«Spielen Sie nur einen Ton, nicht drei Töne, das ist zu gefährlich»

Der Dirigent Howard Griffiths formt die Realität nach seiner Vorstellung. Genauer: das Spiel seines Orchesters danach, wie er die Partitur versteht – und braucht dafür Eigenschaften, die einem Trainer nicht unähnlich sind: Wissen, Können und Charisma.

«Spielen Sie nur einen Ton, nicht drei Töne, das ist zu gefährlich»
Howard Griffiths, photographiert von Thomas Entzeroth.

Samstagnachmittag im Juli, ein heisser Sommertag. In der Tonhalle Zürich probt das Orpheum Supporters Orchestra in Sommerkleidern, kurzen Hosen und auch Sandalen für seinen Auftritt am Sonntag. Bei den ersten Geigen sitzt Unternehmerin Esther Girsberger als stv. Konzertmeisterin, am Violoncello FDP-Politikerin Christa Markwalder. Es sind auch Biologen, Neurologen, Berater, Richter und Anwälte, die hier Op. 28 von Camille Saint-Saëns einüben, eine Komposition für Violine und Orchester. Die Stimmung ist hervorragend, es wird viel gelacht. Was nicht zuletzt an Howard Griffiths liegt, der dem Orchester Sätze zuwirft wie: «Spielen Sie nur einen Ton, nicht drei Töne, das ist zu gefährlich.» «Nicht so laut bitte das nächste Mal, dafür präziser.» «Es sollte wie Pizzicati klingen, trocken, wie trockener Wein!»

Als Dirigent, Herr Griffiths, haben Sie Macht über Ihr Orchester. Elias Canetti schrieb, der Dirigent sei, solange die Aufführung andauere, «Herrscher der Welt». Wie nutzen Sie Ihre Position?
Gehen wir 80 oder 100 Jahre zurück, war die Art des Dirigierens eine andere: Dirigenten waren Diktatoren! Sie waren mit einer ungeheuren Machtfülle ausgestattet und konnten einen Musiker auf der Stelle feuern. Das gibt es heute glücklicherweise nicht mehr, denn so eine Beziehung ist keine gute Voraussetzung für gutes Musizieren. Der Druck eines diktatorischen Dirigenten erzeugt ja am Ende nur Angst und damit Hemmungen, frei und offen zu spielen. Ich bin davon überzeugt, dass man nur in einer entspannten Atmosphäre frei und gut musizieren kann.

Aber eine Hierarchie gibt es auch heute noch.
Selbstverständlich: es gibt den Dirigenten, den Konzertmeister und in jeder Gruppe die Stimmführer und ihre Stellvertreter. Eine erste Oboe hat mehr Verantwortung als eine zweite Oboe, was aber nicht heisst, dass letztere sich nicht auch einbringen könnte. Ich lasse die Musiker auch gerne mitentscheiden: In den Proben heute habe ich etwa die Geigen abstimmen lassen, ob sie eine Stelle so oder so spielen wollen. Es gibt aber auch Passagen, bei denen ich durchsetze, dass sie so und nicht anders gespielt werden, und das kann ich auch begründen. Ich finde es wichtig, Gründe zu nennen für meine Entscheidungen. So werden sie auch besser angenommen.

Apropos Entscheidungen: Erinnern Sie sich daran, wie das war, als Sie begannen, ein Instrument zu lernen?
Ich habe Geige und Bratsche gespielt. Mir begegnet oft die romantische Vorstellung, dass herausragende Musik und völlige Freiheit fast schon automatisch miteinander einhergehen. Doch die Fähigkeit, frei zu spielen, muss man sich zuerst erarbeiten, und hierbei führt kein Weg am Üben vorbei. Musik erfordert nicht nur Selbstdisziplin, sondern auch Gruppendisziplin, und beidem muss sich der Musiker unterordnen. Die Freiheit der Musik kann sich erst entfalten, wenn diese Basis geschaffen ist. Gewiss, es braucht auch Talent als Grundlage. Viele von denen, die in einem Bereich richtig gut sind, haben jedoch mehr geübt als alle anderen.

Malcolm Gladwell schreibt in seinem Buch «Überflieger» von 10 000 Übungsstunden, die investiert werden müssten, um ein Weltklasseniveau zu erreichen.
Einfach nur obsessiv üben bringt nicht zwingend den Fortschritt. Man muss intelligent üben.

Wie übt man denn intelligent?
Man muss das sich stellende konkrete Problem genau analysieren und mit Phantasie und Beharrlichkeit Lösungen herausarbeiten. Einfach nur sehr viel üben… das kann ein Problem sogar noch verstärken.

Wann haben Sie herausgefunden, dass Sie ein Dirigent sein wollen?
Es wurde ein Dirigent gesucht für eine Operette. Ich war 26, Berufsmusiker und wollte eigentlich gar nie Dirigent werden. Nach einigem Zögern sagte ich zu. Das Stück war dann sehr erfolgreich, und mir wurde vorgeschlagen, einen Kurs zum Dirigieren zu machen. So kam ich zunächst zum English Chamber Orchestra in London, und dann ging es immer weiter.

Sie kennen die Partitur jeweils auswendig, wenn Sie ein Werk…