Editorial

Editorial

«Was wir in den letzten Jahrzehnten im Kreditrausch vorgefressen haben, werden wir in den nächsten Jahrzehnten nachhungern müssen. Es wird furchtbar werden.»
Roland Baader, 2010

 

Noch Anfang der 1980er-Jahre betrugen die Schulden der USA 30 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts, heute sind es rund 135 Prozent. Im bis heute andauernden Kreditrausch, der 1971 mit der Aufhebung des Goldstandards eingeläutet wurde, bedienen sich die entwickelten westlichen Industriestaaten an der Zukunft, statt für sie vorzusorgen. Davon profitieren die Rentner, und es verlieren die Jungen. «Wir leben in keiner guten Zeit, um jung zu sein», sagte etwa Investor Jim Rogers letztes Jahr. «Das ist eine gute Zeit, um alt zu sein.»

Inzwischen sind fast überall Politiker an der Macht, die das richtige Zuteilen von Geld als ihre grösste Aufgabe ansehen. Doch anders als beispielsweise Schwalbeneltern, die ihrem hungrigen Nachwuchs unter Todesgefahr unermüdlich Würmer und Käfer heranschaffen, nehmen die Politiker einfach, was der Steuerzahler unter Gewaltandrohung bereitzustellen hat. Dass dieser Topf einmal leer sein könnte oder sein Inhalt wertlos, ist kaum ein Thema für die Medien. Sie inszenieren die Politiker lieber als Heilsbringer mit der Fähigkeit, die Welt zu retten. Bundeskanzler Olaf Scholz beispielsweise geht durch als einer, der mit einem «Doppelwumms» – also der Bereitstellung von nochmals 200 Milliarden Euro an Staatsaus­gaben – Probleme anpackt und löst.

Dabei zapft der Politiker Ressourcen an, die gar nicht verfügbar sind oder sein sollten, und verhält sich wie ein verzweifelter Unternehmer, der nicht in Konkurs gehen will. Kredite erhielten einst nur Kredible, also Leute, die glaubwürdig erschienen, Anvertrautes auch wieder zurückzuzahlen. Wirken unsere Politiker noch glaubwürdig? Und wenn nicht, warum lassen wir unser Geld von ihnen verpulvern? Die Auswirkungen der unverantwortlichen Kreditwirtschaft hätten sich bereits vor 14 Jahren in der Finanzkrise von 2008 zeigen sollen. Was bis heute erfolgreich verschleppt wurde, zeigt sich nun vielleicht in diesem Winter. Wo genau das Finanzsystem ins Schlingern gerät, ist schwer zu sagen: Die Aktien haben gelitten, sind aber noch immer stark überbewertet. Die Inflation ist bei 10 Prozent angelangt, doch mehr Entwertung ist zu erwarten. Am Markt geraten die Staatsanleihen unter Verkaufsdruck, die Renditen steigen, und damit nimmt die Last der Zinsen und längerfristig der Schulden zu. Und der US-Dollar strotzt vor Stärke, ist aber bloss der König unter den Schwundwährungen.

Ich glaube, der Westen überschätzt seine eigene Stärke massiv. Wir Westler sind träge geworden, der vermeintliche Geldsegen hat uns schwach und unproduktiv gemacht. Die Schuldenwirtschaft macht uns zu Narren, die glauben, im Lotto gewonnen zu haben. Erwachen wir dann eines Tages aus diesem Wahn, werden wir die elementarsten Dinge wieder neu ­lernen müssen. Die drohende Strommangellage, die der Bundesrat kürzlich ausgerufen hat, ist vielleicht nur ein Vorbote.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»