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(10) Das «Häämetli» als Urzelle der Gemeinschaft

Während es andernorts zu zünftisch und gewerkschaftlich immer stärker regulierten und damit krisenanfälligeren Formen der Arbeitsteilung kam, haben sich die nonzentralen Strukturen des Appenzellerlandes als erstaunlich robust erwiesen. Sie sind kein Relikt, sondern weisen in die Zukunft.

«Heimat zu verkaufen» – diesen Inseratentext (samt Preisangabe) kann man auch heute noch gelegentlich in appenzellischen Zeitungen lesen. Wer mit dem lokalen Sprachgebrauch nicht vertraut ist, könnte tatsächlich meinen, es handle sich buchstäblich um den schrittweisen Ausverkauf der Heimat, um den letzten Akt der kapitalistischen Selbstaufgabe durch Selbstverkauf. «Häämetli», die kleine Heimat, meint aber nichts anderes als ein Heimwesen, ein freistehendes Bauernhaus, wie es in Streusiedlungen üblich ist, samt Umschwung natürlich. Dass solche Grundstücke als Privateigentum auf den Markt kommen, wenn keiner der Erben sie übernehmen will, hat überhaupt nichts Heimatfeindliches an sich. Im Gegenteil, das «Häämetli» wird für jemand andern zur kleinen Heimat.

Ursprünglich versorgten sich die «Häämetli» weitgehend selbst, durch Subsistenzwirtschaft in der Kernfamilie, allenfalls ergänzt durch Hilfspersonen: Ökonomie als Hauswirtschaft im ursprünglichen Sinn. Der Kleinbauer besorgte zusammen mit seiner Familie den Hof. Beim Hausbau und bei der Geräteherstellung half man sich gegenseitig aus und entwickelte dabei eine Art Spezialisierung im Nebenerwerb. Jede Familie war selbstversorgende Produktions- und Lebensgemeinschaft, erweitert um irgendeine zusätzliche Kompetenz, die man tauschen oder verkaufen konnte. Die Landesverteidigung beruhte auf dem Milizprinzip: jeder Wehrfähige ist Soldat auf Abruf. Der Horizont dieser geschlossenen Systeme wurde allerdings schon im Mittelalter überschritten, nachdem eine wachsende Bevölkerung nicht mehr auf neue Rodungen und intensivere Bewirtschaftung ausweichen konnte, sondern vor der Alternative stand, entweder auszuwandern oder ihr landwirtschaftliches Auskommen durch Alpwirtschaft, Heimarbeit, Handel und Dienstleistungen zu ergänzen.

Diese Entwicklung hat schon früh eingesetzt und ausserhalb der zünftisch überregulierten, feudalisierten Städte zu jenen Formen des spontanen Tauschs geführt, die von aussen als appenzellisches Bevölkerungs- und Wirtschaftswunder wahrgenommen wurden. Der deutsche Reiseschriftsteller Ebel schrieb dazu schon 1790, «dass nur da, wo dem freiesten Spiel der Kräfte und Thätigkeit der Menschen keine Schranken und Hindernisse gesetzt sind und sie unter keiner Art des Drucks leben, jede Unternehmung und Arbeit den glücklichsten und schnellsten Fortgang hat und haben muss».

In den vielen, weitverstreuten «Häämetli» des Appenzellerlandes wird seit je nicht nur gearbeitet, sondern «gschaffet». Man hat vorausgesagt, die Menschen der Zukunft würden alle in städtischen Agglomerationen leben und das Land werde schrittweise veröden und verganden. Diese Prognose deckt sich nicht mit dem Trend. Stadt und Land werden heute nicht mehr als sich gegenseitig ausschliessende Gegensätze erlebt, sondern als unterschiedliche Angebote für eine heimatliche Umgebung, die an unterschiedlichste, sich im Lauf des Lebens wandelnde Bedürfnisse angepasst werden kann.

Den beschriebenen nonzentralen Produktions- und Lebensformen, die durch entsprechende Verkehrsnetze und durch die Computertechnologie erleichtert werden, entspricht auch ein durchaus effizientes politisches System. Die Meinung, die vor allem lokal praktizierte direkte Demokratie führe auf fast allen Ebenen zu einem immer komplexeren Blockadesystem gegenseitigen Mitbestimmens und Mitbestimmtwerdens, das heisst zu einer laufend intensiver werdenden Politisierung, hält einer Überprüfung nicht stand. Was politisch-administrativ an Komplexität hinzukommt und die lokalen Verwaltungen immer mehr belastet, sind die vielen Vollzugsaufgaben, über die zentral in Bern oder gar in Brüssel legiferiert wird. Die gemeinsam zu treffenden politischen Entscheidungen und Wahlen auf Kantonsebene, der grossen Heimat, sind über Jahrhunderte an einem einzigen Sonntag im Jahr, an der Landsgemeinde erfolgt; die übrigen 364 Tage gehörten dem «Häämetli», seiner Ökonomie und seiner Kultur. Wohl dem, der solche Heimat hat.

Rober Nef

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(0) Auftakt

«Herkunft aber bleibt stets Zukunft» – so Martin Heidegger. Doch genügt der Stolz auf die Herkunft, um stets auch Zukunft zu haben? Die beiden Appenzell, Innerhoden und Ausserrhoden, sind – jedes in seiner Weise – traditionsbewusst. Heimat wird in beiden Gemeinschaften nicht «im Blick zurück» erlebt, sondern im behutsamen Umgang mit dem Neuen. Zunächst muss […]

(2) «Wir haben einen Sympathiebonus»

Robert Nef im Gespräch mit Marianne Kleiner Von aussen wird das Appenzellerland mehr von seiner traditionellen Seite wahrgenommen. Tatsächlich haben die kleinen Gemeinschaften nur überlebt, weil sie sich immer wieder an neue Situationen angepasst haben, ohne ihre Eigenheiten aufzugeben. Gedankenaustausch zweier Appenzeller über ihren Heimatkanton.

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