Zeit auf die Fläche gelegt

Das Künstlerduo M+M

Zeit auf die Fläche gelegt

Vielleicht liegt es daran, dass M+M langweilt, was sie bislang erfolgreich gemacht hat. Welcher Künstler will schon gerne Erwartungen bedienen und das Markenzeichen, das mit ihm assoziiert wird, zur kommerziellen Marke degenerieren lassen. «15 Jahre haben wir unser Label aufgebaut, 6 Monate reichen, um es kaputt zu machen», so die lakonische Selbsteinschätzung – eine «Neupositionierung» also.

M+M, so nennen sich die beiden Münchner Künstler Marc Weis und Martin De Mattia, beide um die vierzig, die seit ihrem Studium der Kunstgeschichte zusammenarbeiten. M+M haben gemeinsam viele Kunstprojekte realisiert; zu ihren augenfälligsten Arbeiten gehören grosse, bestrickend schöne Wandbilder, die wie Teppiche wirken, pulsierend in ihrem Farbenprunk, es ist ein Sog in ihnen, der ihre Abmessungen nach rechts und links zu sprengen scheint. Die Bilder wirken wie eine moderne, westliche Antwort auf die farbenprächtige Ornamentik der Orientteppiche, von einer linearen Rationalität bestimmt, einer farbintensiven Glattheit, einer vorwärtstreibenden Rhythmik, einem Weiter, weiter, weiter… , das den Betrachter dazu zwingt, näher und näher zu treten, Einzelheiten auszumachen, solange, bis das abstrakte Muster sich als Tausende rechteckiger, kleiner Einzelbilder aus einem Film zu erkennen gibt, die zeilenweise aneinandergereiht sind.

Der Teppich, so wird nun deutlich, ist gleichsam ein auf einer Projektionswand ausgebreiteter dreiminütiger Film, er ist eine Manifestierung des Ungleichzeitigen in der Gleichzeitigkeit: alles auf einmal, statt nacheinander. Ein besonders farbintensives, in tiefem Violett und Blau gehaltenes Bild mit einem Streif von flackerndem Rot entpuppt sich als die ernüchternde Sequenz eines einsam Pornographie konsumierenden Mannes, der am Ende des Filmteppichs zum Fenster geht und den Vorhang ein wenig beiseite schiebt. Tritt der Betrachter selbst dann vom Filmteppich zurück und gewinnt Abstand, dann kippen die Sequenzen wieder zurück in eine dekorative Harmlosigkeit.

Insgesamt zehn dieser Filmteppiche, zweieinhalb Meter lang und eineinviertel Meter hoch, haben M+M produziert; jeder besteht aus 4290 fortlaufenden Einzelbildern eines Kurzfilms, die alle am gleichen Tag zur gleichen Uhrzeit spielen: kurz vor fünf mitteleuropäischer Zeit wird jeweils ein einzelner Mensch in seinem Umfeld beobachtet, in Berlin, Bornholm, Montreal, München, Princeton, New York oder Kalkutta. Neben der Serie «kurz vor fünf» gibt es noch die Serie «in front», auf der Fläche ausgebreitete Filmsequenzen von Fernsehnachrichten verschiedener Länder aus den letzten Jahren – «Bush», «Erfurt», «Kannibale», «Karatschi», «Khan», «Opus Dei», «Palästina» sind die titelgebenden Stichworte der einzelnen Tableaus, düster und schwer wirken sie im Vergleich zu «kurz vor fünf», jeder Nachricht scheint eine länder- und themenspezifische Ornamentik eigen zu sein.

Europa im Selbstfindungsprozess in einer sich mehr und mehr vernetzenden, aber auch nach neuen Identitäten und Abgrenzungen suchenden Welt – zu diesem Schwerpunktthema der vorliegenden Ausgabe der «Schweizer Monatshefte» schienen uns die Filmteppiche ein passender Kommentar zu sein, dem es gelingt, das Disparate, die an verschiedenen Orten zur selben Zeit stattfindenden Geschehnisse, zueinander in Bezug zu setzen und dabei deutlich zu machen, wie das Übermass der Informationen ein buntes Muster zu suggerieren vermag, das beim genaueren Blick überraschende Einzelschicksale offenbart.

Doch die Künstler hatten für unsere Ausgabe Neues im Kopf und zerpflückten einen ihrer Filmteppiche, die Sequenzen wurden aufgeschnitten, einzelne Bilder hochgezoomt, Text und Untertitel eingeblendet. Nun ist alles miteinander verquickt: das Ornament mit der Dominanz des Einzelbildes, die Sequenz mit dem Moment. M+M schufen zusammen mit ihrem Graphiker Felix Kempf ein Journal – es findet sich in die Mitte dieser Ausgabe – auf der Grundlage des Filmteppichs «Opus Dei», eines Ausschnitts aus einer Nachrichtensendung über die Heiligsprechung des Opus-Dei-Gründers Josemaría Escrivá durch Johannes Paul II. Die Künstler, die sich bei ihren klassischen Filmteppichen ihrem Material anvertrauten und Ornamentik und Farblichkeit – man glaubt es kaum ­– dem Zufallsglück überliessen, überführen ihr eigenes Label in einen weiteren Verarbeitungskreislauf.

Abbildungen der Werke des Künstlerduos M+M finden…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»