sondern definitionsgemäss. Der Staat zeichnet sich dadurch aus, dass es bei ihm im Gegensatz zu allen anderen Akteuren nicht illegal ist, in die Grundrechte der Menschen einzugreifen; er darf sie besteuern, er darf sie zum Dienst am Gemeinwesen zwingen und darf ihnen verbieten, sich selbst zu verteidigen. Dem stellt Rothbard konsequenterweise eine Gesellschaft ohne Staat – Anarchie eben – gegenüber. In einem kurzen, schnörkellos formulierten Aufsatz «Society without a State» aus dem Jahr 1975 liest sich das so:
«Ich definiere eine anarchistische Gesellschaft als eine Gesellschaft, in der es keine legale Möglichkeit gibt, aggressiven Zwang gegen die Person oder das Eigentum von Individuen auszuüben. Anarchisten lehnen den Staat ab, weil sein Wesen genau in solch aggressivem Zwang liegt, namentlich in der Enteignung von Privateigentum durch Besteuerung, dem zwangsweisen Ausschluss anderer Anbieter von Verteidigungsdienstleistungen aus seinem Territorium oder all den anderen Übergriffen und Zwangsmassnahmen, die auf den beiden Schwerpunkten der Verletzung individueller Rechte – Person und Eigentum – beruhen.»
Stabsübergabe vom Liberalismus zum Libertarismus
Bestimmenden Einfluss auf Rothbard hatte Ludwig von Mises, der wohl profilierteste Vertreter jener frühen Phase der österreichischen Nationalökonomie. Von jüdischer Abstammung auch er, wanderte er 1940 in die USA aus, wo der noch junge Rothbard schon bald zu seinem engsten wissenschaftlichen Partner wurde. Von Mises hatte sich selbst nie explizit für Anarchismus ausgesprochen, kam diesem aber inhaltlich durchaus nahe: Er hatte nur deshalb gezögert, dem einzelnen Bürger ein freies Sezessionsrecht aus dem Staatsverband zuzubilligen, weil dies aus verwaltungstechnischen Gründen nicht möglich sei.
Es war dann Rothbard, der genau diese Verwaltungstechnik und viele andere staatliche Selbstverständlichkeiten als illegitime Verletzung fundamentaler Eigentumsrechte erkannte. Dieses Zusammenwirken zwischen von Mises und Rothbard war so etwas wie eine Stabsübergabe von klassischem Liberalismus zu anarchistischem «Libertarismus» – Letzteres übrigens ein Begriff, der in jener Zeit in den USA aufkam zur Abgrenzung gegenüber «Liberals», einem Sammellabel, mit dem sich nicht zuletzt auch kollektivistische Linke schmückten. Und weil auch das Label «Anarchismus» von gewissen linken Kreisen beansprucht wurde, und dies in aller Regel zu Unrecht, legte Rothbard von Anfang an Wert darauf, den von ihm vertretenen Anarchismus «kapitalistisch» zu nennen.
Der Rothbard’sche Anarchokapitalismus war kein Strohfeuer, das nach seinem Tod wieder erloschen wäre. Einen Flächenbrand hat er zwar auch noch nicht ausgelöst, doch das Feuer brennt nach wie vor, seit Corona wieder mehr als auch schon. Hans Hermann Hoppe, ein Schüler Rothbards, hat dessen Ansätze weiterentwickelt, in einiger Hinsicht noch geschärft und vertritt sie seither ebenso streitbar und fundiert, wie sein Lehrer dies getan hatte. Auch dank anderen Interessierten, Gruppierungen, Organisationen und Konferenzen erfreut sich der Rothbard’sche Anarchokapitalismus mehr als 30 Jahre nach Rothbards Tod einer bemerkenswerten Bekanntheit und mitunter begeisterter Anhängerschaft jenseits und diesseits des Atlantiks.
«Der Rothbard’sche Anarchokapitalismus war kein Strohfeuer, das nach seinem Tod wieder erloschen wäre. Einen Flächenbrand hat er zwar auch noch nicht ausgelöst, doch das Feuer brennt nach wie vor.»
Inspiration für Milei
Ins globale Rampenlicht rückte Rothbard jüngst im Zuge von Javier Mileis Aufstieg zum Staatspräsidenten Argentiniens. Milei schwang nicht nur handfest seine Kettensäge, sondern focht auch mit ökonomischen Argumenten, für die er sich auf von Mises, Rothbard und Hoppe bezog. Einem seiner Hunde gab er den Namen Murray.
Das ist womöglich zu anekdotisch, um der Ernsthaftigkeit Rothbards gerecht zu werden. Nicht zuletzt deshalb ist es in anarcholibertären Kreisen zur Kontroverse gekommen, ob sich Rothbard, würde er noch leben, über das Programm Mileis ärgern oder freuen würde. Es ist wohl noch zu früh für eine abschliessende Beurteilung. Doch eines ist sicher: Lässt sich Milei bei seiner Arbeit von dem leiten, was Murray Rothbard ihm raten würde, so darf sich Argentinien freuen.