(0) Auftakt

«Herkunft aber bleibt stets Zukunft» – so Martin Heidegger. Doch genügt der Stolz auf die Herkunft, um stets auch Zukunft zu haben? Die beiden Appenzell, Innerhoden und Ausserrhoden, sind – jedes in seiner Weise – traditionsbewusst. Heimat wird in beiden Gemeinschaften nicht «im Blick zurück» erlebt, sondern im behutsamen Umgang mit dem Neuen. Zunächst muss das Neue beweisen, dass es besser ist als das Herkömmliche, doch ist es in jener seltsamen Mischung gut aufgehoben, die im folgenden Dossier dokumentiert wird: im Realismus und Pragmatismus der Nicht-Reichen, in der Neugierde des Dorfbewohners, im bäuerlich-gewerblichen Traditions- und Qualitätsbewusstsein, in der Lust an der Dissidenz zum Vorherrschenden (mit liberalen oder konservativen Motiven), in der gelegentlich schalkhaften Experimentierlust und im ausgeprägten Sinn für den Wettbewerb unter Nachbarn.

Die Appenzeller erkämpften sich ihre Unabhängigkeit von der Feudalherrschaft des Abts von St. Gallen im 15. Jahrhundert und wurden 1513 Mitglieder der Alten Eidgenossenschaft. Einen blutigen Glaubenskrieg ersparten sie sich, indem sie ihr kleines Land in zwei Halbkantone aufteilten und das Problem durch ein Verfahren lösten, das man in der modernen Demokratietheorie als eine Verknüpfung von «Exit, voice and loyalty» bezeichnet.

Wer aus den inneren Rhoden zum neuen Glauben übertrat, musste in die äussern Rhoden umziehen und vice versa. Da das Appenzellerland insgesamt klein ist, beschränkte sich der Ortswechsel meist auf wenige Kilometer. Die Landteilung hatte allerdings einen aussenpolitischen Preis: die Herabstufung zu zwei Halbkantonen auf eidgenössischer Ebene. Sie stellen je nur einen Ständerat, und ihre Standesstimme zählt nur halb. Im übrigen sind sie Vollkantonen gleichgestellt.

Der Begriff «Rhod» wird auf lateinische Ursprünge zurückgeführt und bezeichnet eine genossenschaftliche Organisation, in der verschiedene öffentliche Aufgaben als Gemeinwerk, das heisst als Ehrenamt, von Person zu Person rotieren. Durch die zeitliche Begrenzung wird sowohl eine Überbelastung als auch eine Machtballung verhindert.

Die zehn Beiträge des Dossiers beleuchten zehn sehr unterschiedliche Facetten des Appenzellerlandes, die zeigen, wie (und vielleicht auch warum) man gleichzeitig klein und erfolgreich werden, sein und – hoffentlich – auch bleiben kann.

Robert Nef

(2) «Wir haben einen Sympathiebonus»

Robert Nef im Gespräch mit Marianne Kleiner Von aussen wird das Appenzellerland mehr von seiner traditionellen Seite wahrgenommen. Tatsächlich haben die kleinen Gemeinschaften nur überlebt, weil sie sich immer wieder an neue Situationen angepasst haben, ohne ihre Eigenheiten aufzugeben. Gedankenaustausch zweier Appenzeller über ihren Heimatkanton.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»