(2) «Wir haben einen Sympathiebonus»

Robert Nef im Gespräch mit Marianne Kleiner Von aussen wird das Appenzellerland mehr von seiner traditionellen Seite wahrgenommen. Tatsächlich haben die kleinen Gemeinschaften nur überlebt, weil sie sich immer wieder an neue Situationen angepasst haben, ohne ihre Eigenheiten aufzugeben. Gedankenaustausch zweier Appenzeller über ihren Heimatkanton.

Die Appenzeller gelten als besonders schlagfertig und witzig und auch als ausgeprägte Individualisten. Gibt es so etwas wie einen Appenzellischen Volkscharakter, oder sind das alles nur Klischees?

Die Vielfalt hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Die Zuwanderung, die ich persönlich positiv finde, hat doch einige typische Züge nicht zum Verschwinden gebracht. Appenzeller sind es gewohnt, sich auf die Alltagspraxis zu konzentrieren, zuerst zu überlegen und dann zu reden, möglichst schnörkellos, kurz und bündig, und immer mit der Fragestellung im Hinterkopf «Was nützt das?». Die Erinnerung an Zeiten, in denen die meisten sehr arm waren und das sparsame Haushalten in allen Lebensbereichen überlebenswichtig war, ist immer noch lebendig. «Da bruucht’s nöd» pflegte meine Mutter häufig zu sagen. In sehr vielen Fällen stimmt diese Feststellung – auch in der Politik.

Und der vielgerühmte Appenzeller Humor?

Er ist nicht immer und auch nicht bei allen vorhanden, aber er gehört zum Volkscharakter. Oft ist er gepaart mit einer Art Melancholie und Schwermütigkeit.

Liegt darin auch ein Grund für die statistisch nachgewiesene, vergleichsweise hohe Selbstmordrate, die nicht so richtig zur Vorstellung vom «lustigen Völklein» passen will?

Es gibt dafür verschiedene Erklärungen. Eine wichtige Rolle spielt wohl die besonders intensive gegenseitige soziale Kontrolle, die bei persönlichen Problemen das Leichtnehmen erschwert und die Ausweichmöglichkeiten einschränkt. Wo vieles dank Leichtigkeit und Humor gelingt, gibt es als Schattenseite beim Misslingen immer auch die Melancholie.

Sie waren während vieler Jahre Mitglied der kantonalen Regierung und übten als Frau Landammann auch das höchste politische Amt des Kantons aus. Heute sind Sie Mitglied des Nationalrates. Obwohl die Appenzeller gerne nein sagen und bürokratischen Hierarchien gegenüber traditionellerweise wenig Respekt zeigen, gelten sie in Bern als konsensfähig und kooperativ.

Ja, man mag uns gut. Wir haben einen Sympathiebonus. Vielleicht hängt dieser auch damit zusammen, dass man vor uns keine Angst haben muss, da wir zahlenmässig nicht ins Gewicht fallen und damit weniger gefährlich sind als die Volksvertreter grosser, einflussreicherer Kantone.

Sie waren in der Regierung für die Finanzen verantwortlich. Die Landwirtschaft hatte im Hügel- und Berggebiet seit je einen schweren Stand, und es bildeten sich schon früh Mischformen von Nebenerwerbsbetrieben, Kleingewerbe, Industrie, Handel und Tourismus. Sind die Appenzeller wirtschaftlich eher Nachzügler oder kann man sie auch als Pioniere neuer Erwerbs-, Wohn- und Lebensformen bezeichnen?

Der Strukturwandel hat im Kanton Appenzell Ausserrhoden schon sehr früh eingesetzt. Die wenigsten wissen, dass wir schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts (und vor dem Kanton Glarus) eines der meistindustrialisierten und auch überdurchschnittlich dicht besiedelten Gebiete der Schweiz waren. Die Förderung der kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe hatte in der offiziellen Landwirtschaftspolitik Berns nie Priorität. Viele aktuelle Bundesgesetze zum Thema Raumplanung, Bodenrecht und Landwirtschaft passen schlecht zu unseren historisch gewachsenen Gegebenheiten und den Mischformen, bei denen sich manches überlagert, z.B. bei der Erneuerung und beim Ersatz alter Bauten ausserhalb der Bauzonen, wo es mehr Spielräume brauchen würde.

Die beiden Appenzell waren die letzten Kantone der Schweiz, die vor erst knapp 20 Jahren das kantonale Stimm- und Wahlrecht für Frauen einführten, in Ausserrhoden durch Landsgemeindebeschluss, in Innerrhoden aufgrund eines Bundesgerichtsurteils. Zeugt das nicht doch von einer gewissen Rückständigkeit?

Ich bin sehr froh, dass wir diesen Schritt in unserem Kanton noch selber geschafft haben. Der Grund für die späte Einführung des Frauenstimmrechts liegt nicht etwa darin, dass die Appenzeller besonders frauenfeindlich eingestellt wären. Sie taten sich einfach schwer mit der Vorstellung, dass die traditionelle Landsgemeinde auch gemeinsam mit den Frauen durchgeführt werden könne. Vier Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts wurde ich dann ja als eine von zwei Frauen in die Kantonsregierung gewählt. Wir hatten schon im Wahlkampf Wert darauf gelegt, dass es günstig für die Aussenwahrnehmung sein könnte, wenn gleich zwei Frauen…

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