«Das Fiat-Geldsystem hält noch einmal 50 Jahre»
Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann gibt an der Vernissage des neuen «Q» zum Thema Schulden Entwarnung: Ein Kollaps des Geldsystems stehe nicht bevor.
Beim Thema Schulden kann man leicht in eine depressive Stimmung verfallen. In immer mehr Ländern türmen sich immer höhere Schuldenberge. Wie lange kann das noch gut gehen? Stehen wir vor einem grossen Crash, einem Systemwechsel gar? Diese und andere Fragen beantwortete der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann am Dienstag in Zürich anlässlich der Vernissage des neusten «Q» zu diesem brandaktuellen Thema. Für viele der rund 80 Teilnehmer überraschend: der trotz Bedenken grundsätzlich entwarnende, positive Grundton seiner Ausführungen. Alarmismus klingt definitiv anders.
Straumann, der gemäss Selbstdeklaration keine Schulden hat («nicht einmal eine Hypo»), verweist darauf, wie gut das Fiat-Geldsystem doch eigentlich funktioniert habe und immer noch funktioniere. Das System sei recht stabil, woran auch gelegentliche Börsencrashs nichts ändern würden. Es gebe keine Hyperinflation und ein Streik der Anlagemärkte sei sehr selten. «Kurzfristig ist alles OK. Wir stehen nicht mit dem Rücken zur Wand», meint Straumann. Er jedenfalls habe keine ausgeprägte Sehnsucht nach einem Systemwechsel.
Unflexibler Bitcoin
«Was mir jedoch Sorgen macht, ist der Trend zu immer mehr Schulden und die fehlende Bereitschaft der Politik, einige Stellschrauben anzupassen.» Straumann ist dennoch optimistisch, dass viele Länder noch die Kurve kriegen werden, so wie das Deutschland mit Gerhard Schröders Agenda 2010 geschafft habe. Einen unmittelbar bevorstehenden Systemkollaps kann Straumann jedenfalls nicht erkennen. Im Gegenteil: «Das Fiat-Geldsystem hält noch einmal 50 Jahre», ist er überzeugt.
Und mit Blick auf Europa: «Ich erwarte schon, dass die Europäische Zentralbank noch ein paar Mal einspringen wird.» Durch die Übernahme des Euro haben die Länder ihre monetäre Souveränität aufgegeben, was insgesamt nicht zur Stabilität beitrage. Die Euro-Länder wirtschafteten eigentlich in einer «fremden Währung» und könnten nicht mehr abwerten. «Auch deshalb darf die Schweizerische Nationalbank den Franken keinesfalls aufgeben», mahnt der Bargeldliebhaber Straumann.
Problematisch sieht Straumann die Rolle von Finanzinstituten, die in ihrer Tendenz Konjunkturzyklen eher verstärken als glätten. Will heissen: Bei gutem Konjunkturverlauf wird Kreditnehmern das Schuldenmachen leicht gemacht. In wirtschaftlichen Krisenzeiten hingegen, wenn es eigentlich mehr Schulden und Investitionen zur Stimulierung der Wirtschaft bräuchte, treten Finanzinstitute auf die Bremse. Trotz dieser Kritik sieht Straumann in der Flexibilität einen grossen Systemvorteil. «Bitcoin als unflexibles System kann das nicht.»
Keine Liberalen in Frankreich
Der US-Dollar ist für Straumann trotz Problemen als globale Leitwährung weiterhin alternativlos. Weder der Euro («Bedeutung stagniert») noch der chinesische Renminbi («Finanzmarkt wird nie offen sein») taugen in vergleichbarer Weise als Reservewährung. Daran könne auch der Staatenbund BRICS nichts ändern. Dieser «bunte Haufen» sei ein taktisches Konstrukt, das in der Geopolitik durchaus Bedeutung erlangen könne, aber nicht, wenn es wie beabsichtigt darum gehe, das Zeitalter der Dollar-Vorherrschaft zu beenden.
Entspannt blickt Straumann nach Japan. Das Land sei sehr sicher, und man müsse sich trotz der rekordhohen Staatsschulden keine Sorgen machen. Denn der Verschuldung von 250 Prozent der Wirtschaftsleistung stünden auch erhebliche Guthaben gegenüber. «Wenn man die gegenrechnet, bleibt noch eine Nettoverschuldung von 70 bis 80 Prozent», sagt Straumann. Frankreich sieht Straumann hingegen kritischer. Die Zinszahlungen beanspruchen einen immer grösseren Teil der Regierungsausgaben, was die Anleger mit zunehmender Skepsis und höheren Zinsen quittieren. Auch gebe es in Frankreich keine Liberalen. Dies etwa im Gegensatz zu den USA, wo es durchaus prominente Strömungen gebe, die den Staat und seine Ausgaben zurückdrängen wollten.
In Amerika sieht Straumann ein strukturelles Problem. Das Land gibt mittlerweile mehr Geld für Schuldzinsen als für Verteidigung aus. «Doch in Amerika besteht die durchaus berechtigte Hoffnung, die Schulden durch Wirtschaftswachstum, Produktivitätsfortschritte und Inflation runterzubringen.»
Grund zu Optimismus gibt dem Historiker auch ein Blick in die Geschichte. So seien im British Empire nach den Napoleonischen Kriegen wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Schulden auf rund 260 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angestiegen. In beiden Fällen habe Grossbritannien die Schulden wieder runtergekriegt. «Es ist also möglich», sagt Straumann.
Die Vernissage war der letzte Anlass des abtretenden Chefredaktors Ronnie Grob. Er verabschiedet sich mit einer Geschenkidee: «Schenken Sie zu Weihnachten eine Mitgliedschaft beim Schweizer Monat. Kostet 180 Franken und macht ganz sicher viel Freude.» (Fabian Gull)